(Pop.: 125 – 5m NN)

Wer am frühen Morgen in Boxamünde aus dem Zug steigt, hört meist zuerst die Möwen, dann das Klappern der Fallen und Kisten am kleinen Hafen und schließlich das tiefe Rauschen des Nordmeeres. Der Ort liegt nur fünf Meter über dem Meeresspiegel dort, wo der Boxabach nach seinem Weg aus dem Kohlgebirge und durch das Boxatal eine geschützte Bucht erreicht. 125 Menschen leben in dem Dorf, das mit Nordufer und dem winzigen Kanalo eine gemeinsame Gemeinde bildet. Boxamünde gehört zum dünn besiedelten Landkreis Boxbucht, einer Landschaft zwischen Gebirgskamm, bewässerten Tälern, Kohlwüste und rauer Nordmeerküste.

Der Name des Dorfes klingt so eindeutig, dass kaum jemand nach seiner Herkunft fragt. Dennoch erzählen ältere Einwohner gern, „Boxa“ habe ursprünglich nicht den Bach, sondern eine hölzerne Fischkiste bezeichnet, die an dieser Stelle an Land gespült worden sei. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass der Fluss zuerst seinen Namen trug und die Siedlung später schlicht nach seiner Mündung benannt wurde. Die Häuser stehen auf einer flachen Geländezunge zwischen Bach und Meer. Viele sind aus dunklem Holz errichtet oder mit grauen Schindeln verkleidet, ihre Giebel zeigen vom vorherrschenden Wind fort. Nur der weiß getünchte Kirchturm und die roten Dächer der Brauerei setzen kräftigere Farben in das von Wasser, Wolken und feuchten Wiesen bestimmte Bild.

Die kleine Bucht ist der eigentliche Ursprung Boxamündes. Schon lange bevor es befestigte Wege durch das Boxatal gab, zogen Fischer ihre Boote hier auf den flachen Strand. Heute schützt eine niedrige Steinmole den Hafen, in dem vier kleinere Kutter und mehrere offene Küstenboote liegen. Gefangen werden vor allem Dorsch, Hering und Flunder. Einen großen Verarbeitungsbetrieb gibt es nicht. Ein Teil des Fangs wird morgens in der hölzernen Fischhalle verkauft, ein anderer in den Räucherkammern hinter dem Hafen haltbar gemacht. Besonders beliebt ist der mit Buchenspänen geräucherte Dorsch, den Fischer Mattis Jörgensen freitags direkt aus dem Räucherofen verkauft.

Die zweite wirtschaftliche Säule des Dorfes steht etwas oberhalb des Bachufers. Die Küstenbrauerei „Boxamünder Nordlicht“ wirkt von außen wie ein lang gestreckter Schuppen, doch im Inneren glänzen kupferne Kessel zwischen weiß gekalkten Wänden. Das dunkle Bier der Manufaktur ist malzig, kräftig und leicht rauchig. Seine besondere Note entsteht durch Gerstenmalz, das über einem Buchenholzfeuer getrocknet wird. Zum Brauen dient das weiche Wasser des Boxabaches, das vor der Mündung aus einem kleinen Seitenlauf abgezweigt wird. Abgefüllt wird überwiegend in braune Mehrwegflaschen, deren Etikett einen hellen Streifen über einem schwarzen Meer zeigt. Die Brauerei gehört wie die Boote und Werkstätten nicht einzelnen Eigentümern, sondern wird von den Menschen genutzt und gemeinschaftlich weitergeführt, die dort arbeiten. Dieses Prinzip entspricht der landaurischen Gesellschaft, in der Gemeinden weitgehend selbst entscheiden, kleine Betriebe und Werkstätten das Wirtschaftsleben prägen und Besitz vor allem als Verantwortung verstanden wird. Auch die Grundsicherung gibt den Bewohnern die Freiheit, Erwerbsarbeit, Versorgung der Gemeinschaft und persönliche Interessen miteinander zu verbinden.

Zu den ungewöhnlichsten Bewohnerinnen Boxamündes gehört Anaïs Roux. Die Datenanalystin arbeitet in einem kleinen, mit wettergrauen Brettern verkleideten Haus an der Bachgasse. Anstatt für einen entfernten Großbetrieb tätig zu sein, wertet sie Fangmengen, Wassertemperaturen, Windrichtungen und Beobachtungen der Fischer aus. Auf einer großen Wandkarte markiert sie, wann die Dorschschwärme in Küstennähe erschienen sind und wie sich die Strömungen in der Bucht verändert haben. Ihre Berechnungen gelten nicht als unfehlbar. Am Stammtisch wird gern darauf hingewiesen, dass ein alter Fischer „das Meer im Knie spüre“. Trotzdem schaut fast jeder bei Anaïs vorbei, bevor Fangzeiten oder Reparaturen an den Booten geplant werden. Außerdem hilft sie der Brauerei, den Verbrauch von Malz, Brennholz und Flaschen zu koordinieren, ohne die Produktion stärker auszudehnen, als es dem Dorf guttut.

