(Pop.: 675 – 120m NN)

Wer Westmünde sucht, der findet es dort, wo der Westfluss nach einem beschwerlichen Lauf durch die Schluchten des Kohlgebirges in einer geschützten Bucht endlich Ruhe findet und sich ins offene Westmeer ergießt. Die westlichste Kreisstadt Kohlonias reicht vom Hafen bis auf über 120 Metern Höhe über dem Meeresspiegel und ist das wirtschaftliche und gesellschaftliche Herz eines der wilderen und ursprünglicheren Landkreise der Inselwelt. Wer hier ankommt, den empfängt der unverwechselbare Duft von Salz, Teer und, ja, von getrocknetem Fisch – ein Geruch, der sich in die Mauern der Stadt gefressen hat und von einer Vergangenheit erzählt, in der der Kabeljau König war. Die Anreise nach Westmünde ist ein Erlebnis für sich. Die Kohlbahn führt von der Hauptstadt Kohla aus entlang an rauen Küste der Sturmsee, vorbei an den Küstenorten Fährstedt und Silberstrand, bis hinauf in den Norden zum Westmeer und bis der Zug schließlich den kleinen, aber feinen Bahnhof von Westmünde erreicht. Wer mit dem Auto anreist, folgt der B3, die von Kohla im Süden heraufführt.

Vom Bahnhof aus sind es nur wenige Gehminuten hinauf bis zum historischen Zentrum, das sich um den malerischen, dreieckigen Marktplatz gruppiert, dem unbestrittenen Mittelpunkt des öffentlichen Lebens. Hier, wo sich die Straßen der Stadt wie die Speichen eines Rades treffen, erhebt sich das imposanteste Bauwerk Westmündes: die neugotische St.-Ansgarkirche. Erbaut im Jahr 1892, ist sie den Seefahrern geweiht, und ihre schlanken Türme, die aus Backstein in den oft grauen Himmel ragen, sind weithin sichtbar und dienen den Kuttern auf dem Meer als letzter Orientierungspunkt. Es ist ein stiller Ort, an dem die Fischerfrauen noch heute eine Kerze anzünden, bevor ihre Männer in See stechen, und an dem für eine sichere Rückkehr gebetet wird.

Direkt nebenan, und das ist typisch für die pragmatische Art der Westmünder, befindet sich das älteste und traditionsreichste Geschäft der Stadt: die Wacholder-Schnaps-Destillerie „Zum rauen Heinrich“. Seit fünf Generationen wird hier nach derselben, streng gehüteten Rezeptur gebrannt, und der alte Heinrich Voss, der heutige Inhaber, wird nicht müde zu betonen, dass sein Großvater schon auf die Idee kam, dem Wacholder einen Hauch von Meersalz beizugeben – ein Geheimnis, das den Schnaps so unverwechselbar macht. Das klare, würzige Destillat ist weit mehr als nur ein Getränk; es ist ein Stück westmündischer Identität, es wärmt die Seefahrer auf hoher See, es desinfiziert kleine Wunden in der Fabrik, und es ist der unverzichtbare Begleiter zu jeder Mahlzeit, insbesondere aber zur lokalen Spezialität.

Diese Spezialität, der deftige Kesseleintopf „Stock und Schaf“, ist das kulinarische Aushängeschild der Region. Die Überlieferung besagt, dass er in einem besonders harten Winter entstand, als die Fischer und Hirten der Umgebung ihre letzten Vorräte zusammenwarfen. Was wie eine Notlösung klingt, entpuppt sich als geniale Kombination: Der salzige, feste Stockfisch trifft auf das herzhafte Lammfleisch und -innereien, alles bindet eine sämige Gerstengrütze. Die Zugabe von Wacholderbeeren und einem Schuss des hiesigen Schnapses verleiht dem Eintopf seine unverwechselbare Note. Die alte Weisheit der Westmünder, die man von jedem Einheimischen zu hören bekommt, lautet: „Drei Löffel Stock und Schaf wärmen den Bauch. Drei Gläser Wacholder wärmen die Erinnerung daran“.

Das beste und traditionsreichste Wirtshaus, um diesen Eintopf und den Wacholder zu genießen, ist „Hanneß‘ Kogge“. Hier, am Stammtisch, sitzen Fischer und Fabrikarbeiter Seite an Seite mit dem Bahnhofsvorsteher Gerold Miesbach und tauschen bei einem Glas des Klaren die neuesten Geschichten aus. Die Atmosphäre ist rau, aber herzlich – ein Spiegelbild der Stadt selbst.

Wer den Eintopf mit nach Hause nehmen oder als kulinarisches Andenken verschenken möchte, findet in der Westmünder Bockwurstfabrik die passende Konserve. Dieser Genossenschaftsbetrieb, geleitet von der resoluten Berta Klaasen, füllt den Eintopf in handelsübliche Dosen, die sogar über die Kohlbahn bis in die Hauptstadt Kohla versendet werden, wo sie in den Feinkostläden der Hauptstadt als exotische Delikatesse aus dem Norden gehandelt werden.

