(Pop.: 57 – 99m NN)

Man könnte meinen, ein Ort, der sich schlicht „Grenzpunkt“ nennt, sei wenig mehr als eine Wegmarkierung, ein Name auf einem Schild, das im nächsten Sturm fortgeweht wird. Doch wer so denkt, hat noch nie im Schatten der alten Schranke gestanden, die hier, am westlichen Zipfel der Insel Gabelow/Sawitz, die Landstraße B31 durchschneidet. Der Weiler Grenzpunkt, der zur Gemeinde Ritzin gehört, ist alles andere als eine Einöde – er ist ein Ort von stiller, fast vergessener Bedeutung, ein Ort, an dem die Geschichte nicht nur vorbeizieht, sondern in der Landschaft förmlich festgewachsen scheint.

Seinen Namen verdankt der Ort seiner unmittelbaren Nachbarschaft zur Landesgrenze, die hier, auf diesem schmalen Landstrich, Insula von Buthanien trennt. Die Schrankenanlage auf der B31 ist ein Relikt aus Zeiten, als dieser Übergang noch streng bewacht wurde. Heute steht sie ungenutzt da, ein stilles Denkmal für eine vergangene Ära, deren strenge Regeln undurchlässig schienen. Die Bediensteten des Zolls sind längst abgezogen, die Uniformen eingemottet. Die Schranke selbst, ein einfaches, rot-weiß gestrichenes Metallgestänge, rostet ein wenig vor sich hin und wird von den Winden des Mare Internum umspielt. Für die Bewohner von Grenzpunkt ist sie längst kein Hindernis mehr, sondern ein vertrautes Wahrzeichen, an dem man vorbeifährt, ohne noch groß darüber nachzudenken – so wie man an einem alten Baum vorbeigeht, der schon immer dort stand.

Doch Grenzpunkt ist nicht nur ein Ort des Durchreiseverkehrs. Er ist das Ziel jener stillen Naturfreunde, die das Besondere im scheinbar Unscheinbaren suchen. Wer die B31 verlässt und sich zu Fuß oder mit dem Rad auf die wenigen Wege begibt, die sich von der Straße in die Landschaft schlängeln, der findet sich schnell in einer Welt wieder, die von Weite und Einsamkeit geprägt ist. Die Weideflächen sind baumlos, ein sanft gewelltes Grün, das bis an die Dünen reicht, die sich wie eine natürliche Festung vor dem offenen Meer erheben. Es ist eine Landschaft, die unter dem weiten Himmel des Mare Internum liegt, oft durchzogen von den kräftigen Winden, die von der See herüberwehen. Hier oben, auf den Kuppen der Dünen, kann man stundenlang stehen und den Blick über das Wasser schweifen lassen, bis die Konturen der fernen Küsten verschwimmen. Nur das Rauschen des Meeres und der Ruf der Möwen begleiten einen.

Ein besonderes Schauspiel bietet der Fosselv, jener kleine, aber unermüdliche Fluss, der seine Wasser aus dem dichten Inselwald herunterführt und hier, in Grenzpunkt, seine Reise im Mare Internum beendet. In den Sommermonaten, wenn die Sonne hoch am Himmel steht und das Wasser des Fosselv glasklar über die Kieselsteine plätschert, ist es ein beliebter Ort für eine kleine Rast. Die Ufer sind gesäumt von Schilf und dichten Büschen, in denen sich Libellen und Wasserjungfern tummeln. Es ist ein Ort der Kontraste: das sanfte Fließen des Baches, die raue Weite der Dünen und die salzige Brise des Meeres. Fischer aus Ritzin kennen den Fosselv seit Generationen. Einer von ihnen ist der alte Gunnar Thomsen, der schon seit über vierzig Jahren sein Netz an der Mündung auswirft. Er erzählt gerne die Geschichte von dem riesigen Aal, den er hier vor Jahren gefangen haben will – eine Geschichte, die so oft erzählt wurde, dass sie längst selbst zur Legende geworden ist.

