(Pop.: 135 – 5m NN)

Wenn am Nachmittag die Kutter in das Hafenbecken von Hamamünde einlaufen, riecht es im ganzen Dorf nach Diesel, Teer und frischem Fisch. Möwen kreisen über den Molen, Holzkisten werden über den Kai geschoben, und vor den niedrigen Schuppen warten bereits die Beschäftigten der beiden Fischverarbeitungsbetriebe. Das Dorf liegt nur fünf Meter über dem Meeresspiegel unmittelbar an der Mündung der Hama ins Nordmeer. Es gehört zum dünn besiedelten Landkreis Boxbucht, der sich von der rauen Küste über bewässerte Täler bis zu den Höhen des Kohlgebirges erstreckt.

Von den 135 Einwohnern tragen auffallend viele die Nachnamen Dorsch oder Hering. Eine einheimische Erklärung besagt, dass ein Gemeindeschreiber im 17. Jahrhundert mehrere Fischerfamilien nach ihrem bevorzugten Fang unterschied, weil ihre ursprünglichen Namen zu ähnlich geklungen hätten. Historisch belegt ist das nicht, doch bis heute wird sorgfältig zwischen den „Hafendorschen“, den „Mühlendorschen“ und den „Nordheringen“ unterschieden. Verwechslungen kommen trotzdem vor, besonders wenn im Wirtshaus mehrere Personen gleichzeitig auf den Ruf „Herr Hering!“ reagieren.

Der Hafen wird durch zwei kurze Steinmolen und eine hölzerne Sturmwand geschützt. Rund ein Dutzend Kutter liegt hier, darunter die „Hamastern“ von Kapitän Erik Dorsch, die „Nordbraut“ von Silke Hering und die alte „Marie“, deren Eichenrumpf bereits mehrfach ausgebessert wurde. Die Boote sind aus schwerem Holz gebaut, mit Teer gegen das Salzwasser abgedichtet und mit kräftigen Dieselmotoren ausgestattet. Noch vor Tagesanbruch verlassen sie das Hafenbecken. Am Nachmittag kehren sie mit Dorsch und Hering zurück, sofern Wind, Strömung und Fanggründe günstig waren. Der Landkreis beschreibt Hamamünde entsprechend als einen der charakteristischen Fischereiorte seiner Nordmeerküste. Direkt am Hafen arbeiten die Räucherei Hering & Söhne und die kleine Fischküche Hamagold. In der Räucherei hängen Dorschseiten über Erlenholzrauch, während Heringe in grobem Salz eingelegt werden. Hamagold füllt Fischstücke mit Pfeffer, Lorbeer und Zwiebeln in Öl ab. Die Gläser und Holzkisten gehen an die umliegenden Dörfer, in die Kreisstadt Boxbucht und über Zwischenhändler bis nach Kohla.

Ungewöhnlich für ein Fischerdorf dieser Größe ist die Textilwerkstatt FutureFibre an der Hamatalstraße 8. Der Betrieb befindet sich in einer umgebauten Netzhalle mit großen Nordfenstern und beschäftigt zwölf Personen, einige davon in Teilzeit. Hergestellt werden wetterfeste Jacken, gefütterte Hosen, Mützen und Arbeitshandschuhe für nasskalte Küstenregionen. FutureFibre verarbeitet gewachste Gewebe, robuste Wollstoffe und Fasern aus wiederverwerteten Fischernetzen. Produktionsleiterin Anouk Vermeer lässt neue Kleidungsstücke zunächst von den Hamamünder Fischern erproben. Scheuert ein Ärmel beim Einholen der Leinen oder dringt an einem Reißverschluss Gischt ein, landet das Stück wieder auf dem Zuschneidetisch. Die Jacke „Nordwache“ mit verlängertem Rücken und abnehmbarer Kapuze gehört inzwischen zur Standardausrüstung vieler Küstenarbeiter im Landkreis.

Mit FutureFibre arbeitet auch der Mathematiker Julien Moreau zusammen. Er lebt im schmalen blauen Haus am Molenweg 3, dessen Dachgeschoss zugleich Wohnung, Arbeitszimmer und kleine Rechenstube ist. Moreau beschäftigt sich mit Strömungsmodellen und der statistischen Auswertung von Wetter- und Fangdaten. Jeden Morgen notiert er Wasserstand, Windrichtung und Wellengang an einer Messlatte neben der Ostmole. Seine Berechnungen helfen den Fischern nicht dabei, einzelne Schwärme vorherzusagen, wohl aber bei der Einschätzung, welche Fanggebiete unter bestimmten Bedingungen sicher erreichbar sind. Für FutureFibre entwickelt er Schnittmuster, bei denen Bewegungsabläufe und Belastungspunkte mathematisch erfasst werden. Im Dorf hält man seine Formeln für unnötig kompliziert, folgt seinen Sturmwarnungen aber meist ohne Widerspruch.