Westmündes Geschichte ist untrennbar mit dem Fischfang verbunden. Die kleine, aber feine Fischereiflotte, ein Dutzend robuster Kutter, liegt noch heute im Hafen und folgt den Kabeljau-Schwärmen weit hinaus auf das offene Meer. Zwar ist der einstige Glanz der großen Fischverarbeitungsindustrie verblasst, aber das Leben der Stadt dreht sich immer noch um den Rhythmus der Gezeiten und den Fang der Fische. Ein Spaziergang entlang des Westufers führt vorbei an den alten Lagerhäusern, deren Fassaden vom Salzwasser gezeichnet sind, und bietet einen fantastischen Blick auf die Bucht. Der Weg windet sich dann den Hang hinauf, und es wird schnell klar, was die topographische Besonderheit Westmündes ausmacht: Vom Hafen bis zum nördlichen Ortsausgang, der etwa zwei Kilometer entfernt im Flußtal liegt, überwindet man satte 130 Höhenmeter. Die Stadt ist buchstäblich in den Hang gebaut, und wer die schmalen Gässchen erklimmt, wird mit immer neuen Ausblicken auf das Meer belohnt.

Ein schmaler, romantischer Pfad führt von Westmünde aus direkt an der Steilküste entlang. Drei Kilometer westlich von Westmünde liegt Wasserwacht, ein Flecken, der aus nicht mehr als zwölf Fischerschuppen und einem windschiefen Steg besteht. Der Küstenpfad dorthin ist die einzige Verbindung zur Außenwelt, und wer ihn geht, belohnt sich mit einem Ort, den die Zeit vergessen hat. Direkt an dem kleinen Strand liegen die Hütten, deren Holzfassaden vom Salzwasser gezeichnet sind. Von hier aus starten manchmal die Kutter der Westmünder Flotte direkt in die Weite des Westmeers, ohne den Umweg über den Hafen der Kreisstadt zu nehmen. Das Leben der zwölf Bewohner folgt den Gezeiten: Netze werden geflochten, Boote werden gedichtet, und bei Sturmfluten halten die Fischer zusammen, um die Schäden zu beheben. In der kleinen Remise, dem einzigen Gemeinschaftsraum des Fleckens, erzählen sich die Alten bei einem Glas Wacholder von Seeungeheuern und versunkenen Schiffen. Wasserwacht bietet keine Annehmlichkeiten – kein Handynetz, fließendes Wasser nur in wenigen Hütten, keine Straßen. Dafür bietet es etwas, das unbezahlbar ist: Stille, den Geruch von Teer und Salz und das Gefühl, am Rand der bekannten Welt zu stehen.

Fünf Kilometer oberhalb der Stadt, auf 374 Metern Höhe, liegt die verlassene Westflußmühle. Das verwitterte Holz der Mühle, die einst im 18. Jahrhundert vom Müller Baldur Steinfeld erbaut wurde, erzählt von einer längst vergangenen Zeit, als hier noch Korn gemahlen wurde. Eine verheerende Flut im Jahr 1847 zerstörte das Mühlrad und beendete den Betrieb für immer. Seitdem steht sie verlassen, eine Ruine, die von Moos und Flechten überwuchert wird. Heute leben sieben Menschen in ihren Gemäuern – Außenseiter und Individualisten, die der Gesellschaft den Rücken gekehrt haben. Markus Tiedemann, der ehemalige Bibliothekar, hütet die Geschichte der Mühle, während die Malerin Tordis Falk die Landschaft auf ihren Leinwänden verewigt. Ohne Strom und fließendes Wasser sind die Bewohner auf sich selbst gestellt, doch genau diese Abgeschiedenheit macht den Zauber des Ortes aus. Wer hier übernachtet, erfährt eine Stille, die man in der Zivilisation nicht mehr kennt, und eine Ruhe, die den Geist befreit.

Westmünde ist der perfekte Ausgangspunkt, um die vielfältige Landschaft des Landkreises zu erkunden. Westlich der Stadt erstreckt sich eine stark bewaldete Steilküste, deren dichte, sich selbst überlassene Urwälder bis zum Wasser reichen, während südlich der Stadt die Viehhaltung das Bild der sanften Küstenregion prägt. Östlich und nördlich erhebt sich das mächtige Kohlgebirge, dessen höchste Gipfel, der Kolaberg und der Felberg, weithin sichtbar sind und eine natürliche Grenze bilden, die an die Zeit erinnert, als in den Tälern dieses Gebirges noch intensiv Steinkohle abgebaut wurde. Die Überreste dieser Ära sind noch heute in der Landschaft zu finden, und alteingesessene Westmünder wie der pensionierte Bergmann Theo Hagemann können stundenlang von den schwarzen Goldadern erzählen, die einst den Wohlstand der Region begründeten. Westmünde ist mehr als nur eine Stadt – es ist ein Ort, an dem die Zeit anders tickt, an dem die Natur noch wild und die Menschen noch direkt sind. Es ist der ideale Ort für Reisende, die das Ursprüngliche suchen, die den Duft des Meeres und den Geschmack von Tradition lieben, und die bereit sind, die steilen Hänge zu erklimmen, um einen der schönsten Ausblicke der gesamten Inselwelt zu genießen. Ein Besuch in Westmünde ist eine Reise an den Rand der bekannten Welt – und genau das macht den Reiz dieses einzigartigen Fleckens Erde aus.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 6:38-19:38 über Fährstedt und Silberstrand nach Kohla, 20:38 nach Silberstrand, 21:38 nach Fährstedt
Straße: B3 (S: Saulwitz 6km); Küstenpfad (W: Wasserwacht 3km); Westflußweg (N: Westflußmühle 5km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Westmünde
Gemeinde: K-6000 Westmünde
Orte: K-6000 Westmünde, K-6001 Wasserwacht, K-6002 Westflußmühle