
(Pop.: 413 – 7m NN)
Die Anreise nach Sterndorf ist bereits ein kleines Abenteuer für sich. Von der Kreisstadt Aglitz aus folgt man der Straße I-3 für knapp vier Kilometer gen Norden, dann zweigt ein schmaler, von Bäumen gesäumter Weg ab, der sich in sanften Kurven durch den Aglitzer Wald schlängelt. Der Geruch von Harz und feuchter Erde dringt durch die geöffneten Fenster, und wenn man das Blätterdach hinter sich lässt, liegt es plötzlich da: das Dorf Sterndorf, eine Gemeinde von 413 Seelen, die auf gerade einmal sieben Metern über dem Meeresspiegel zwischen Wald und Strand des Mare Internum in die Landschaft gebettet ist.
Der Ortsname, so erzählt man sich, geht auf eine alte Legende zurück. In einer sternenklaren Nacht sei ein Fischerboot in schwerem Nebel vor der Küste gestrandet. Der einzige Anhaltspunkt für die erschöpften Männer sei ein seltsam hell leuchtender Stern gewesen, der direkt über der Bucht zu flimmern schien. Sie ruderten auf das Licht zu und fanden eine geschützte Bucht, einen flachen Strand und dahinter eine kleine Siedlung, die ihnen Schutz und Rettung bot. Seither heißt der Ort Sterndorf – und noch heute schwören einige der älteren Bewohner, dass der Stern in manchen Nächten immer noch über dem Wasser tanzt.

Das Herzstück von Sterndorf aber ist sein Strand. Er ist ein Ort der erstaunlichen Toleranz, denn hier ist für jeden etwas dabei. Textilstrand, Hundestrand und FKK-Strand gehen nahtlos ineinander über, und es ist keine Seltenheit, dass am selben Abschnitt Familien mit ihren Hunden spielen, während nebenan Sonnenanbeter aller Couleur die warme Brise genießen. Der feine, helle Sand lädt zu langen Spaziergängen ein, und das Wasser des Mare Internum hat an dieser Küste eine angenehme, klare Temperatur, die bereits im späten Frühling zum Baden einlädt. Direkt am Strand befindet sich der kleine, aber feine Strandladen mit angeschlossenem Imbiss, geführt von Eleni Papadopoulos. Hier gibt es alles, was das Strandherz begehrt: Sonnencreme, bunte Badetücher, aufblasbare Schwimmtiere in Form von Fischen und – für den kleinen Hunger zwischendurch – knusprige Pommes, frische Brötchen mit Räucherfisch und selbstgemachte Limonade mit Minze aus dem eigenen Garten. Die Tische vor dem Laden sind fast immer besetzt, und Eleni plaudert mit jedem Gast, als würde sie ihn schon seit Jahren kennen.

Etwas weiter landeinwärts, am Rande des Dorfes, wo der Aglitzer Wald dichter wird, liegt die Imkerei von Tariq El‑Haddad. Sein Waldhonig ist weit über die Grenzen von Sterndorf hinaus bekannt. Tariq, ein ruhiger, bedächtiger Mann mit wettergegerbtem Gesicht, führt seine Bienenstöcke mit einer Hingabe, die fast an Meditation erinnert. Er wandert mit seinen Völkern durch die Lichtungen des Waldes, dorthin, wo die wilden Blumen am üppigsten blühen – Heidekraut, Waldglocken und die seltene Sterndorfer Orchidee. Das Ergebnis ist ein Honig von dunkler, fast bernsteinfarbener Tiefe, der nach Harz und Waldboden schmeckt, mit einer feinen, leicht herb-süßen Note. „Der Wald gibt seinen Geschmack nicht einfach so preis“, sagt Tariq gerne, wenn er Besuchern ein kleines Glas zum Probieren reicht. „Man muss ihm Zeit lassen und zuhören.“ Seine Honiggläser, etikettiert mit einem kleinen, goldenen Stern, sind ein beliebtes Mitbringsel und werden sogar in der Kreisstadt Aglitz in einigen Feinkostläden angeboten.

Wer in Sterndorf einkehren möchte, hat mehrere charmante Möglichkeiten. Das Hotel & Restaurant „Zum Leuchtturm“ (Strandstraße 7) ist ein altes, weiß getünchtes Gebäude mit blauen Fensterläden, das direkt an der Promenade liegt. Die Zimmer sind hell und freundlich, die meisten mit einem atemberaubenden Blick auf das Meer. Die Gaststube serviert bodenständige insulanische Küche: frisch gefangenen Fisch, gebraten mit Kräutern aus dem eigenen Garten, dazu Kartoffeln und ein kühles Blondes vom Fass. Die Inhaber, Geschwisterpaar Hanna und Jakob Voss, führen das Haus mit einer Herzlichkeit, die jeden Gast sofort willkommen heißt. Etwas ruhiger, aber nicht weniger einladend, ist das Gästehaus „Waldesruh“ (Am Hang 3), ein ehemaliges Forsthaus, das liebevoll renoviert wurde. Es liegt erhöht, umgeben von hohen Kiefern, und bietet einen herrlichen Blick über die Dächer von Sterndorf bis hin zum Meer. Die fünf Gästezimmer sind im Landhausstil eingerichtet, und morgens wird ein Frühstück mit regionalen Produkten serviert – natürlich auch mit Tariqs Waldhonig. Betrieben wird das Gästehaus von Clara und Moritz Brenner, einem jungen Paar, das vor einigen Jahren die Großstadt hinter sich ließ, um hier ihre eigene kleine Oase zu schaffen.

