(Pop.: 53 – 452m NN)

Willkommen in Nassau, dem nördlichsten Vorposten des Landkreises Kohlaschleuße. Wenn Sie die B302 von Noskau kommend befahren, erwarten Sie vielleicht noch die fruchtbaren Gärten und das Plätschern des Gurkenkanals, die weiter südlich das Bild prägen. In Nassau angekommen, werden Sie eines Besseren belehrt: Das Dorf, in dem sage und schreibe 53 Menschen auf 452 Metern Höhe ein oft raues Dasein fristen, liegt bereits in der trockenen Kohlsteppe. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Hier, am Ende der Welt, wie die Einheimischen gern mit einem Augenzwinkern sagen, beginnt die Einöde.

Was Nassau vor der völligen Vergessenheit bewahrt, ist das Wasser – genauer gesagt, der Gurkenkanal. Er ist der Lebensnerv dieser Region, ein künstlich geschaffenes Wunder der Hydrotechnik, das das bewässerte Gartenland von der trockenen Steppe trennt. Der Fel-Gurkenkanal III mündet hier in den Hauptkanal, und gemeinsam erreichen sie an dieser Stelle ihren höchsten Punkt, bevor das Wasser in langem Gefälle Richtung Boxbucht am Nordmeer abfließt. Um dieses Band aus sattem Grün zu bestaunen, müssen Sie unbedingt den Aussichtsturm südwestlich von Nassau besteigen. Was 1971 aus dem Stahlgerüst eines ausgedienten Förderturms errichtet wurde, bietet heute den wohl spektakulärsten Ausblick der Region. Oben angekommen, sehen Sie, wie sich der Kanal wie eine glitzernde Schlange durch das Land windet. Auf der einen Seite das blühende Leben der Frühbeete und schmucken Gärtnereien, auf der anderen Seite, keine zwanzig Meter weiter, die flache, baumlose Kohlsteppe, die sich staubig und karg bis zum Horizont erstreckt. Genau dieser Übergang, den die Stahlkonstruktion des Turms wie ein Tor markiert, lockt alljährlich Landschaftsfotografen aus dem ganzen Land an. Kein Wunder, dass man hier selbst an trüben Tagen aufgestellte Stativbeine und das geduldige Warten der Fotografen sieht, die auf das perfekte Licht hoffen, um diesen krassen Gegensatz für die Ewigkeit festzuhalten.

Das Herzstück des Ortes, und das ist wörtlich zu nehmen, ist die letzte Gärtnerei vor der Wüste. Hier werden ausschließlich Gurken in Frühbeeten gezogen, und es sind ganz besondere. Die Nassauer „Steppengurken“, wie sie im ganzen Landkreis genannt werden, sind für ihre außergewöhnliche Festigkeit bekannt. Einmal im Jahr, im September, wenn die Ernte eingebracht wird, feiert der ganze Ort das Gurkenfest. Dann wird die Hauptstraße gesperrt, die Bewohner schleppen ihre selbst eingelegten Köstlichkeiten herbei, und es findet die feierliche Prämierung der besten Knollen statt. Preisträger des letzten Jahres war Gärtnermeister Henrik Vogt, dessen Züchtungen angeblich so knackig sind, dass man sie als Wanderproviant bis in die Kohlwüste mitnehmen kann, ohne dass sie schlapp werden.

Wer dem Trubel des Festes entfliehen möchte, findet Ruhe in der kleinen Kapelle von Nassau. Sie wurde 1802 erbaut und ist ein schlichter, aber liebevoll gepflegter Bau. Anders als im benachbarten Noskau, wo die St.-Ursula-Kirche Geschichten von über die Ufer getretenen Kanälen erzählt, ist die Nassauer Kapelle ein Ort stiller Andacht. An Sonn- und Feiertagen hält Pfarrerin Elisa Böhmer aus der Kreisstadt hier Gottesdienste ab – ein beachtlicher Fußmarsch von Kohlaschleuße aus, den die rüstige Seelsorgerin jedoch mit stoischer Gelassenheit auf sich nimmt. Die kleine Gemeinde trifft sich dann in dem mit hellen Holzbänken ausgestatteten Raum, der nach altem Holz und Kerzenwachs duftet.

Die Anreise nach Nassau ist denkbar einfach, wenn auch nicht gerade luxuriös. Die Kohlbahn-Linie 13 hält hier im Zweistundentakt (Abfahrt nach Strandstedt um 6:40, 8:40, 10:40 usw., die letzte fährt um 20:40; zurück aus Boxbucht kommend erreicht man Nassau um 7:21, 9:21 usw.). Der orange-rote Zug, der klapprig und sympathisch durch die Landschaft zuckelt, ist für viele Besucher das erste echte „Nassau-Feeling“. Kommen Sie mit dem eigenen Wagen, folgen Sie einfach der B302, die südlich Richtung Noskau (8 Kilometer) oder nördlich Richtung Boxbucht (12 Kilometer) führt. Über die schmale Straße am Gurkenkanal erreichen Sie nach fünf Kilometern die kleine Siedlung Qanat, und der kürzere, aber steinige Feldweg nach Westen bringt Sie in 13 Kilometern nach Steinfeld.

Und was tut man in Nassau, wenn gerade kein Gurkenfest ist? Man genießt die Abgeschiedenheit. Es gibt keine Einkaufsmeile, kein Museum und kein lautes Nachtleben. Dafür finden Sie den vielleicht urigsten Kiosk des Landes: Bei Marlene Peschke am Kanalufer 3 gibt es kühle Getränke, selbstgemachte Gurkenlimonade und die legendären „Steppenröller“ (gefüllte Brötchen mit Nassauer Schinken). Wer länger bleiben möchte, mietet sich bei Familie Hinrichs ein, die an der Dorfstraße zwei gemütliche Gästezimmer vermietet (Zur alten Schleuse 1, Tel. keine Buchung ohne Voranmeldung!). Ein Restaurant oder Hotel sucht man vergeblich, aber das ist auch nicht der Grund, hierher zu kommen. Man kommt nach Nassau wegen des Himmels, der hier unendlich weit wirkt, wegen der Stille, die nur vom Rauschen des Windes durch die Steppe unterbrochen wird, und wegen der Gurken – der besten weit und breit.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 13 (Kohlbahn) aller 2 Stunden 6:40-20:40 nach Strandstedt, 7:21-21:21 nach Boxbucht
Straße: B302 (S: Noskau 8km, N: Boxbucht 12km); Straße am Gurkenkanal (NW: Qanat 5km); Felweg (W: Steinfeld 13km)

LandKohlonia
LandkreisKohlaschleuße
Ort: K-2200 Nassau (Kohlonia)