
(Pop.: 169 – 452m NN)
Ein feiner Nieselregen hängt über dem Gurkenkanal, als die B302 das Dorf Noskau durchschneidet. Die wenigen Häuser reihen sich wie an einer Perlenschnur entlang der Fahrbahn, dahinter erstrecken sich bewässerte Gärten, die in diesem schmalen Streifen zwischen Wasserstraße und Steppe üppig gedeihen. Noskau ist das letzte Bollwerk des Lebens vor der Trockenheit – fünf Kilometer weiter östlich geht die Kohlsteppe in die unwirtliche Kohlwüste über, ein Gebiet von etwa 25 mal 45 Kilometern Ausdehnung, das sich bis ins benachbarte Nudelland erstreckt. Doch hier, wo der Fel-Gurkenkanal I in den Gurkenkanal mündet, regiert das Wasser. Ein einfaches, aber sorgsam gepflegtes Schleusenbauwerk reguliert den Zulauf, und das leise Plätschern des überlaufenden Wassers begleitet den Besucher auf Schritt und Tritt.

An kaum einem anderen Ort wird die Seele des Dorfes deutlicher als an der St.-Ursula-Kirche. Erbaut 1834, thront sie genau auf der linken Kanalseite, und ihr Friedhof reicht bis unmittelbar ans Ufer. Friedhofswärter Gunnar Tetzlaff, der das Gelände seit über zwanzig Jahren betreut, erzählt gern die Geschichte jener Nacht im Herbst 1957, als ein heftiges Unwetter den Kanal über die Ufer treten ließ. „Das Wasser stand einen halben Meter hoch zwischen den Gräbern, und doch rührte sich kein einziger Sarg“, berichtet er mit einem Augenzwinkern. „Die Ursula passt eben auf ihre Toten auf.“ Der schlichte Backsteinbau mit seinem kleinen Dachreiter wirkt von außen bescheiden, doch im Innern verbirgt sich ein kunstvoll geschnitzter Altar, den ein unbekannter Meister aus dem nahen Kohlgebirge gefertigt haben soll. Die Gemeinde zählt kaum mehr als drei Dutzend regelmäßige Gottesdienstbesucher, doch zu den hohen Festen wie dem Ursula-Tag am 21. Oktober füllt sich das Kirchlein bis auf den letzten Platz.

Nur wenige Schritte kanalabwärts offenbart sich das wirtschaftliche Herz Noskaus: die Flachsmanufaktur von Familie Rosentreter. In einer ehemaligen Scheune hat Barbara Rosentreter vor fünfzehn Jahren ihre Webstühle aufgestellt, und heute werden hier aus lokal angebautem Flachs feine Leinenstoffe gewebt, die im eigenen Laden an der B302 verkauft werden. „Unser Leinen ist so weich, dass es selbst die verwöhnteste Haut liebt“, sagt sie und streicht über ein frisch gewebtes Tuch. Die Nachfrage ist so groß, dass ihre zwei Gesellinnen kaum hinterherkommen, besonders seit die Manufaktur auf den wöchentlichen Märkten in der Kreisstadt Kohlaschleuße vertreten ist. Dorthin sind es elf Kilometer südlich über die B302, eine Strecke, die Barbara mit ihrem alten Lieferwagen dreimal die Woche zurücklegt.

Ebenfalls auf die Wasserwirtschaft blickt die Getreidemühle von 1888 zurück. Ursprünglich mit Wasserkraft an der Schleuse betrieben, mahlt sie heute mit einem Elektroantrieb das Korn der umliegenden Bauern. Eigentümer ist Kuno Mahler, ein stiller, bedächtiger Mann, der die Mühle von seinem Vater übernahm. „Mein Großvater hat noch die Wasserräder repariert, wenn im Winter das Eis die Schaufeln zerbrach“, sinniert er und zeigt auf die stillgelegten Turbinen im Untergeschoss. „Heute drücke ich einen Knopf, und die Steine drehen sich. Aber den Rhythmus der Natur spürt man trotzdem jeden Morgen, wenn das Wasser durch die Schleuse rauscht.“

