(Pop.: 79 – 7m NN)

Wer in Remberg aus dem Zug steigt, hat den Halteknopf rechtzeitig gedrückt oder ist Stammgast. Der kleine, windgebeutelte Bahnsteig der Linie 12 liegt ein gutes Stück oberhalb des Ortskerns, und wer hier aussteigt, wird als Erstes mit einem Blick belohnt, der die Enge der Kohlonia-Rundreise sofort vergessen lässt: Im Norden schiebt sich das Kohlgebirge wie eine schroffe, graublaue Kulisse hinter der Küstenlinie empor, während der Blick nach unten auf eine Handvoll geduckter Häuser fällt, die sich farblich kaum vom felsigen Untergrund abheben. Es wirkt, als wäre das Dorf einst als Teil des Gerölls ans Ufer gespült worden und einfach liegen geblieben. Sieben Meter über dem Meeresspiegel drängen sich 79 Menschen an eine schmale Bucht – das ist Remberg, der vielleicht unscheinbarste und doch eigenwilligste Flecken im Landkreis Kohlaschleuße.

Dass der Ort überhaupt einen eigenen Haltepunkt besitzt, verdankt er weniger seiner Größe als vielmehr der Geografie. Als die Kohlbahn ihre Strecke von Kohla nach Westmünde trassierte, war der Einschnitt zwischen Küste und Gebirge der einzig gangbare Weg, und so hält hier stündlich ein Triebwagen, der in der einen Richtung über Silberstrand in die Hauptstadt, in der anderen ins westliche Küstenhinterland zuckelt. Die parallele B302 führt von Alno im Westen nach Sosufer im Osten, doch wer über diese Straße kommt, hat Remberg meist schon fast durchquert, bevor er es bemerkt. Der Ort ist ein Meister darin, sich dem flüchtigen Blick zu entziehen.

Wer sich Zeit nimmt, entdeckt jedoch einen Mikrokosmos, in dem sich das Leben seit Generationen um zwei Dinge dreht: den Fisch und das Wetter. Der Naturhafen, geschützt von zwei Bruchsteinmolen, die man 1877 errichtete und die seither jedem Wintersturm trotzen, ist das schlagende Herz des Dorfes. Hier dümpeln die hölzernen Kutter der örtlichen Fischer im flachen Wasser, ihre Planken von Salz und Sonne silbergrau gebleicht. Ein schwerer Geruch von Teer und Tang hängt über den Stegen, der für Fremde nach Urlaub am Meer riecht, für die Einheimischen nach Arbeit. In der kleinen Bootswerft am östlichen Molenkopf, die Heiner Lüttjohann in dritter Generation führt, wird noch alles von Hand gemacht – kalfatern, schleifen, streichen. Lüttjohann ist ein schweigsamer Mann, der seinen Lehrlingen das Handwerk mit wenigen Worten und vielen präzisen Griffen beibringt. Seine Familie gehört zu den Alteingesessenen, die den Ort geprägt haben, seit die ersten Fischer sich hier ansiedelten.

Die Geschichte Rembergs ist eng mit der Fischerei und der Küstenschifffahrt verwoben, lange bevor Kohlonia als Staat existierte. Auf alten Seekarten der Inselwelt Landauris ist die Bucht als sicherer Ankerplatz verzeichnet. Der Ortsname selbst soll einer lokalen Anekdote zufolge auf einen Kapitän namens Rem zurückgehen, der hier im 17. Jahrhundert strandete und den geschützten Ankerplatz unter dem Felsen – plattdeutsch „Berg“ – als idealen Stützpunkt erkannte. Sprachwissenschaftler mögen darüber die Nase rümpfen, aber die Remberger erzählen die Geschichte gern, besonders gern bei einem Glas aquavit aus der kleinen Destille von Solveig Karstenson, die seit einigen Jahren am Hafen auch einen winzigen Ausschank betreibt.

Von diesem Ausschank aus sieht man sie deutlich: die St.-Olafs-Kapelle, die auf einer felsigen Anhöhe über dem Hafen thront. Der weiß getünchte Bau von 1756 ist das einzige Gebäude Rembergs, das so etwas wie architektonischen Anspruch erhebt, und selbst dieser Anspruch ist von bestechender Bescheidenheit. Ein kleiner, gedrungener Turm, ein schlichtes Schiff, innen ein Altar aus angestrichenem Holz und eine Orgel, die nur bei feuchter Witterung ihren vollen, leicht klagenden Ton entfaltet. Geweiht ist die Kapelle dem heiligen Olaf, dem Schutzpatron der Seefahrer, und sie ist das geistliche Zentrum einer Gemeinde, die längst nicht mehr nur aus Fischern besteht, aber deren Rhythmus noch immer von Ebbe und Flut bestimmt wird. Pastorin Merete Sörensen, eine Frau mit vom Seewind gegerbten Gesichtszügen und einer Vorliebe für praktische Predigten, hält alle zwei Wochen den Gottesdienst. Zu den hohen Feiertagen – und zum alljährlichen Olafsfest Ende Juli – ist die Kirche voll. Dann zieht eine kleine Prozession mit einem nachgebauten Drachenschiff vom Hafen zur Kapelle hinauf, die Kinder tragen Laternen, und anschließend wird bis in die Nacht hinein an langen Tischen auf dem Kirchenvorplatz gegessen und getrunken.

