
(Pop.: 18 – 632m NN)
Wer auf der K202 das Hamatal hinauffährt, bemerkt Hamamühle nicht an einem Ortsschild, sondern an einem Geräusch. Zwischen dem Rauschen der Fichten und dem Lauf der Hama setzt plötzlich ein langsames Schlagen ein, gefolgt vom Knarren hölzerner Wellen und dem gleichmäßigen Singen einer Säge. Hinter einer Straßenkurve stehen ein langgestrecktes Mühlenhaus, drei Wohnhäuser und mehrere Schuppen dicht am Wasser. Zusammen bilden sie den Flecken Hamamühle, der auf 632 Metern Höhe liegt, 18 Einwohner zählt und zur Gemeinde Hamatal gehört. Das Tal befindet sich im dünn besiedelten Landkreis Boxbucht, der sich vom Kohlgebirge bis zur Nordmeerküste erstreckt und von kleinen Handwerksbetrieben, Forstwirtschaft, Fischfang und Salzgewinnung geprägt ist.
Beherrscht wird der Ort von der eigentlichen Hamamühle. Das Gebäude ist teils aus groben Feldsteinen, teils aus dunklem Gebirgsholz errichtet. Seine ältesten Bauteile stammen aus dem 18. Jahrhundert. Unter dem weit heruntergezogenen Schindeldach liegen eine Getreidemühle und ein Sägewerk, die beide noch arbeiten. Oberhalb des Hauses wird Wasser aus der Hama in einen hölzernen Mühlgraben geleitet. Über ein Schütz fällt es auf das mächtige, aus Eichenholz zusammengesetzte Wasserrad. Dessen Kraft überträgt sich im Inneren auf ein bemerkenswertes Geflecht aus Wellen, Riemen und hölzernen Zahnrädern. Je nachdem, welche Kupplung eingelegt wird, drehen sich die beiden Mahlsteine oder das Sägegatter bewegt sich mit kurzen, kräftigen Hüben durch einen eingespannten Stamm.

Müller Arno Hagedorn führt die Anlage gemeinsam mit seiner Schwester Klara Hagedorn und seinem Sohn Leander Hagedorn. Die Mühle ist kein vorgeführtes Museumsstück. Bauern aus Hamatal bringen kleinere Mengen Roggen, Gerste und Hafer, während Waldarbeiter Stämme und schwere Bohlen anliefern. Größere Aufträge wären für die alte Technik ungeeignet, doch gerade für Reparaturholz, Schindeln und kleine Getreidepartien ist sie unverzichtbar. Besucher dürfen Arno Hagedorn bei der Arbeit zusehen, sofern sie sich an die schmalen, mit Mehlstaub bedeckten Wege halten. Besonders eindrucksvoll ist der Augenblick, in dem er mit einem langen Hebel das Mahlwerk zuschaltet. Erst ruckt das Gebäude kaum merklich, dann beginnen die Steine zu laufen, und wenig später fällt warmes Schrot in einen Leinensack.
Der Name Hamamühle ist jünger als das Bauwerk. In alten Erzählungen heißt es, die ersten Bewohner hätten lediglich „bei der Mühle an der Hama“ gewohnt. Fuhrleute verkürzten diese umständliche Ortsangabe zunächst zu „Hamamühl“ und schließlich zu Hamamühle. Eine zweite, bei Kindern beliebtere Geschichte behauptet, das Rad habe früher beim Anlaufen ein lautes „Hama, Hama“ gerufen. Klara Hagedorn hält diese Erklärung für Unsinn, erzählt sie aber trotzdem jedem jungen Besucher, der lange genug vor dem Wasserrad stehen bleibt.
Mit Hamatal, drei Kilometer südwestlich und deutlich höher im Gebirge gelegen, ist der Flecken eng verbunden. Von dort kommen Brennholz, Wild und Getreide zur Mühle. In der Gegenrichtung werden Mehl, Bretter und Sägespäne transportiert. Drei Kilometer östlich erreicht die K202 Salzquell. Dort mündet der Salzfluss in die Hama, und das kleine Bergwerk liefert Salz für die Gurkenverarbeitung im nördlichen Kohlonia. Die Straße ist schmal und folgt eng dem Fluss. Im Winter können Schnee, Eis oder umgestürzte Bäume die Fahrt erschweren. Einen Bahnanschluss besitzt Hamamühle nicht. Wer ohne eigenes Fahrzeug anreist, muss den Weg durchs Tal zu Fuß oder mit einer Mitfahrgelegenheit zurücklegen.

