(Pop.: 11 – 399m NN)

Wer Qanat erreicht, hat das Grün beinahe schon hinter sich gelassen. Noch ziehen sich Gurkenbeete wie schmale Teppiche am Gurkenkanal entlang, doch wenige Schritte weiter lösen sich die letzten Halme im graubraunen Geröll der Kohlwüste auf. Dazwischen stehen sechs flache Häuser, ein Geräteschuppen, zwei Windräder und das Wirtshaus „Zum letzten Tropfen“. Elf Menschen leben hier auf 399 Metern Höhe, sieben Kilometer südlich von Boxbucht und sechs Kilometer nördlich von Nassau. Qanat ist damit weniger ein Dorf als ein bewohnter Übergang zwischen zwei Landschaften: auf der einen Seite das durch Wasser geschaffene Kulturland, auf der anderen Steppe, Staub und eine Ferne, in der kein Baum mehr den Horizont unterbricht.

Der Gurkenkanal ist die eigentliche Hauptstraße des Ortes. Er kommt von Süden aus dem Gebiet um Nassau, folgt dem Rand der Kohlwüste und führt sein Wasser weiter nach Boxbucht, wo er schließlich das Nordmeer erreicht. Im Landkreis verbindet er die landwirtschaftlichen Siedlungen mit der Kreisstadt und versorgt jene Felder, auf denen die für das nördliche Kohlonia typischen Gurken wachsen. Qanat bildet dabei den südlichsten Außenposten des Landkreises Boxbucht. Die in den Karten eingezeichnete Straße ist kaum mehr als ein befestigter Wartungsweg, auf dem sich Werkstattwagen, Fahrräder und gelegentlich ein Lieferfahrzeug begegnen. Einen Bahnhof gibt es nicht. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, fährt bis Boxbucht oder Nassau und organisiert von dort die Weiterfahrt.

Schon der Ortsname verweist auf das Wasser. In Qanat erzählt man sich, ein reisender Wasserbaumeister habe bei der Vermessung des Kanals das alte Wort für eine unterirdische Wasserleitung auf seine Zeichnung geschrieben. Die Arbeiter hätten geglaubt, es sei der vorgesehene Name des neuen Stützpunktes, und ein Schild mit der Aufschrift „Qanat“ angefertigt. Als der Irrtum bemerkt wurde, waren bereits die ersten Briefe angekommen. Da niemand einen besseren Vorschlag hatte, blieb es dabei. Ob die Geschichte stimmt, lässt sich nicht mehr feststellen. Sicher ist nur, dass kein anderer Name besser zu einer Siedlung passen könnte, deren Existenz vollständig vom geregelten Lauf des Wassers abhängt.

Vier der elf Bewohner gehören zur Kanalgruppe Qanat. Wassermeisterin Samira Bekele prüft morgens und abends die Pegellatten, reinigt die Rechen und entscheidet gemeinsam mit den Gärtnereien, wie weit die kleinen Feldschütze geöffnet werden. Joris van Eyk wartet die Pumpen und besitzt eine erstaunliche Sammlung selbst gefertigter Dichtungsringe. Eliane Moreau führt die Wasserbücher, in denen Niederschläge, Verdunstung, Reparaturen und jede ungewöhnliche Trübung verzeichnet werden. Der jüngste Mitarbeiter, Nikolai Sander, fährt mit einem niedrigen Lastendreirad am Kanal entlang und sucht die Böschung nach Rissen, unterspülten Stellen und Wühltierspuren ab. Ihre Arbeit wirkt unspektakulär, doch ein einziges schadhaftes Schütz könnte mehrere Beete austrocknen oder kostbares Wasser ungenutzt in die Steppe laufen lassen.

