
(Pop.: 197 – 2m NN)
Die Straße windet sich in engen Kehren vom Kohlgebirge herab, und mit jeder Kurve weitet sich der Blick über die Sturmsee, bis endlich, auf den letzten Metern vor der Küste, Sosufer auftaucht. Es ist ein Ort, der sich nicht in den Vordergrund drängt. Zweihundert Seelen, ein paar Dächer, die sich hinter einem Windschutz aus krüppeligen Kiefern ducken, und immer dieses unablässige, tiefe Atmen des Meeres.
Sosufer liegt auf kaum zwei Metern über dem Meeresspiegel, ein schmaler Streifen besiedelten Landes zwischen den Steilhängen der Weidegründe und der brandenden See. Südlich, am Horizont, schiebt sich das Kohlgebirge in den Himmel, eine dunkle Wand, die an klaren Tagen zum Greifen nah scheint. Auf den unbewaldeten Hängen oberhalb der Steilküste ziehen Schafe und die zähen, schwarz-weißen Bergziegen ihre Bahnen, bewacht von Hütehunden, deren Bellen der Wind herübertragen kann. Vier Kilometer landaufwärts, auf etwa 450 Metern Höhe, beginnt der Gebirgswald, eine schattige Grenze, die Sosufer vom Hinterland abschneidet und dem Dorf seinen Charakter als letzten Außenposten vor der Weite der Sturmsee verleiht.

Der Name des Dorfes ist Programm und Mahnung zugleich. „Sosufer“ – das ist im alten regionalen Dialekt der „Sorgesame“, das Ufer, das Sorgen bereitet. Der Grund dafür offenbart sich bei Niedrigwasser. Dann zieht sich das Meer zurück und gibt eine bizarre, von Höhlungen durchsetzte Küstenlinie frei. Die Brandung hat das weiche Gestein unterspült, hat Grotten, Tunnel und tückische Kolke in den Fels gefressen. Betritt man diese dann trockengefallene Mondlandschaft, wandert man über fossile Muschelbänke, die wie gepflasterte Wege einer längst vergessenen Welt unter den Sohlen knirschen. Es sind diese uralten Ablagerungen, die das Ufer so fragil und anfällig für die nagende Kraft der Wellen machen. Ein Betreten ist nur bei ruhiger See und strikter Beachtung der Gezeiten ratsam; die Flut kehrt hier schneller zurück, als mancher Unkundige denkt.

Das Herz dieser skurrilen Landschaft schlägt in einem unscheinbaren Backsteingebäude aus dem Jahr 1890, der ehemaligen Dorfschule. Hier hat Eventplanerin Freja Larsson, eine Frau mit der Energie eines Frühjahrsturms und dem silbergrauen Haar einer Insulanerin, das kleine Heimatmuseum des Ortes eingerichtet. Es ist ein Kabinett der stillen Wunder. Unter Glas liegen die schönsten Fundstücke aus den fossilen Muschelbänken: handtellergroße Austern, versteinerte Schnecken mit filigranen Gehäusen und der Stolz der Sammlung, der perfekt erhaltene Abdruck eines urzeitlichen Fisches, den Viktor Holmgren, der örtliche Zugführer, bei einer seiner morgendlichen Wanderungen fand. Viktor, ein ruhiger Mann mit wachen Augen, ist ein stiller Experte für die Geologie seiner Heimat. „Jeder Sturm legt eine neue Schicht der Vergangenheit frei“, pflegt er zu sagen, während er die Funde in den Vitrinen ordnet. Neben den Fossilien zeigt das Museum rostige Haken, schwere Senker und kunstvoll geflochtene Netze aus der frühen Küstenfischerei – Zeugnisse eines mühevollen Lebens mit und gegen die See.

