
(Pop.: 12 – 374m NN)
Man hört die Hama, bevor man Oldfurt sieht. Zwischen Erlen, Fichten und bemoosten Felsblöcken rauscht der Gebirgsfluss über ein flaches Bett aus grauem Geröll. Dann macht die Straße eine enge Kurve, passiert einen verwitterten Wegweiser und erreicht zwei Gebäude, die auf den ersten Blick kaum wie ein eigener Ort wirken: die Kneipe „Zur alten Furt“ und einen langen, dunkelgrün gestrichenen Holzschuppen. Zusammen mit wenigen Wohnräumen, einem Geräteschuppen und einem hölzernen Steg bilden sie den Weiler Oldfurt, den kleinsten bewohnten Außenort der Gemeinde Hamamünde.
Oldfurt liegt im Hamatal zwischen dem Fischerdorf Hamamünde am Nordmeer und Salzquell im Kohlgebirge. Das Tal gehört zu den stilleren Landschaften des Landkreises Boxbucht, der vom Gebirgskamm über bewässerte Täler bis zur rauen Nordmeerküste reicht. Während an der Küste Fischfang und Verarbeitung den Alltag bestimmen, prägen im Hamatal Waldwirtschaft, Salzbergbau und kleine, weit auseinanderliegende Siedlungen das Bild. Oldfurt selbst liegt sechs Kilometer oberhalb von Hamamünde und drei Kilometer unterhalb von Salzquell. Die K202 folgt hier dem Fluss, ohne ihn ganz aus den Augen zu verlieren. Feldwege führen über die bewaldeten Höhen nach Kreuza und südwärts in Richtung Boxdorf, sind aber nach Regen schlammig und im Winter nicht immer passierbar.

Seinen Namen verdankt der Weiler einer Furt, die vermutlich lange vor dem Bau der heutigen Straße genutzt wurde. An dieser Stelle verbreitert sich die Hama, sodass Fuhrwerke das Wasser bei niedrigem Stand durchqueren konnten. Der Wirt Henning Martens erzählt allerdings eine andere Geschichte. Danach habe ein ungeduldiger Händler einst gefragt, ob dies „die alte Furt“ sei. Der Fuhrmann habe geantwortet: „Alt ist sie erst, wenn wir eine neue haben.“ Noch am selben Abend sei ein Rad gebrochen, und die Ladung aus Salzsäcken habe bis zum Morgen im Wasser gelegen. Ob sich das tatsächlich ereignet hat, lässt Martens offen. Sicher ist nur, dass im Kiesbett bei Niedrigwasser noch zwei Reihen größerer Steine zu erkennen sind, auf denen einst Wagenräder Halt fanden. Die heutige Querung besteht aus einer schmalen Betonbrücke mit einem Geländer aus schwarz gestrichenem Eisen. Daneben führt ein Fußpfad hinunter zur Furt. Nach starken Regenfällen oder während der Schneeschmelze sollte man das Ufer nicht betreten, denn die ansonsten überschaubare Hama kann rasch anschwellen. Einen Bahnhof besitzt Oldfurt nicht. Die nächste regelmäßige Verbindung findet man in Hamamünde, von wo aus Reisende über die Küstenorte nach Boxbucht gelangen. Der Landkreis wird von zwei Linien der Kohlbahn erschlossen, doch das Hamatal selbst ist auf Straße und Feldwege angewiesen.