Für das leibliche Wohl sorgt zudem die Fischgaststätte „Bei Jonas“ (Hafenweg 12). Jonas Thomsen, ein Fischer in dritter Generation, hat sich mit seiner kleinen, aber feinen Küche einen Namen gemacht. Sein Spezialität ist die „Sterndorfer Fischerpfanne“ – ein üppiger Topf voller Muscheln, Garnelen und weißem Fisch in einer würzigen Brühe aus Weißwein, Knoblauch und einer Prise Safran. Dazu gibt es knuspriges Brot, und die Tische stehen so nah am Wasser, dass man bei Flut das Plätschern der Wellen hören kann. Jonas steht selbst fast jeden Abend am Herd oder am Grill, und er erzählt gerne Geschichten von seinen Fahrten auf dem Mare Internum, von den Stürmen, die plötzlich aufziehen, und von den ruhigen Nächten, in denen die Sterne so hell scheinen, dass man meinen könnte, sie greifen zu können.

Wer den Tag bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen ausklingen lassen möchte, findet sein Glück im Café Sonnenschein (Marktplatz 1). Das kleine, in Pastellfarben gehaltene Café wird von der Familie Hoffmann betrieben, die hier seit drei Generationen ihre Gäste bewirtet. Die Spezialität ist die „Sonnenschein-Torte“ – eine leichte, luftige Sahnetorte mit frischen Erdbeeren und einem Hauch von Zitronenschmelz, die an sonnigen Nachmittagen auf der kleinen Terrasse vor dem Café genossen werden kann. Inhaberin Lena Hoffmann backt noch nach den alten Rezepten ihrer Großmutter, und der Duft von frischem Kaffee und Vanille weht fast den ganzen Tag über den Marktplatz. Hier treffen sich die Einheimischen zum Klönen, und hier erfährt man die besten Geschichten über das Dorfleben.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil des dörflichen Lebens ist Schneiderin Marie Vogel. In ihrer kleinen Werkstatt in der Dorfstraße, gleich neben der alten Dorfkirche, näht und ändert sie Kleidung mit einer Geduld und Präzision, die ihresgleichen sucht. Marie ist eine Frau mit silbernem Haar und stets einem Lächeln auf den Lippen. Sie kennt nicht nur jede Naht, sondern auch jeden Menschen in Sterndorf. Wenn jemand ein neues Kleid für das Erntefest braucht oder die alte Jacke geflickt werden muss, geht man zu Marie. An ihrer Nähmaschine entstehen nicht nur Reparaturen, sondern auch kleine, maßgefertigte Kunstwerke – und wer Glück hat, kann bei ihr ein Stück der ruhigen, beschaulichen Dorfzeit einfangen, während sie von den Hochzeiten und Taufen erzählt, für die sie bereits genäht hat.
Das Leben in Sterndorf wird von einer starken Gemeinschaft getragen. Die Freiwillige Feuerwehr, angeführt von Hauptbrandmeister Lars Bergmann, ist das Rückgrat des Dorfes. Sie übt jeden Donnerstagabend auf dem Platz hinter dem Gemeindehaus, und ihr alljährliches Sommerfest ist das Ereignis des Jahres, bei dem das ganze Dorf zusammenkommt. Der Sportverein, der „SV Sterndorf“, nutzt den kleinen, aber gepflegten Fußballplatz am Waldrand, und die Jugendlichen treffen sich im Jugendclub, der in einem umgebauten Bauernhaus untergebracht ist. Das Gemeindehaus selbst, ein stattlicher Bau aus rotem Backstein mit einem kleinen Glockenturm, ist nicht nur der Sitz der Verwaltung unter Bürgermeisterin Felicitas Kern, sondern auch der Ort für Versammlungen, Theateraufführungen der örtlichen Laienspieltruppe und für die wöchentlichen Seniorennachmittage.
Sterndorf ist kein Ort der Hektik. Es ist ein Ort, an dem die Zeit anders läuft, an dem der Wald bis ans Dorf reicht und das Meer ständig präsent ist. Die Wanderwege, die von hier aus in den Aglitzer Wald führen, sind ein Paradies für Naturliebhaber. Wer nach Westen wandert, gelangt nach etwa fünf Kilometern zum malerischen Buchtkap mit seinem alten Wachturm, wer nach Osten aufbricht, erreicht nach zwölf Kilometern den kleinen Weiler Sternstrand. Die nächste Bahnstation liegt in Aglitz, aber wer einmal in Sterndorf war, der weiß: Hierher kommt man nicht, um schnell weiterzureisen. Man kommt, um zu verweilen, um den Duft des Waldes und des Meeres zu atmen und um vielleicht, in einer klaren Nacht, den Stern zu sehen, der dem Dorf seinen Namen gab.
Verkehrsverbindungen:
Straße: I-3 (S: Aglitz 4km); Wanderwege durch den Aglitzer Wald (W: Buchtkap 5km, O: Sternstrand 12km)