Die Gärten liegen nicht unmittelbar bei den Häusern, sondern in einer lang gezogenen Senke nördlich der Siedlung. Dort bewirtschaften Fatima Rahal und Gregor Ilves den kleinen Gartenbaubetrieb „Grüner Saum“. Seine Gurken wachsen an niedrigen Drahtgestellen, damit die Früchte weder auf dem heißen Boden liegen noch vom ständig wehenden Staub überzogen werden. Zwischen den Reihen stehen Dill, Zwiebeln und schmale Streifen mit Ringelblumen. Ein Teil der Ernte wird frisch nach Boxbucht gebracht, der Rest in großen Steinguttöpfen mit Salz aus Salzquell eingelegt. Verkauft wird nicht nach Gewicht, sondern nach Gläsern, deren Deckel Fatima Rahal mit einem grünen oder gelben Faden markiert: Grün steht für mild, Gelb für die scharfe Mischung mit Senfsaat und Wüstenpfeffer. Der Landkreis Boxbucht ist insgesamt stark vom Gurkenanbau, von Kanalbewässerung und kleinen, gemeinschaftlich organisierten Betrieben geprägt.

Das auffälligste Gebäude Qanats steht etwas abseits des Weges. Das Wirtshaus „Zum letzten Tropfen“ ist ein fensterloser, beinahe würfelförmiger Bau aus sonnengetrockneten Lehmziegeln. Licht fällt nur durch die geöffnete Tür und drei kleine Öffnungen unter dem Dach. Gerade deshalb bleibt der Schankraum selbst an heißen Tagen kühl. Wirt Abdel Karim serviert Gurkenbrot, eingelegte Gurkenscheiben, einen dickflüssigen Eintopf aus Gerste und Wurzelgemüse sowie die „Kanalschale“, bei der frische Gurken mit Salz, saurer Milch und getrockneter Minze angerichtet werden. Bier gibt es selten, Gurkenlimonade fast immer. Wer übernachten muss, darf auf einer der vier mit Rohrmatten belegten Pritschen im hinteren Raum schlafen. Luxus darf man nicht erwarten, wohl aber saubere Decken, einen Krug Waschwasser und nachts eine Stille, in der das leise Plätschern des Kanals ungewöhnlich laut erscheint.

Der Schankraum ist zugleich Versammlungsraum, Ausgabestelle für Post und Reparaturwerkstatt. Über der Theke hängt ein schwarzes Brett mit den Wasserzeiten der einzelnen Beete. Daneben findet sich ein Regal mit Werkzeug, Verbandsmaterial, Kerzen und einigen Lebensmitteln. Eine Schule, ein Geschäft, eine Kirche oder eine Arztpraxis besitzt Qanat nicht. Kinder fahren zum Unterricht nach Boxbucht, größere Einkäufe werden mit den wöchentlichen Versorgungsfahrten erledigt. Über gemeinschaftliche Fragen entscheiden die Bewohner bei einer offenen Runde im Wirtshaus. Dieses Verfahren entspricht der landaurischen Vorstellung, Entscheidungen möglichst auf jener örtlichen Ebene zu treffen, auf der sich die Beteiligten persönlich kennen. Auch genutzte Gebäude und Arbeitsmittel werden dabei nicht als dauerhaftes Privateigentum verstanden, sondern als Verantwortung derjenigen, die sie gegenwärtig benötigen.

Dass Qanat trotz seiner Winzigkeit gelegentlich in den Abspännen landaurischer Filme auftaucht, ist Loïc Bernard zu verdanken. Der Filmeditor kam ursprünglich nur für mehrere Wochen hierher, um ungestört an einem Dokumentarfilm über die kohlonischen Kanäle zu arbeiten. Inzwischen bewohnt er dauerhaft das kleinste Lehmhaus des Ortes. Tagsüber verdunkelt er den Arbeitsraum mit dicken Tüchern und schneidet an zwei gebrauchten Monitoren Filmaufnahmen zusammen. Den notwendigen Strom liefern Solarmodule und ein kleines Windrad. Loïc Bernard sagt, die Landschaft helfe ihm beim Montieren: In der Wüste sei jede unnötige Bewegung sichtbar, und beim Filmschnitt müsse man ebenso streng entscheiden, welches Bild bleiben dürfe.