Das weltliche Pendant zur Kapelle ist das alte Gemeindehaus in der Langen Straße – einer von nur drei benannten Straßen Rembergs neben dem Molenweg und dem Kapellenstieg. Das Gemeindehaus dient zugleich als Versammlungsraum, als Wahllokal und einmal im Monat als Kinosaal, wenn Werner Breckwoldt, der Besitzer des örtlichen Kolonialwarenladens, seinen alten Projektor aufbaut und Filme zeigt, die längst aus dem Hauptprogramm der städtischen Kinos verschwunden sind. Breckwoldt führt den Laden in der Langen Straße 3, der zugleich als Postannahme, Lottoannahme und Nachrichtenbörse fungiert. Wer wissen will, welcher Kutter mit welchem Fang eingelaufen ist, welche Fuhre Kohle aus dem Hinterland erwartet wird oder wessen Enkel geheiratet hat, der braucht nur bei Breckwoldt einen Kaffee zu trinken. Eine richtige Bäckerei gibt es nicht, aber jeden Dienstag und Freitag hält ein Lieferwagen der Bäckerei Hansen aus Sosufer vor Breckwoldts Tür und verkauft Roggenschrotbrot und die in Kohlonia so beliebten Zimtschnecken.

Übernachten kann man in Remberg nur in der Pension „Zur Molensicht“ von Hilde und Jan-Ole Feddersen, einem langgestreckten, reetgedeckten Haus direkt am Molenweg mit vier Gästezimmern, deren Fenster allesamt auf den Hafen blicken. Die Feddersens servieren morgens ein Frühstück, bei dem der geräucherte Dorsch aus eigener Räucherei nicht fehlen darf, und wer Glück hat, bekommt abends einen Platz an einem der beiden Holztische in ihrer Wohnküche, wo Jan-Ole nach Sonnenuntergang Geschichten von den großen Stürmen erzählt, die er auf See erlebt hat. Eine Alternative bietet Solveig Karstensons bereits erwähnter Ausschank, der unter dem schlichten Namen „Karstensons Kajüte“ firmiert. Dort gibt es Bier vom Fass, Aquavit nach Hausrezept und eine kleine Karte mit kalten Speisen – Matjes, Krabbensalat, Räucherfisch. Warme Küche nur auf Vorbestellung, aber das wird auf einem handgemalten Schild freundlich angekündigt und von den Gästen ebenso freundlich akzeptiert.

Wer zwischen den Mahlzeiten die Umgebung erkunden möchte, findet auf den Klippen oberhalb des Ortes einen schmalen Pfad, der sich etwa zwei Kilometer weit an der Steilküste entlangzieht, bevor er in das Hochmoor übergeht, das das Hinterland prägt. Von hier oben hat man den schönsten Blick auf das Kohlgebirge, dessen Name sich nicht vom Brennmaterial ableitet, sondern vom kohlschwarzen Felsgestein, das seine Gipfel charakterisiert. An klaren Tagen reicht die Sicht bis über die Bucht von Kohla und das gegenüberliegende seeländische Ufer, deren Silhouette dann als feiner Strich am Horizont erscheint – eine ferne Welt, die in Remberg niemanden wirklich lockt.

Die Kinder des Ortes besuchen die Schule im nahen Strandstedt, ein alter, mit einem Ofen beheizter Klassenraum, in dem vier Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden. Morgens bringt sie ein Kleinbus dorthin, nachmittags sammelt er sie wieder ein. Weiterführende Schulen gibt es nur in Kohlaschleuße oder in der Hauptstadt – ein langer Weg, den viele Jugendliche irgendwann antreten und der dazu führt, dass die Einwohnerzahl Rembergs seit Jahrzehnten beständig, aber langsam sinkt. 79 waren es bei der letzten Zählung, und doch scheint niemand hier ernsthaft zu zweifeln, dass der Ort überleben wird. Zu zäh ist der Kern derer, die bleiben – alteingesessene Fischerfamilien, ein paar zugezogene Aussteiger aus den Städten Kohlas, eine Handvoll Künstler, die das besondere Licht der Bucht schätzen. Malerin Gesa Mommsen etwa hat sich in einem umgebauten Bootsschuppen am östlichen Ortsrand ein Atelier eingerichtet, in dem sie maritime Stillleben malt, die in Galerien bis nach Kohla verkauft werden.

Remberg ist kein Ort für große Sehenswürdigkeiten. Es gibt kein Museum, kein Denkmal von nationalem Rang, kein spektakuläres Bauwerk. Seine einzige Attraktion ist die Abwesenheit von Attraktionen. Gerade darin liegt für den Besucher, der diesen abgelegenen Haltepunkt der Linie 12 bewusst ansteuert, ein stiller, tiefer Reiz. Man kommt hier an, atmet den Geruch von Teer und Tang, lässt den Blick über das Kohlgebirge schweifen und stellt fest, dass die Welt für einen Moment ganz leise geworden ist. Dann setzt man sich auf die Hafenmauer, deren Bruchsteine von 1877 noch immer warm sind von der Nachmittagssonne, und wartet auf den nächsten Zug – oder bleibt einfach noch eine Nacht länger.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 6:25-20:25 über Silberstrand nach Kohla, 21:25 nach Silberstrand, 6:38-21:38 nach Westmünde
Straße: B302 (W: Alno 10km, O: Sosufer 8km)

LandKohlonia
LandkreisKohlaschleuße
Ort: K-2180 Remberg