Kreuza (Gemeinde Kaltstrand – Kreis Boxbucht – Kohlonia)

(Pop.: 19 – 432m NN)

Auf der schmalen Kuppe oberhalb des grasbewachsenen Vorlands treffen vier Feldwege aufeinander. Dort stehen eine niedrige Kapelle, eine wettergraue Scheune und drei weit auseinanderliegende Wohnhäuser: Kreuza, einer der kleinsten Orte der Gemeinde Kaltstrand. Der Weiler liegt auf 432 Metern Höhe zwischen den bewaldeten Ausläufern des Kohlgebirges und den offenen Wiesen, die sich nach Norden zum Nordmeer absenken. Nur 19 Menschen leben hier. Wer ankommt, hört meist zuerst das Scheppern eines Weidetors, das Rufen eines Esels oder den Wind, der ungehindert über die Hochfläche streicht.

Der Landkreis Boxbucht reicht vom Kohlgebirge über bewässerte Täler bis zur rauen Nordmeerküste. Seine kleinen Siedlungen leben vor allem von Landwirtschaft, Fischfang, Handwerk und gemeinschaftlich organisierten Betrieben. Kreuza gehört verwaltungsmäßig zum acht Kilometer östlich gelegenen Kaltstrand, das für seine Kaltwasserbäder, sein Sanatorium und den Steinbildhauerbetrieb bekannt ist. Öffentliche Einrichtungen gibt es im Weiler nicht. Eingekauft, gewählt und beraten wird in Kaltstrand, während größere Besorgungen meist mit einer Fahrt in die Kreisstadt Boxbucht verbunden werden.

Der Name Kreuza wird mit der Wegekreuzung in Verbindung gebracht, an der die Kapelle steht. Die Historikerin Ayşe Arslan, die im nördlichen der drei Häuser lebt, hält allerdings eine andere Erklärung für möglich. In alten Weideverzeichnissen fand sie die Bezeichnung „Kreuz-Aue“, vermutlich ein Hinweis auf ein ehemals feuchtes, von zwei Entwässerungsgräben durchschnittenes Gelände. Erst später sei daraus das kürzere Kreuza geworden. Ayşe Arslan arbeitet zur Siedlungsgeschichte des nördlichen Kohlgebirgsvorlands und sammelt Abschriften, Fotografien und mündliche Erinnerungen. Ihr Arbeitszimmer befindet sich in der früheren guten Stube. In schmalen Regalen stehen beschriftete Mappen über Hirtenwege, Flurnamen, Kapellen und aufgegebene Höfe. Nach ihrer Rekonstruktion entstand die erste dauerhafte Hofstelle im späten 18. Jahrhundert. Der Kreuzweg verband damals die Küste mit den höher gelegenen Weideflächen bei Hafer. Fuhrleute, Salzträger und Schafhirten nutzten die Stelle als Rastplatz. Die Kapelle soll nach einem schweren Schneesturm errichtet worden sein, bei dem mehrere Reisende in der Scheune Schutz fanden. Das heutige Gebäude ist ein schlichter, weiß gekalkter Feldsteinbau mit tiefem Schindeldach und einem offenen Glockenstuhl. Im Inneren stehen sechs Holzbänke. Über dem Altartisch hängt ein grob geschnitztes Kreuz, dessen Querbalken aus dem Holz eines alten Wegweisers gefertigt worden sein soll.

Regelmäßige Gottesdienste finden nicht statt. Einmal im Monat kommt die Pastorin Liv Andersen aus Nordwestkap zu einer Abendandacht. Dann versammeln sich fast alle Bewohner, gelegentlich auch Wandernde oder Menschen aus Sonnenblick. Besonderes Gewicht hat der Kreuztag im Mai. Die vier Wege werden mit jungen Birkenzweigen markiert, vor der Kapelle steht eine lange Tafel, und nach der Andacht werden Gemüseeintopf, Haferbrot und Kräuterkäse ausgegeben. Bei schlechtem Wetter verlegt man das Essen in die Scheune.

Diese Scheune ist das größte Gebäude Kreuzas. Sie besitzt ein gemauertes Untergeschoss und einen hohen, dunkel verschalten Heuboden. Früher wurden darin Zugtiere, Wagen und Winterfutter untergebracht. Heute dient sie als gemeinsamer Lager- und Arbeitsraum. Hinter dem breiten Tor stehen landwirtschaftliche Geräte, Saatgutkisten und ein alter Traktor, den der Mechaniker Jannik Petersen aus Kaltstrand instand hält. Im Herbst werden hier Möhren und Rote Bete sortiert. An der Rückwand hat Ayşe Arslan eine kleine Ausstellung eingerichtet: alte Hufeisen, eine hölzerne Saatmulde, Karten des Vorlands und Fotografien der Kapelle vor ihrer Ausbesserung.

Neben der Scheune beginnen die Gemüsefelder. Wegen der Höhenlage und des kräftigen Windes werden keine empfindlichen Kulturen angebaut. Gut gedeihen Kartoffeln, Kohl, Möhren, Pastinaken, Steckrüben und robuste Bohnen. Niedrige Hecken aus Weißdorn bremsen den Wind, während flache Gräben das Regenwasser sammeln. Die Beete werden gemeinschaftlich bearbeitet. Ein Teil der Ernte versorgt Kreuza selbst, der Rest gelangt nach Kaltstrand und Sonnenblick.

Das südliche Haus gehört zum Esel- und Pferdehof „Vier Wege“, den Nora Ben Salem und Levin Hartung führen. Zum Hof gehören vier Esel, drei Kleinpferde und die kräftige Stute Briska, die noch immer kleine Wagen über die Feldwege zieht. Die Tiere werden in der Landschaftspflege eingesetzt, transportieren Gemüsekisten und begleiten Wandergruppen. Besonders beliebt sind die ruhigen Eselgänge, bei denen Nora Ben Salem nicht nur den Umgang mit den Tieren erklärt, sondern auch auf alte Trockenmauern, Quellmulden und selten gemähte Bergwiesen hinweist. Übernachtungen bietet der Hof nicht an. Nach vorheriger Absprache dürfen Wandernde jedoch ihr Zelt auf einer geschützten Wiese hinter dem Stall aufstellen und die Waschstelle im Hof benutzen.

Die Kapelle ist tagsüber geöffnet, auf einer Bank neben dem Kreuzweg lässt sich rastend das gesamte Ortsbild erfassen. Morgens ziehen die Pferde auf die Weide, mittags wird an den Feldern gearbeitet, und am Abend verschwinden die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Kohlgebirge. Dann stehen die drei Häuser dunkel vor dem Himmel, während aus der Scheune gedämpftes Stimmengewirr oder das Scharren eines Esels zu hören ist. Eine asphaltierte Straße erreicht Kreuza nicht. Feldwege führen ostwärts nach Kaltstrand, südlich nach Oldfurt, westlich nach Hafer und nordwärts nach Sonnenblick. Bei trockenem Wetter sind sie mit Geländefahrzeugen und Fahrrädern befahrbar, nach längeren Regenfällen jedoch stellenweise schlammig. Oldfurt ist ein winziger Weiler an einer historischen Furt und besitzt mit der Wegkneipe „Zur alten Furt“ eine der ungewöhnlichsten Einkehrmöglichkeiten der Umgebung.


Verkehrsverbindungen:
Straße: Feldwege (O: Kaltstrand 8km, S: Oldfurt 5km, W: Hafer 5km, N: Sonnenblick 7km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4120 Kaltstrand
Ort: K-4121 Kreuza