Einmal im Monat verwandelt er das „Zum letzten Tropfen“ in Qanats kleinstes Kino. Ein weiß gekalkter Abschnitt der Innenwand dient als Leinwand, die Getränkekisten werden zu Sitzplätzen. Gezeigt werden kurze Reisefilme, alte Wochenschauen und Aufnahmen aus dem Landkreis. Häufig endet der Abend nicht mit dem Film, sondern mit einer lebhaften Diskussion über falsch dargestellte Schleusen, unpassende Gurkensorten oder die Frage, ob der Wind auf einer Aufnahme wirklich aus Nordwesten gekommen sein könne.

Im Nachbarhaus lebt die Visagistin Charlotte Roux. Sie arbeitet für Filmproduktionen in Kohla, Boxbucht und an der Nordmeerküste, kehrt zwischen den Aufträgen jedoch stets nach Qanat zurück. Ihr Beruf passt überraschend gut zum Ort. Weil hier Staub, Wind und grelles Licht jede künstliche Wirkung sofort entlarven, hat sie sich auf zurückhaltende Masken für Außenaufnahmen spezialisiert. In ihrem Koffer befinden sich neben Pinseln und Farben auch Gurkenwasser, Tonerde und ein feines Pflanzenöl aus den Gärten. Bei Filmabenden schminkt sie gelegentlich die Kinder aus Boxbucht als historische Kanalbauer oder verleiht Abdel Karim für eine kleine Szene einen eindrucksvollen Wüstenbart. Zusammen mit Loïc Bernard sammelt sie Porträts jener Menschen, die entlang des Gurkenkanals arbeiten. Das Projekt heißt „Gesichter am Wasser“ und wird nicht in einer Galerie, sondern als wandernde Bilderschau in Gaststuben gezeigt.

Für Besucher liegt der größte Reiz Qanats außerhalb der Häuser. Besonders eindrucksvoll ist der Spaziergang auf dem südlichen Kanalweg. Rechts begleitet den Wanderer das Wasser, gesäumt von Schilf, Kräutern und vereinzelten Blumen. Links beginnt beinahe ohne Übergang die trockene Steppe. Der Feldweg nach Westen führt über dreizehn Kilometer nach Boxaquell, ist jedoch steinig, schlecht markiert und nach Regen stellenweise ausgewaschen. Ortsunkundige sollten ihn nicht ohne ausreichendes Trinkwasser und eine aktuelle Wegbeschreibung benutzen. Angenehmer ist die Strecke am Kanal nach Nassau, wo ein Aussichtsturm den Gegensatz zwischen bewässertem Land und Steppe besonders deutlich erkennen lässt.

Am schönsten ist Qanat kurz vor Sonnenuntergang. Dann werfen die Pegellatten lange Schatten auf das Wasser, über den Gurkenbeeten hängt der Geruch von Dill und feuchter Erde, und die Lehmwände des Wirtshauses leuchten kupferfarben. Man hört ein Schütz klappern, Geschirr auf dem Tisch und vielleicht Loïc Bernard, der im Nebenraum dieselben fünf Filmsekunden wieder und wieder abspielt. Qanat besitzt weder ein bedeutendes Baudenkmal noch ein Unterhaltungsprogramm. Es bietet etwas Selteneres: einen Ort, an dem sich beobachten lässt, wie elf Menschen durch Sorgfalt, Zusammenarbeit und tägliche Aufmerksamkeit eine dünne grüne Linie gegen die Wüste behaupten.


Verkehrsverbindungen:
Straße: Weg am Gurkenkanal (N: Boxbucht 7km; S: Nassau 6km); Feldweg (W: Boxaquell 13km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4000 Boxbucht
Ort: K-4001 Qanat