Heute lebt das Dorf von den Gästen, die kommen, um genau diese Ursprünglichkeit zu suchen. Es sind Wanderer, die den Steilküstenweg hinauf ins Kohlgebirge nehmen wollen, Geologen, Fossilienliebhaber und jene, die einfach die karge, windzerzauste Schönheit der Sturmsee auf sich wirken lassen möchten. Mehrere Pensionen bieten einfache, aber herzliche Unterkünfte. In der „Pension Sturmblick“, geführt von Freja Larssons Nichte, schläft man in Zimmern, deren Fenster tatsächlich direkt auf die tosende See blicken. Wer es ruhiger mag, quartiert sich in die „Alte Dorfschule“ ein, ein Gästehaus in einem liebevoll restaurierten Fachwerkbau mit nur drei Zimmern, das ganzjährig geöffnet hat.

Das öffentliche Leben ist in Sosufer ein überschaubares, aber nicht minder reiches. An den Abenden, wenn Viktor Holmgren seinen letzten Zug der Linie 12 sicher von Westmünde kommend über Silberstrand und Strandstedt nach Kohla gebracht hat, kehrt er oft im Gasthof Sosufer ein. Dieser Gasthof, im Ort „Gasthof Seeblick“ genannt, ist eine Institution mit schiefen Dielen, einem bullernden Ofen und einer Speisekarte, die von der deftigen Küche der Region lebt. Serviert wird, was die See und die Weiden hergeben: Lammbraten von den Hängen, fangfrischer Hornhecht oder die berühmte Muschelsuppe nach einem Rezept, das angeblich noch von den ersten Siedlern der Gegend stammt. Der Wirt, ein ehemaliger Fischer, erzählt dazu gerne die Legende, der zufolge die Höhlen des Sorgesamens die Schlafplätze der „Meerleute“ sind, gutmütiger Küstengeister, die nur dann erscheinen, wenn die Musik der Stürme über der See erklingt.

Neben dem Gasthof findet sich ein kleiner, aber erstaunlich gut sortierter Dorfladen, der zugleich als Postagentur und informelle Touristeninformation dient. Die Bäckerin aus Strandstedt, dem acht Kilometer östlich gelegenen, größeren Nachbarort an der B302, beliefert ihn jeden Morgen mit frischem, dunklem Brot und süßen Zimtschnecken. In die andere Richtung, sieben Kilometer westwärts, liegt das noch kleinere Remberg, dessen geduckte Häuser sich kaum vom felsigen Untergrund abheben. Der schmale Asphaltfaden der B302 verbindet die drei Küstenorte miteinander, doch die wahre Lebensader ist die Kohlbahn. Ihr stündliches Tuckern und Pfeifen von 6:32 Uhr morgens bis zum letzten Zug um 21:32 Uhr nach Silberstrand ist der verlässliche Taktgeber des Dorfes. Viktor Holmgren, der die Strecke wie seine Westentasche kennt, grüßt vom Führerstand mit einem kurzen Heben der Hand, wenn er am alten Bahnsteig vorbeifährt.
Am Rand des Dorfes, wo die Straße in den Steilküstenweg übergeht, steht eine einfache, aus grobem Stein gefügte Kapelle. Sie hat keinen eigenen Pfarrer mehr, aber zweimal im Monat, wenn Pastorin Mareike Nissen aus Strandstedt anreist, füllt sie sich mit Leben. Dann erklingt der Gesang der wenigen Gläubigen, vermischt mit dem Kreischen der Möwen und dem ewigen, monotonen Pochen der Wellen gegen das Sorgsame Ufer – ein Klang, der das Wesen dieses entrückten, sturen und wunderbar eigenwilligen Fleckens Erde einfängt.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 6:32-20:32 über Silberstrand nach Kohla, 21:32 nach Silberstrand, 6:31-21:31 nach Westmünde
Straße: B302 (W: Remberg 7km, O: Strandstedt 8km), Steilküstenweg hinauf ins Kohlgebirge
Land: Kohlonia
Landkreis: Kohlaschleuße
Ort: K-2110 Sosufer