Das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens ist das Wirtshaus „Zum Dorsch“ am Hafenplatz 1. Der lang gestreckte Bau besitzt eine dunkelgrüne Holzfassade, kleine Sprossenfenster und einen Windfang, in dem meistens nasse Jacken hängen. Hinter dem alten Stammtisch ist eine Seekarte angebracht, auf der die Fischer mit abwischbarer Kreide Fanggründe, Strömungen und gesichtete Schwärme markieren. Hier werden Wettervorhersagen verglichen, Reparaturen abgestimmt und die aktuellen Fischpreise kommentiert. Die Küche führt Marie Laurent, die vor einigen Jahren aus Kohla an die Nordmeerküste kam. Sie serviert Dorsch mit Senfkruste, gebratenen Hering mit Zwiebelgemüse und einen kräftigen Fischeintopf, den sie mit Wurzelgemüse, Weißbier und geröstetem Roggenbrot zubereitet. Ihr bekanntestes Gericht ist jedoch die „Hamamünder Hafenpfanne“ aus Dorschstücken, Kartoffeln, Lauch und eingelegten Senfkörnern. Welcher Fisch auf die Karte kommt, entscheidet sich erst bei der Rückkehr der Kutter. Dazu wird ein herbes Weißbier ausgeschenkt. Gäste können in zwei einfachen Zimmern im Obergeschoss übernachten; die Zimmer „Dorsch“ und „Hering“ teilen sich ein Bad und bieten durch kleine Dachfenster einen Blick auf Hafen und Nordmeer. Ein eigentliches Geschäft besitzt Hamamünde nicht. Im Vorraum von FutureFibre werden Kleidung, Handschuhe und einige Lebensmittel verkauft, während Elsa Hering in ihrem Haus am Flussweg 6 einen Paketdienst betreibt. Einmal wöchentlich kommt eine mobile medizinische Sprechstunde aus Boxbucht. Über größere Vorhaben entscheidet die Gemeindeversammlung im ehemaligen Schulhaus.

Am südlichen Dorfrand überspannt eine kurze Steinbrücke die Hama. Ein Uferweg folgt dem Fluss einige Kilometer landeinwärts, wird bei Regen jedoch rasch schlammig. Die schmale Straße nach Oldfurt steigt dagegen deutlich ins Hamatal an. Der zur Gemeinde gehörende Zwölf-Seelen-Ort liegt bereits 374 Meter hoch und ist für seine Wegkneipe sowie eine große Modelleisenbahnanlage bekannt, auf der der Modellbauer Rüdiger Hama die Landschaft Kohlonias im Maßstab 1:87 nachgebildet hat. Richtung Süden erreicht die Küstenstraße nach sechs Kilometern Nordufer, nach Norden führt sie weiter zum acht Kilometer entfernten Kaltstrand. Der kleine Haltepunkt von Hamamünde liegt hinter FutureFibre. Die Nordmeerbahn verkehrt im Zweistundentakt nach Nordwestkap sowie über Boxbucht in Richtung Nudeltopf; die Linie gehört zu den beiden Bahnverbindungen, die den abgeschiedenen Landkreis erschließen.

Am eindrucksvollsten ist Hamamünde weder bei Sonnenschein noch während eines Festes, sondern an einem gewöhnlichen Werktag. Kurz vor fünf Uhr morgens leuchten die ersten Lampen am Kai. Motoren springen an, Julien Moreau prüft seine Messlatte, und Marie Laurent nimmt am Hintereingang des „Dorsch“ die Brotkörbe entgegen. Wenig später verschwinden die Kutter hinter den Molen im grauen Nordmeer. Zurück bleibt ein kleines Dorf, das seinen Tagesablauf seit Generationen nach Wind, Wasser und Fisch richtet, inzwischen aber auch Textiltechnik, Mathematik und eine bemerkenswert gute Küche in dieseK202n alten Rhythmus eingefügt hat.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 15 (Nordmeerbahn) aller 2 Stunden 8:20-20:20 nach Nordwestkap; 7:40-19:40 über Boxbucht nach Nudeltopf
Straße: B2 (S: Nordufer 6km, N: Kaltstrand 8km); K202 (W: Oldfurt 6km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4110 Hamamünde
Orte: K-4110 Hamamünde, K-4111 Oldfurt


Zur Gemeinde Hamamünde gehört der Flecken Oldfurt, ein Weiler mit nur zwölf Einwohnern. Die K202 folgt hier der Hama durch ein enges, bewaldetes Tal. An einer früher von Fuhrwerken genutzten Furt steht die Kneipe „Zur alten Furt“. Wirt Henning Martens serviert Kartoffelsuppe, geräucherte Forelle, Käsebrot und kräftigen Kaffee. Zugleich nimmt er Nachrichten und kleine Lieferungen für die umliegenden Orte an. Neben der Gaststube überspannt eine schmale Brücke den Fluss. Wenige Schritte entfernt verbirgt sich in einem dunkelgrünen Holzschuppen die Lebensarbeit des Modellbauers Oskar Wierzbicki. Seine weitläufige Anlage zeigt Kohlonia im Maßstab 1:87 mit Küstenorten, Gebirgsdörfern, Kanälen, Feldern und fahrenden Zügen. Zur kleinen Gemeinschaft gehört außerdem die Geologin Zofia Zielińska. Sie untersucht die Gesteinsschichten und Kiesbänke entlang der Hama und bewahrt ausgewählte Funde in der Kneipe auf. Oldfurt besitzt keine touristische Infrastruktur, doch gerade die Verbindung aus Handelsgeschichte, Modelleisenbahn, Geologie und persönlicher Gastfreundschaft macht den abgelegenen Ort zu einem lohnenden Zwischenhalt.