
(Pop.: 254 – 5m NN)
Wer mit der Kohlbahn von Kohla gen Norden fährt, spürt schon nach der Station Nordorf, wie der Atem der Sturmsee heftiger wird. Die Linie 12, die sich in einer langgezogenen Kurve durch den Küstenwald windet, hält 11 Kilometer nach Nordorf auf scheinbar offener Strecke an einem windschiefen Haltepunkt, der kaum mehr als ein Unterstand aus Teerpappe ist – und dennoch steigen fast immer ein paar Fahrgäste aus, denn hinter der nächsten Düne liegt Kleinstrand, mit 254 Einwohnern die zweitgrößte Siedlung des Landkreises Goldküste.

Der Name des Ortes ist so schlicht wie einleuchtend: Von allen drei „Strand“-Dörfern der Region – Goldstrand, Silberstrand und eben Kleinstrand – besitzt dieses hier den schmalsten Küstenwaldstreifen. Nur 600 Meter misst der von Kiefern und windzerzausten Birken bewachsene Gürtel, der das sanft ansteigende Hinterland von der Sturmsee trennt. An manchen stürmischen Tagen, wenn die Gischt über die Molen peitscht, kann man meinen, das Meer wolle sich den Ort gleich ganz einverleiben. Dass es das bislang nicht getan hat, verdankt Kleinstrand nicht zuletzt den beiden Granitmolen, die der Gutsherr von Kohlfähre im Jahr 1784 errichten ließ. Aus roh behauenen Bruchsteinen aufgeschichtet, flankieren sie die schmale Hafeneinfahrt und haben aus einer ungeschützten Bucht einen windgeschützten Naturhafen gemacht, der noch heute das wirtschaftliche Herz des Ortes bildet.

Sieben Kutter sind hier stationiert, mehr als irgendwo sonst im südlichen Kreisgebiet. Der älteste von ihnen, die stolze „Meermöwe“, lief bereits 1949 vom Stapel und tut noch immer ihren Dienst – ein Umstand, auf den ihr Besitzer und Kapitän Hauke Thomsen gern mit einem verschmitzten „Holz hält länger als Stahl, wenn man’s nur ordentlich pecht!“ hinweist. Thomsen, ein drahtiger Endfünfziger mit wettergegerbtem Gesicht und einer randlosen, längst aus der Mode gekommenen Schiffermütze, ist so etwas wie der heimliche Bürgermeister des Hafens. Morgens um fünf, wenn die Kutter auslaufen, sieht man ihn stets als Ersten auf der östlichen Mole stehen, die Hände um einen Becher mit dampfendem, nach Kardamom duftendem Tee gelegt, und den Horizont nach Anzeichen aufziehenden Unwetters absuchen. Die Fänge, die Thomsen und die anderen Fischer einbringen – hauptsächlich Dorsch und Flunder –, landen noch am selben Vormittag in der Fischsemmelbude am Hafen, die den schlichten Namen „Smuttje’s Ecke“ trägt. Betrieben wird sie von Mareike Bornemann, einer resoluten Frau mit auf die Hüften gestemmten Armen und einem Lachen, das selbst das Kreischen der Möwen übertönt. Ihr Geheimnis, so sagt man, sei der selbstgebackene Dill-Senf, den sie großzügig unter die zarten Flunderfilets streicht, ehe sie sie in eine aufgeschnittene, noch ofenwarme Semmel legt.

Das weithin sichtbare Wahrzeichen Kleinstrands aber liegt an der westlichen Mole, und es ist ein Mahnmal der Vergänglichkeit: Der halb im Sand versunkene Rumpf des hölzernen Dreimastschoners „Albatros“, der hier am 17. März 1871 in einem jener berüchtigten Frühjahrsstürme auf die Felsen lief. Neun Seeleute verloren damals ihr Leben, und noch heute erzählt man sich im Dorf, dass der Kapitän des Schiffes, ein gewisser Jurian Valk, mit dem Ruf „Nicht gegen den Wind, gegen die See!“ am Ruder gestanden habe, ehe ihn die Brecher von Deck spülten. Der Bugspriet des Wracks ragt noch immer drei Meter aus dem Wasser, und bei Ebbe kann man die kupferbeschlagenen Planken des Unterwasserrumpfes erkennen – ein faszinierender Anblick, der bei ruhiger See auch Taucher anlockt. Die hölzerne Galionsfigur des Schoners, eine einst farbig gefasste Meermöwe mit ausgebreiteten Schwingen, wurde 1929 geborgen und ist heute im Zollhausmuseum des benachbarten Kohlamünde ausgestellt. In Kleinstrand selbst erinnert eine schlichte Bronzetafel an der Mole an die Toten von 1871; jeden Herbst binden die Fischer einen Kranz aus Kiefernzweigen und Strandhafer daran.