Einige Häuser weiter betreibt Zoe Harrington ihre Schreinerei in einem ehemaligen Bootslager. Sie repariert Fenster, Türen und Fischerboote, baut aber auch schwere Tische aus Eiche und Buche. Von ihr stammt die neue Bestuhlung der Kirche, ebenso die schmalen Holzkisten, in denen die Brauerei ihr Bier nach Boxbucht liefert. Besonders gefragt sind Zoes sogenannten Mündungsbänke. Ihre leicht gebogenen Rückenlehnen erinnern an den Lauf des Boxabaches, bevor er das Meer erreicht. Zwei solcher Bänke stehen an der Mole, eine dritte vor dem Bahnhof. Zoe legt Wert darauf, auch scheinbar unbrauchbares Holz zu verwenden. Planken aus ausgemusterten Booten werden bei ihr zu Regalen, Wandvertäfelungen oder einfachen Hockern.

Das gesellschaftliche Zentrum ist die Dorfkneipe „Zum Anker“ an der Hafenstraße 3. Hinter der niedrigen Eingangstür öffnet sich ein warmer Schankraum mit einem offenen Kamin und einer ungewöhnlichen Theke, die aus einem einzigen Eichenstamm gearbeitet wurde. Hier wird das „Boxamünder Nordlicht“ vom Fass ausgeschenkt. Dazu gibt es dunkles Brot, Fischsuppe und geräucherte Flunder mit eingelegten Gurken aus dem Boxatal. Fischer und Brauereiarbeiter teilen sich den langen Stammtisch. Gespräche über Hopfen, Malz und Dorschschwärme gehen dort so selbstverständlich ineinander über, als handele es sich um ein einziges Thema. Der „Anker“ vermietet zwei schlicht eingerichtete Gästezimmer über der Schankstube. Wer mehr Ruhe sucht, kann bei Zoe Harrington in der ehemaligen Lotsenkammer übernachten, einem winzigen Gästezimmer mit Blick auf die Bachmündung. Einkaufsmöglichkeiten sind begrenzt. Der Dorfladen von Hilde Rasmussen an der Bachgasse 6 führt Brot, Käse, Konserven, Haushaltswaren und Fahrkarten. Frischer Fisch wird am Hafen verkauft. Für Arztbesuche, größere Einkäufe und Verwaltungsangelegenheiten fahren die Bewohner gewöhnlich in die nur zwei Kilometer entfernte Kreisstadt Boxbucht, die als regionaler Verkehrsknoten, Markt- und Versorgungsort dient.

Am östlichen Dorfrand steht die kleine Kirche aus dem 18. Jahrhundert. Ihr weiß getünchter Turm ist niedrig, aber vom Meer aus gut zu erkennen. Im Inneren lenkt nichts vom berühmten Altarbild ab, das die Überfahrt des heiligen Ansgar über das Nordmeer zeigt. Über dunklen Wellen öffnet sich darin ein überraschend leuchtender Himmel in Blau, Gold und Rot. Nach der örtlichen Legende malte ein Schiffbrüchiger das Bild zum Dank für seine Rettung. Seinen Namen soll er absichtlich verschwiegen haben, weil nicht der Maler, sondern die Rettung in Erinnerung bleiben sollte. Die Kirche dient nicht nur den Gottesdiensten. Im Winter trifft sich dort der kleine Dorfchor unter Leitung von Pflegerin Elina Sørensen, und am Ansgartag wird das Altarbild mit Strandgras und weißen Muscheln geschmückt. Anschließend ziehen die Bewohner zum Hafen, wo ein Becher dunkles Bier ins Meer gegossen wird. Die einen nennen es einen Segen für die Fischer, die anderen eine unnötige Verschwendung. Gerade diese Diskussion gehört inzwischen fest zum Fest.

Am schönsten zeigt sich Boxamünde am späten Nachmittag. Dann kehren die Boote zurück, aus der Brauerei zieht ein Geruch nach warmem Malz herüber, und das Licht fällt flach auf Bach und Bucht. Der Ort besitzt weder Promenade noch Museum und versucht nicht, seine Arbeitswelt für Besucher herauszuputzen. Sein Reiz liegt in der Nähe der Dinge: zwischen Fischhalle und Braukessel, Hobelbank und Kirchentür, Bahngleis und Meeresufer. Wer hier aussteigt, braucht kein umfangreiches Besichtigungsprogramm. Ein Gang zur Mole, ein Blick auf das farbige Altarbild und ein dunkles „Nordlicht“ am Kamin genügen, um zu verstehen, weshalb die Bewohner ihr Dorf trotz Wind, Nässe und Abgeschiedenheit nur ungern verlassen.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 15 (Nordmeerbahn) aller 2 Stunden 8:07-20:07 nach Nordwestkap; 7:53-19:53 über Boxbucht nach Nudeltopf
Straße: B2 (N: Nordufer 4km, O: Boxbucht 2km); K203 (SW: Kanalo 4km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4130 Boxamünde
Orte: K-4130 Boxamünde, K-4131 Nordufer (Kohlonia), K-4132 Kanalo


Zur Gemeinde Boxamünde gehören:

Nordufer …

Kanalo …