(Pop.: 121 – 3m NN)

Schon sein Name klingt wie eine Verheißung, dabei glitzert hier weniger Edelmetall als die schlichte Einkehr in eine von Wind und Salz geprägte Gelassenheit. Wer auf der befestigten Küstenstraße von Goldstrand aus südwärts fährt, fährt bald an den windzerzausten Birken und knorrigen Kiefern des schmalen Küstenwaldes entlang – nach zehn Kilometern lichtet sich das Gehölz, und man erblickt ein halbes Dutzend weit verstreuter Dächer, die sich scheinbar wahllos zu einer Siedlung zusammengefunden haben: Silberstrand. Auf nur drei Metern über dem Meeresspiegel leben hier 121 Menschen – eine der kleinsten und stillsten Gemeinden des Landkreises Goldküste, und vielleicht gerade deshalb eine seiner liebenswertesten.

Dass die sandigen Gestade rund um den Ort nie eine Silberader hergaben, ist eine Pointe der Geografie; der Name soll vom bleichen Schimmer herrühren, den das Ufer an bewölkten Nachmittagen annimmt, wenn die blassgraue Brandung den Quarzsand durchmischt. Eine alte Legende unter den Muschelzüchtern fügt dem noch eine verwegene Anekdote hinzu: Der Seeräuber Silbrian Buth soll hier im frühen 17. Jahrhundert eine Truhe voller Silbertaler vergraben haben, die jedoch bei einer der berüchtigten Sturmfluten für immer in den Dünen versank. Geblieben ist der poetische Ortsname – und die Gewissheit, dass der wahre Schatz dieses Dorfes unter der Wasseroberfläche liegt.

Das Leben von Silberstrand wird von den Gezeiten diktiert. Vier Familien betreiben vor der Küste die Muschelzucht: An langen, in den felsigen Prielen verspannten Stricken wachsen die Miesmuschelpflöcke heran und liefern jährlich rund 15 Tonnen der dunkelblauen Schalentiere. Ein Teil der Ernte wird frisch auf den Markt nach Kohla geliefert, der größere Rest jedoch in der kleinen Konservenfabrik am nördlichen Ortsrand zu eingelegten Spezialitäten verarbeitet. Der schlichte Zweckbau, 1936 von der Genossenschaft „Miesmuschel Silberstrand e.G.“ errichtet, beschäftigt heute sechs Arbeiter und füllt die Luft mit dem würzigen Duft von Sud und Rauch. Lohn der Mühe sind nicht nur die saftig-schwarzen Muscheln im Glas, sondern auch eingelegter Sturmseehering, verpackt in Konservendosen, die von Hand mit maritimen Miniaturen bemalt werden. Wer eine dieser Dosen erwirbt, erhält ein Stück Silberstrander Alltag: Ob ein stilisierter Kutter, eine Muschelpyramide oder eine einsame Kiefer – das Etikett erzählt davon, wer an diesem Ort lebt und arbeitet.

Am südlichen Ende des Dorfes, dort, wo der Küstenwald für etwa dreihundert Meter zurücktritt, gibt das Land den Blick auf eine kleine halbrunde Bucht frei. Grober Sand, durchsetzt von abgerundeten Kieseln, lädt zum Verweilen ein, auch wenn die Sturmsee selbst im Hochsommer selten mehr als 16 Grad erreicht. An windstillen Tagen, wenn das Wasser so klar ist, dass man bis auf den sandigen Grund blicken kann, trifft man hier auf badende Einheimische und gelegentlich ein paar unentwegte Gäste aus dem Landesinneren, die sich den Sprung ins kühle Nass nicht nehmen lassen.

Die Anreise ist unkompliziert, denn die Kohlbahn hält auf ihrer Linie 12 stündlich in Silberstrand. Die K303 verbindet Silberstrand zudem mit dem acht Kilometer entfernten Frühlingsdorf und weiter mit dem Kohla-Tal, während der alte Küstenweg Radfahrer und Wanderer nordwärts nach Goldstrand oder südwärts nach Kleinstrand leitet.

Trotz seiner geringen Größe ist Silberstrand nicht ohne gesellschaftlichen Mittelpunkt. An der Kreuzung von Sandweg und Landstraße steht ein winziges, aus hellgrauem Holz gezimmertes Gemeindehaus, das zugleich als Betsaal, Versammlungsraum und Poststelle dient. Jeden zweiten Sonntag im Monat läutet Heinke Callsen, die ehrenamtliche Küsterin, mit einer handgezogenen Glocke den Gottesdienst ein, den Pastorin Mareile Klünder aus Goldstrand abhält. Anschließend versammeln sich die Dorfbewohner bei selbstgebackenem Kuchen und starkem Tee, um über die Muschelpreise, den letzten Sturm oder die besten Badeplätze zu plaudern – eine Tradition, die hier weniger Folklore ist als gelebte Notwendigkeit in einer Landschaft, die den Menschen alles an Gemeinschaft abverlangt.

Einen Gasthof oder ein Hotel sucht man in Silberstrand vergeblich. Dafür vermietet Mareike Struve, deren Familie seit drei Generationen die größte der vier Muschelzuchten betreibt, in ihrem umgebauten Bootsschuppen ein schlichtes, aber makellos sauberes Gästezimmer mit Blick auf die Priele. Auf dem Hof von Jan-Ole Feddersen wiederum, dessen Großvater die Konservenfabrik mitbegründete, können Besucher gegen Voranmeldung an einer „Muschelküche“ teilnehmen und lernen, wie man die Ernte des Tages über offenem Feuer zubereitet. Einen richtigen Laden gibt es nicht; Brot, Milch und das Nötigste bringt dreimal wöchentlich der rollende Bäcker aus Goldstrand, und für größere Besorgungen fährt man die zwölf Kilometer hinauf in die Kreisstadt. Was dem Komfort fehlt, gleicht die Landschaft aus: Die Nächte sind hier von einer so vollkommenen Dunkelheit erfüllt, wie man sie in den Städten längst vergessen hat, und das einzige Licht, das über den Himmel wandert, stammt vom Leuchtturm, der weit draußen auf den Klippen der Sturmsee seine Bahn zieht.

Wer den Ort im Frühsommer besucht, sollte sich das Silberstrander Muschelfest nicht entgehen lassen, eine urwüchsige Feier unter freiem Himmel, bei der die gesamte Einwohnerschaft auf den Beinen ist. Dann werden am Strand große Kessel über Treibholzfeuern erhitzt, die Muschelpflöcke frisch aus dem Wasser gezogen, und jeder, der möchte, darf nach Herzenslust kosten, was das Meer hergibt. Dazu spielt Anton Tedsen auf seiner Handharmonika alte Seemannslieder, während die Kinder mit selbstgebastelten Laternen die Dünenpfade säumen. Es ist dieses zutiefst unprätentiöse, von keiner touristischen Kulisse verstellte Leben, das Silberstrand seinen eigentümlichen Zauber verleiht: ein Ort, der nichts verspricht, was er nicht halten kann – und gerade deshalb mehr schenkt, als man gesucht hat.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 6:00-21:00 nach Kohla, 7:00-21:00 über Strandstedt nach Westmünde, 22:00 nach Strandstedt
Straße: K303 (O: Frühlingsdorf 6km); Küstenweg (S: Kleinstrand 5km, N: Goldstrand 12km)

LandKohlonia
LandkreisGoldküste
Postleitzahl: K-5120 Silberstrand