Wer die Mole passiert hat und landeinwärts geht, gelangt über die schmale Pflasterstraße „An der Reede“ zum Dorfkern, der sich um einen kleinen, von knorrigen Rosskastanien beschatteten Platz gruppiert. Hier stehen die wenigen Häuser des Ortes so dicht beieinander, als suchten sie gegenseitig Schutz vor dem Wind – das ehemalige Zollhaus von 1801, in dem heute die Ortsverwaltung untergebracht ist, die kleine, dem heiligen Eoban geweihte Kapelle und das „Gasthaus zur Meermöwe“, das einzige Gasthaus des Ortes. Dessen Pächter, Lennart Grönebaum – ein weitläufiger Vetter des Kreishauptmanns von Goldstrand –, vermietet drei schlichte Zimmer unter dem Dach, die bei Radfahrern und Wanderern entlang des Küstenwegs sehr beliebt sind. In der Gaststube, die von einem riesigen, rußgeschwärzten Herdbogen dominiert wird, hängt ein mit Seekarten bedrucktes Tischtuch, auf dem die Gäste mit Bleistift den Ort ihrer Herkunft eintragen können; die Markierungen reichen mittlerweile von Westmünde bis ins ferne Buthanien.

Die Versorgung des Dorfes ist so bescheiden, wie die Einwohnerzahl es erwarten lässt: Einen Supermarkt sucht man vergeblich, doch der Dorfladen von Theda Jensen, gleich neben dem Gasthaus gelegen, führt alles Nötige – von Konserven über frische Eier und den berühmten eingelegten Sturmseehering aus Silberstrand bis hin zu Angelhaken und Petroleum für die Sturmleuchten. Theda, eine bedächtige Frau von siebzig Jahren, die den Laden in der dritten Generation betreibt, kennt jeden der 254 Einwohner beim Vornamen und weiß, wer wann Geburtstag hat; nicht selten findet sich an der Kasse ein selbstgebackener Honigkuchen als Präsent für den Jubilar. Fleisch, so sagt man im Ort, komme am besten vom jungen Schlachter Marten Petersen, der jeden Donnerstag mit seinem Lieferwagen vorfährt und auf dem Dorfplatz die Bestellungen ausgibt – Bratwürste, Kochschinken und seine vielgerühmte grobe Leberwurst, die er nach einem Rezept seines Großvaters aus Nordorf herstellt.
Eine Arztpraxis besitzt Kleinstrand nicht; der diensthabende Doktor Lars Brekewoldt aus Goldstrand kommt zweimal pro Woche mit seinem klapprigen, türkisblauen Geländewagen herüber und hält Sprechstunde in einem kleinen Raum des ehemaligen Zollhauses, wo zwischen historischen Seekisten und einem alten Barometer auch ein modernes Blutdruckmessgerät seinen Platz gefunden hat. Die Kinder des Ortes besuchen die Zwergschule in Goldstrand, wohin morgens ein alter, aber zuverlässiger Schulbus der Kohlbahn über die Küstenstraße K304 fährt.
An den langen Abenden, wenn die Sturmsee grau und das Dorf still wird, versammeln sich die Fischer von Kleinstrand an dem großen, von Surfkielen gerahmten Stammtisch im „Gasthaus zur Meermöwe“. Dann holt der alte Hauke Thomsen gern seine zerkratzte Drehorgel hervor – ein Erbstück seines Großonkels, das er eigenhändig restauriert hat – und spielt sehnsüchtige Melodien, die vom Meer erzählen, während der Wind an den Fensterläden rüttelt. Es sind solche Momente, in denen man spürt, dass Kleinstrand mehr ist als ein Punkt auf der Landkarte: ein Ort, der sich dem Sturm entgegenstellt, ohne ihm je ganz zu trotzen, und der gerade daraus seinen leisen, unbeugsamen Charme bezieht.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 6:07-21:07 nach Kohla, 6:56-20:56 über Goldstrand und Strandstedt nach Westmünde, 21:56 nach Strandstedt
Straße: K304 (O: Punktdorf 5km); Küstenweg (S: Nordorf 11km, N: Silberstrand 5km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Goldküste
Postleitzahl: K-5110 Kleinstrand (Kohlonia)

