
(Pop.: 16 – 312m NN)
Das Vierhaus ist kein Ort, den man einfach so findet. Wer es wissen will, muss die sieben Kilometer lange Feldstraße von Alno aus in Angriff nehmen, die sich in engen Serpentinen den Hang des Kohlgebirges hinaufschlängelt. Mit jedem Meter wird die Luft etwas dünner, der Blick weiter – und das Rauschen der Sturmsee, das in Alno noch allgegenwärtig ist, verliert sich allmählich im Rauschen des Windes, der über die kargen Weideflächen streicht. Kurz bevor der Wald beginnt, dort wo die Schafe nicht mehr höher steigen, liegt es: eine Ansammlung von vier Häusern am Waldrand, so unscheinbar, dass man sie beinahe übersehen könnte. Sechzehn Menschen leben hier, und sie bilden eine Gemeinschaft, die so eigenwillig ist wie der Ort selbst.
Seine Existenz verdankt Vierhaus den Schafherden, die in den Sommermonaten die steilen Hänge des Kohlgebirges bevölkern. Hier oben, wo die Weideflächen allmählich in dichten Nadelwald übergehen, wird geschoren. Der Vierhaus ist der zentrale Schafschurplatz für die Schäfereibetriebe des gesamten Landkreises Westmünde. Wer im Spätsommer die Feldstraße heraufkommt, sieht die Tiere in langen Reihen auf ihre Behandlung warten, während die Luft erfüllt ist von Blöken, dem Klirren der Schermaschinen und dem Geruch von Wolle und Schweiß.

Die vier Häuser selbst sind schlichte Bauten aus verwittertem Holz, ihre Fassaden vom rauen Klima gebleicht. Das erste Haus gehört der Familie Brenner, die seit drei Generationen den Schurplatz betreibt. Hier wohnt Olaf Brenner, ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht und ruhigen Händen, der die Schafe mit einer Geduld behandelt, die man nur bei Menschen findet, die ihr Leben lang mit Tieren gearbeitet haben. Seine Frau Marlene versorgt die Saisonarbeiter, die während der Schurzeit von nah und fern anreisen, mit einfachen, aber nahrhaften Mahlzeiten – oft genug ein deftiger Eintopf aus Lamm und Graupen, wie er in der Region seit jeher gekocht wird. Das zweite Haus beherbergt die Unterkunft für die Wanderarbeiter, die während der Hauptsaison hier oben schlafen. Es ist spartanisch eingerichtet: schmale Betten, ein großer Tisch, ein Ofen, der Tag und Nacht brennt. Das dritte Haus dient als Lager für Wolle und Werkzeug, und das vierte – das ist das Herz des Vierhauses.

Im vierten Haus steht die kleine Destille, die die Bewohner liebevoll „den Lämmerhengst“ nennen. Es ist eine handbetriebene Anlage, kaum größer als ein ausgedienter Waschkessel, aber sie genügt, um die Gemeinschaft mit ihrem eigenen Wacholderschnaps zu versorgen. Das Rezept ist einfach, aber bewährt: Wacholderbeeren von den Sträuchern, die oberhalb der Baumgrenze wachsen, gemischt mit Gerste, die von den Feldern im Tal heraufgeschafft wird. Das Geheimnis liegt im Brennvorgang – über offenem Feuer, das dem Schnaps eine leichte Rauchnote verleiht, ähnlich wie bei der berühmten Spezialität aus Alno. Wenn die Arbeit getan ist und die Schafe für die Nacht in ihre Pferche getrieben sind, versammeln sich die Bewohner des Vierhauses um den großen Tisch im vierten Haus. Jeder bringt sein eigenes Glas mit, und der „Lämmerhengst“ kreist. Es wird erzählt, gelacht, gestritten – über das Wetter, über die Preise für Wolle, über den neuesten Klatsch aus Westmünde. Ein Wirtshaus mag es nicht geben, aber die Geselligkeit ist hier oben vielleicht sogar lebendiger als mancherorts im Tal.
Das Leben im Vierhaus ist hart, aber es hat seinen eigenen Rhythmus. Der Tagesablauf wird bestimmt von den Schafen. Im Frühjahr, wenn die Lämmer geboren werden, sind die Bewohner ununterbrochen auf den Beinen, um die Herden zu versorgen. Im Sommer, während der Schur, herrscht Hochbetrieb – dann kommen die Schäfer aus dem gesamten Landkreis, um ihre Tiere hier oben scheren zu lassen. Von hier aus werden die Schafe dann auf die steilen Weidehänge nach Norden getrieben, wo das Gras besonders würzig ist und der Wolle ihre charakteristische Festigkeit verleiht. Im Herbst, wenn die Herden ins Tal zurückkehren, wird das Vierhaus ruhiger. Die Bewohner nutzen die Zeit, um Vorräte anzulegen, den „Lämmerhengst“ für den Winter zu brennen und die Häuser für die kalte Jahreszeit zu wappnen. Der Winter selbst ist eine Zeit der Stille. Schnee fällt oft meterhoch, und die Feldstraße ist wochenlang unpassierbar. Dann sind die sechzehn Bewohner auf sich allein gestellt – ein Zustand, den sie nicht als Entbehrung, sondern als Freiheit empfinden.
Vom Vierhaus aus hat man einen der beeindruckendsten Ausblicke der gesamten Region. Bei klarem Wetter reicht der Blick über die Suhler Meerenge bis hinüber zur Sturminsel, wo nachts die Lichter von Chomwat funkeln. Im Westen verschwimmen das Westmeer und der Horizont zu einer einzigen graublauen Fläche. Es ist ein Ort, der Demut lehrt – vor der Natur, vor dem Wetter, vor der Arbeit, die hier oben jeden Tag aufs Neue getan werden muss. Und doch ist es genau diese Abgeschiedenheit, die das Vierhaus zu dem macht, was es ist: ein letzter Außenposten der Zivilisation, ein Ort, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Wer einmal hier oben war, wird den Geruch von Wolle und Rauch, den Geschmack des „Lämmerhengsts“ und die Stille unter dem weiten Himmel so schnell nicht vergessen.
Verkehrsverbindungen:
Straße: Feldstraße nach Alno 7km, Waldrandweg am Kohlgebirge
Land: Kohlonia
Landkreis: Westmünde
Gemeinde: K-6110 Alno (Kohlgebirge)
Ort: K-6111 Vierhaus (Kohlgebirge)