Wer mit der Kohlbahn anreist, erreicht Noskau über die Linie 13, die von Strandstedt an der Sturmsee im Süden bis zur Boxbucht im Norden verläuft. Die Züge verkehren alle zwei Stunden – ab 6:48 Uhr nach Strandstedt, ab 7:13 Uhr in die Gegenrichtung Richtung Boxbucht. Der Bahnhof Noskau ist ein winziger Haltepunkt mit einem einzigen Gleis, aber sein Kiosk ist eine Institution. Betrieben wird er von Ria Müggenburg, einer reschen Frau in den Sechzigern, die hier nicht nur Fahrkarten und Zeitungen verkauft, sondern vor allem ihre berühmte Schmorgurke. Sie wird heiß serviert, mit oder ohne ausgelassenem Bauchspeck, und ist so etwas wie das kulinarische Wahrzeichen des Dorfes. „Die Gurke wächst hier direkt am Kanal, das gibt ihr die richtige Würze“, behauptet Ria mit verschmitztem Lächeln. „Und der Speck kommt von unseren Glücksschweinen hinten im Garten.“ Viele Bahnreisende steigen extra hier aus, nur um eine der dampfenden Portionen zu verzehren, bevor sie in den nächsten Zug steigen. Neugierigen Touristen, die mehr über die wechselhafte Geschichte der Region erfahren möchten, empfiehlt Ria einen Abstecher in die Kreisstadt Kohlaschleuße, wo die Überreste der einstigen Bergarbeiter-Siedlungen mit ihren verlassenen Straßenzügen an den Niedergang des Steinkohleabbaus nach 1975 erinnern.

Übernachten kann man in Noskau bei Familie Tetzlaff, die zwei einfache, aber saubere Gästezimmer im Obergeschoss ihres Hofes vermietet. Der Blick von dort geht über die Gärten bis zum Gurkenkanal, und morgens wird ein Frühstück mit selbstgebackenem Brot, Butter und – natürlich – Schmorgurkenaufstrich serviert. Wer es lieber rustikal mag, findet im Gasthof „Zum grünen Kohl“ an der Dorfstraße einen kleinen Biergarten unter uralten Kastanien. Wirt Edgar Kletzmann serviert deftige Küche: Bratkartoffeln mit Spiegelei, Kohlsuppe und an besonders guten Tagen einen Gurkeneintopf, der stundenlang auf dem Herd köchelt. Ein Restaurant im eigentlichen Sinne gibt es nicht, aber die Einheimischen treffen sich dafür umso lieber im „Grünen Kohl“, wo sich an Stammtisch zwei die Männer über Gott und die Welt unterhalten – allen voran der ehemalige Schleusenwärter Hartmut Kluge, der mit seinen fast achtzig Jahren noch immer jeden Morgen das Wehr kontrolliert.
Wem der Sinn nach Spaziergängen steht, dem sei der Weg entlang des Fel-Gurkenkanals I empfohlen. Dieser schmalere Wasserlauf zweigt etwa einen Kilometer westlich von Noskau ab und führt nach sechs Kilometern nach Felmarn, einem noch kleineren Dorf mit 97 Einwohnern. Ein schmaler Leinpfad begleitet das Wasser, wilder Holunder und Weidengebüsch säumen das Ufer. Auf halber Strecke liegt die verfallene Schleusenwärterhütte, in der Legenden zufolge noch immer der Geist eines alten Fährmanns umgehen soll, der hier vor hundert Jahren verunglückte. Wer das Fürchten nicht gelernt hat, kann bis Felmarn wandern, wo die Dorfkneipe „Zum nassen Heinrich“ mit kühlem Bier und einer sagenhaften Bratkartoffelplatte lockt.
Noskau ist kein Ort für hektische Aktivitäten. Es ist ein Dorf, das die Ruhe liebt, in dem die Uhren langsamer ticken und die Menschen noch Zeit für ein Schwätzchen haben. Die 169 Einwohner kennen sich alle, man grüßt sich auf der Straße, und fremde Gesichter sind schnell erkannt. Aber genau diese Abgeschiedenheit macht den Reiz aus. Hier kann man die Seele baumeln lassen, das Plätschern des Kanals hören und die Weite der Steppe im Osten spüren. Es ist ein Ort, der nicht viel bietet – und genau das ist sein größtes Geschenk.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 13 (Kohlbahn) aller 2 Stunden 6:48-20:48 nach Strandstedt, 7:13-21:13 nach Boxbucht
Straße: B302 (S: Kohlaschleuße 11km, N: Nassau 8km); Straße am Fel-Gurkenkanal I (W: Felmarn 6km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Kohlaschleuße
Ort: K-2120 Noskau