Das Herzstück des örtlichen Wirtschaftslebens, wenn man es denn so nennen mag, ist ein einziger Handwerksbetrieb, der sich auf die Herstellung von Sanddornseifen spezialisiert hat. In einer kleinen Werkstatt, deren Fenster im Sommer weit geöffnet sind, sodass der Duft der ätherischen Öle und des getrockneten Sanddorns bis auf die Straße weht, stellt die Seifensiedermeisterin Elisabeth Markward ihre Produkte her. Die Seifen sind in einem kleinen Verkaufsraum direkt an der Werkstatt erhältlich. Es sind handgefertigte Stücke in erdigen Farbtönen, die nach der charakteristischen, leicht säuerlichen Süße des Sanddorns duften. Frau Markward, eine gelernte Chemikerin, die vor zwanzig Jahren der Hektik der Hauptstadt den Rücken kehrte, schwört auf die heilende Wirkung ihrer Seifen. Besonders die „Dünen-Seife“ mit einem Hauch von Meersalz erfreut sich bei den wenigen Touristen, die den Weg nach Grenzpunkt finden, großer Beliebtheit. „Das ist mehr als nur Seife“, sagt sie dann mit einem Augenzwinkern, „das ist ein Stück Grenzpunkt zum Mitnehmen.“

Für das leibliche Wohl sorgt der Kiosk am Strand, der von der resoluten Karin Fricke und ihrem Mann Jürgen betrieben wird. Die Holzbude, die etwas windschief in den Dünen steht, ist eine Institution. Hier gibt es die besten Fischbrötchen der ganzen Insel Gabelow/Sawitz, belegt mit frisch geräuchertem Makrelenfilet oder knusprig gebratenem Seelachs, serviert auf einem saftigen Brötchen mit einem Klecks Remoulade. Dazu wird das süffige Gabelower Landbier aus Ritzin gereicht, ein untergäriges Bier, das in der Brauerei am Marktplatz von Ritzin gebraut wird und für seinen milden, malzigen Geschmack bekannt ist. Wenn man hier, auf der Holzbank vor dem Kiosk sitzend, den salzigen Wind im Gesicht spürt und den Blick über das endlose Meer schweifen lässt, während man in sein Fischbrötchen beißt, dann begreift man, warum Grenzpunkt für seine Bewohner mehr ist als nur ein Punkt auf der Landkarte.

Die Anbindung an die Welt ist für einen so kleinen Ort erstaunlich gut. Die B31 führt direkt durch den Weiler und verbindet ihn mit Ritzin im Süden, das nur vier Kilometer entfernt ist, sowie mit der Kreisstadt Gabelow/Sawitz im Norden, die man nach zwei Kilometern erreicht. Eine schmale, gewundene Straße führt zudem durch den dichten Inselwald bis zur Bungalowsiedlung, die gut viereinhalb Kilometer östlich liegt. Wer ohne Auto unterwegs ist, kann den Insula-Express der Linie 2002 nutzen, der stündlich von sechs Uhr morgens bis halb zehn abends sowohl nach Insula als auch nach Butha fährt.

Grenzpunkt ist kein Ort für jene, die nach Action und Unterhaltung suchen. Es gibt hier kein Kino, kein Museum, kein Theater. Das Leben spielt sich draußen ab, in der Natur, am Strand, in der Stille der Dünen. Die Bewohner, eine Handvoll Familien und ein paar Eigenbrötler, die die Abgeschiedenheit schätzen, kennen sich alle. Man grüßt sich auf der Straße, man hält ein Schwätzchen am Kiosk, und man hilft sich gegenseitig, wenn der Wintersturm mal wieder ein paar Dachziegel locker gerissen hat. In den langen Abenden, wenn die Sonne im Mare Internum versinkt und der Himmel in sattem Orange und Rosa erstrahlt, sitzen die Männer oft noch auf den Bänken vor dem Kiosk, trinken ihr Gabelower Landbier und blicken auf das Meer. Sie sprechen wenig, denn sie wissen, dass sie das, was sie hier haben, nicht in Worte fassen können. Es ist ein Gefühl von Freiheit, von Weite, von Frieden – das ist das eigentliche Geheimnis von Grenzpunkt.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 2002 (Insula-Express) stündlich 6:32-21:32 nach Insula, 6:52-21:52 nach Butha
Straße: B31 (S: Ritzin 4km, N: Gabelow / Sawitz 2km); Straße durch den Inselwald (O: Bungalowsiedlung 4,5km)

LandInsula
LandkreisStegstedt
Gemeinde: I-3010 Ritzin
Ort: I-3011 Grenzpunkt