Das Zentrum Oldfurts ist die Wegkneipe „Zur alten Furt“. Das eingeschossige Gebäude aus Bruchstein und dunklem Holz steht unmittelbar an der Brücke. In der Gaststube gibt es vier Tische, einen gusseisernen Ofen und eine schmale Theke, über der alte Hufeisen, Wagenlaternen und verblichene Fotografien hängen. Henning Martens wohnt mit seiner Partnerin Amira Haddad und deren Tochter Leila Haddad im hinteren Gebäudeteil. Auf der Speisekarte stehen Kartoffelsuppe, geräucherte Hama-Forelle, Käsebrot aus Salzquell und das „Fuhrmannsbrett“ mit Roggenbrot, Gurken, Zwiebeln und kaltem Braten. Wer früh kommt, bekommt starken Kaffee und ein Spiegelei; wer spät eintrifft, muss nehmen, was noch im Topf ist. Martens nimmt Nachrichten und kleine Lieferungen für Salzquell an, bewahrt Werkzeug für gestrandete Reisende auf und kennt den Zustand der Straße besser als jede amtliche Meldestelle. Eine Unterkunft im eigentlichen Sinn gibt es nicht. In dringenden Fällen stellt Martens jedoch eine Liege neben dem Ofen auf.
Die zweite Sehenswürdigkeit liegt wenige Schritte flussabwärts. Hinter einer unscheinbaren Schuppentür verbirgt sich eine der eigentümlichsten Modellbahnanlagen Kohlonias. Ihr Erbauer heißt Oskar Wierzbicki, ein zurückhaltender Modellbauer, der vor mehr als dreißig Jahren mit einem einzigen Bahnhof und zwei Weichen begann. Inzwischen füllt seine Anlage fast den gesamten Schuppen. Sie zeigt einen großen Ausschnitt Kohlonias im Maßstab 1:87: Küsten, Gebirgstäler, Gurkenfelder, Kanäle, Dörfer, Straßen und Eisenbahnstrecken. Kohlonia selbst ist von starken landschaftlichen Gegensätzen geprägt, die von windumtosten Küsten über bewässerte Flusstäler bis zu Gebirge, Steppe und Wüste reichen. Wierzbicki hat diese Vielfalt auf wenigen Dutzend Quadratmetern zusammengedrängt, ohne daraus eine beliebige Fantasielandschaft zu machen. Winzige Züge fahren von der nachgebildeten Hauptstadt Kohla in Richtung Kohlgebirge, passieren dunkle Tunnel und überqueren schmale Brücken. Auf einem anderen Abschnitt folgt eine Bahnlinie dem Gurkenkanal bis zur Kreisstadt Boxbucht.

Die kleine Hauptstadt Kohla ist mit ihrem Fluss, dem Hafen und den geraden Straßen der barocken Planstadt dargestellt. Das Vorbild gilt als älteste geschichtlich belegte Stadt Landauris und wurde nach seiner mittelalterlichen Zerstörung im 17. Jahrhundert planmäßig wiederaufgebaut. Besonders reizvoll sind jedoch die unscheinbaren Szenen: eine Frau hängt Wäsche hinter einem Bahnwärterhaus auf, Arbeiter reparieren ein Wehr, Fischer entladen Kisten, und vor einer Dorfkneipe wartet ein Fahrrad mit Anhänger. Wierzbicki arbeitet täglich mehrere Stunden an der Anlage. Er schnitzt Häuser aus Birnenholz, baut Bäume aus Draht, Moos und gefärbten Sägespänen und mischt den Schotter für jede Strecke nach dem Gestein der dargestellten Landschaft. Eine feste Öffnungszeit gibt es nicht. Wer die Anlage sehen möchte, fragt in der Kneipe. Ist Wierzbicki anwesend und nicht gerade mit einer empfindlichen Reparatur beschäftigt, schaltet er die Beleuchtung ein und setzt mehrere Züge in Bewegung. Eintritt wird nicht verlangt; ein Beitrag für Draht, Farbe und Ersatzteile wird gern angenommen.
Zu den zwölf Bewohnern Oldfurts gehört außerdem die Geologin Zofia Zielińska. Sie bewohnt ein kleines, mit Holzschindeln gedecktes Haus oberhalb der Furt und untersucht die Gesteinsschichten des Hamatals. Ihr besonderes Interesse gilt dem Übergang zwischen den harten Gebirgsgesteinen und den jüngeren Ablagerungen entlang des Flusses. Nach Hochwasser sucht sie im Geröll nach neu freigelegten Stücken, markiert Fundstellen auf handgezeichneten Karten und vergleicht die Zusammensetzung der Kiesbänke. Einige ihrer Fundstücke liegen in einer Glasvitrine in der Gaststube: Quarzadern, dunkler Schiefer, eisenhaltiges Gestein und ein auffällig heller Salzstein aus dem oberen Tal. Zielińska bietet keine regulären Führungen an. Wenn sie Zeit hat, begleitet sie interessierte Gäste jedoch auf einem kurzen geologischen Rundgang zur Furt. Dabei erklärt sie, weshalb der Fluss gerade hier ein breites, flaches Bett geschaffen hat und warum der alte Übergang trotz seiner geringen Tiefe gefährlich werden konnte. Auch Oskar Wierzbicki profitiert von ihrer Arbeit. Sie liefert ihm Gesteinsproben, damit seine Miniaturberge nicht nur farblich, sondern auch geologisch zur dargestellten Region passen.
Verkehrsverbindungen:
Straße: K202 (W: Salzquell 3km, O: Hamamünde 6km); Feldwege (N: Kreuza 5km, S: Boxdorf 15km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4110 Hamamünde
Ort: K-4111 Oldfurt

