
(Pop.: 478 – 273m NN)
Das Dorf Reichenau liegt eingebettet in das Tal des Reichenbachs, eingekuschelt zwischen sanften Hügeln, die sich im Morgenlicht in ein zartes Grün tauchen. Der Bach, der zehn Kilometer weiter südlich im Krisdorfer Wald auf dem Drosener Rücken entspringt, durchzieht das sechs Kilometer lange Dorf auf seinem Weg nach Norden, wo er in den Whisperwind Creek mündet.

Die kleine Dorfkirche, ein schlichter Bau aus dem 17. Jahrhundert, steht am nördlichen Ende des Dorfangers, umgeben von alten Linden, deren Kronen im Sommer ein dichtes Blätterdach bilden. Ihr Inneres ist schmucklos, aber von einer fast meditativen Ruhe – das Licht fällt durch schmale, hohe Fenster und zeichnet langsam wandernde Muster auf den blankgescheuerten Holzboden. Die Chronik des Dorfes, die im Stadtarchiv Rastitz aufbewahrt wird, erzählt von den ersten Siedlern, die sich hier niederließen, von Hochwassern, die den Reichenbach über die Ufer treten ließen, und von einem Brand, dem beinahe die ganze Kirche zum Opfer gefallen wäre.

Wer Reichenau durchquert, dem fällt unweigerlich das alte Fachwerkhaus in der Dorfstraße 17 auf, dessen Balken sich über die Jahrhunderte leicht verzogen haben. Hier betreibt Étienne Dubois ihre Buchhandlung, ein kleiner, verwinkelter Laden, in dem der Duft von altem Papier und Leinöl die Luft erfüllt. Die Buchhändlerin, eine Frau mit silbergrauem Haar und einer Vorliebe für schwarze Rollkragenpullover, kennt nicht nur jedes Regal, sondern auch fast jeden Gast beim Namen. „Die Leute kommen hier nicht nur, um Bücher zu kaufen“, sagt sie, während sie mit einer selbstverständlichen Geste ein vergilbtes Exemplar aus dem Regal zieht, „sondern um zu erzählen, was sie gerade bewegt.“ Ihr Sortiment ist so unkonventionell wie ihr Ladengeschäft: Reiseberichte aus längst vergessenen Epochen, Gedichtbände unbekannter Autoren und eine ganze Wand voller botanischer Zeichnungen, die der Grafiker David Vogt angefertigt hat. Vogt, ein stiller Zeitgenosse mit einer Vorliebe für feine Bleistiftstriche, lebt seit Jahren in einer kleinen Dachstube über der Buchhandlung und fängt in seinen Arbeiten die Besonderheiten der Region ein – den Reichenbach im Nebel, die Silhouette der Kirche im Winter, das Licht, das durch die Bäume fällt. Seine Bilder hängen in fast jedem Haus des Dorfes, und wer eines erwerben möchte, wendet sich an Étienne, die sie wie selbstverständlich zwischen die Buchdeckel legt.

Ein Stück weiter, in einem alten Bauernhaus mit verwildertem Vorgarten, hat sich die „Teestube am Reichenbach“ etabliert. Der Garten erstreckt sich bis direkt ans Ufer des Baches, wo zwischen hohen Stauden und alten Obstbäumen ein paar verwitterte Tische stehen. Hier sitzen die Gäste an lauen Sommerabenden, hören dem Rauschen des Wassers zu und trinken Tees, die die Besitzerin, eine leidenschaftliche Kräutersammlerin, aus den Wäldern der Umgebung zusammenstellt. Ihre Spezialität ist ein Aufguss aus getrockneten Holunderblüten und Minze, den sie mit einem Schuss Honig aus Hartmannsfeld verfeinert. Die Teestube ist der inoffizielle Mittelpunkt des Dorfes – der Ort, an dem sich die Menschen treffen, um über das zu sprechen, was sie bewegt, und an dem der Alltag für einen Moment stillsteht.

Die Bibliothek von Reichenau ist keine öffentliche Einrichtung im herkömmlichen Sinne. Sie befindet sich im ehemaligen Schulhaus der Dorfstraße und wird von einer ehrenamtlichen Initiative betrieben. Die Regale sind bis unter die Decke gefüllt, und wer ein Buch ausleihen möchte, trägt sich in ein handschriftliches Verzeichnis ein, das seit den 1950er Jahren geführt wird. Der Bestand ist heterogen – von vergriffenen Romanen über technische Handbücher bis hin zu den gesammelten Werken lokaler Dichter. Einmal im Monat findet hier ein Leseabend statt, bei dem die Dorfbewohner aus ihren Lieblingsbüchern vortragen. Es sind kleine, intime Veranstaltungen, bei denen das Licht der Petroleumlampen über die Seiten fällt und niemand in Eile ist.
Das Leben in Reichenau wird von den Menschen geprägt, die hier wohnen. Da ist Georg Altmann, der seit vierzig Jahren die Metzgerei in der Reichenbacher Straße betreibt und dessen hausgemachte Bratwürste bis nach Rastitz bekannt sind. Da ist Pfarrerin Sabine Körner, die sonntags in der kleinen Dorfkirche predigt und unter der Woche die Seniorengruppe im Gemeindehaus leitet. Und da ist die Familie Wagner, die den einzigen Reiterhof des Dorfes bewirtschaftet und ihre Gäste mit Milch, Käse und Eiern versorgt – alles aus eigener Produktion, alles so, wie es schon ihre Großeltern gemacht haben.
Verkehrsverbindungen:
Straße: L4 (N: Packelfeld 13km, SO: Rastitz 5km); L16 (W: Hartmannsfeld 8km, O: Pölbitz 4km)
Land: Blumenland
Landkreis: Novafurt
Gemeinde: B-2130 Reichenau (Blumenland)