Die auffälligste Person unter den Bewohnern ist der Neurologe Jonas Becker. Er arbeitete mehrere Jahre am Zentrum für Neurologie und Hirnforschung der Technischen Universität in Kohla, das überregional als wissenschaftliche Einrichtung bekannt ist. Später zog er in das leer gewordene Köhlerhaus am westlichen Rand von Hamamühle. Dort hat er ein kleines Untersuchungszimmer eingerichtet, in dem er einmal wöchentlich Menschen aus dem Hamatal empfängt. Für aufwendigere Diagnostik verweist er sie weiterhin an die Einrichtungen in Kohla oder an die Gemeinschaftspraxis der Kreisstadt Boxbucht.
Jonas Becker interessiert sich besonders für die Wirkung gleichmäßiger Bewegungen und Geräusche auf Konzentration, Schlaf und körperliche Anspannung. Die Hamamühle bietet ihm dafür ein ungewöhnliches Umfeld. Häufig sitzt er am Nachmittag mit Notizbuch und Aufnahmegerät neben dem Mühlgraben und dokumentiert das Zusammenspiel von Wasser, Rad und Mahlwerk. Dabei geht es ihm nicht um eine romantische Naturheilkunde, sondern um präzise Beobachtung. Er misst Lautstärke, Wiederholungsintervalle und die Reaktionen freiwilliger Versuchspersonen. Müller Arno Hagedorn kommentiert diese Tätigkeit trocken: Sein Großvater habe schon gewusst, dass man beim Klappern der Mühle gut denken könne, dafür aber kein Messgerät benötigt.

Gesellschaftlicher Mittelpunkt ist das Wirtshaus „Zur Mühle“, obwohl es weder über einen eigenen Gastraum noch über regelmäßige Öffnungszeiten verfügt. Die Schankwirtschaft befindet sich in der Wohnstube der Familie Hagedorn. Wer einkehren möchte, klopft an der grünen Seitentür. Drinnen stehen zwei lange Tische, ein eiserner Ofen und ein alter Schrank, in dem Gläser, Mehlsäcke und Ersatzteile für das Mahlwerk friedlich nebeneinander lagern. Serviert werden geräucherter Fisch aus Hamamünde, kräftiges Mühlenbrot und gelegentlich eine Suppe aus Gerste und Wurzelgemüse. Der Fisch gelangt über das Hamatal von der Nordmeerküste hinauf, denn Hamamünde ist ein traditioneller Fischereiplatz mit Räuchereien und einer kleinen Kutterflotte.
Das Brot besitzt eine dunkle Kruste und wird unmittelbar neben dem Mahlraum gebacken. Deshalb haftet dem ganzen Haus eine eigentümliche Mischung aus Rauch, Mehl und frischem Sägemehl an. Übernachten kann man nur nach vorheriger Absprache. Im Dachgeschoss stehen zwei niedrige Kammern mit einfachen Holzbetten zur Verfügung. Fließendes warmes Wasser gibt es nicht immer, dafür hört man nachts die Hama unterhalb des Fensters.
Ein festes Jahresereignis gibt es dennoch. Am ersten Samstag nach der Herbsternte findet der Mühlentag statt. Dann reinigen die Bewohner gemeinsam den Graben, ersetzen beschädigte Schaufeln am Wasserrad und mahlen das erste Korn der neuen Ernte. Am Abend werden Tische vor dem Mühlenhaus aufgestellt. Klara Hagedorn backt flache Gerstenbrote, Leander führt das Sägegatter vor, und Jonas Becker hält meist einen kurzen Vortrag, dessen Thema von Kopfschmerzen bis zur Geschichte medizinischer Holzmodelle reichen kann. Besucher sind willkommen, doch Werbung betreibt niemand.
Verkehrsverbindungen:
Straße: K202 (SW: Hamatal 3km; O: Salzquell 3km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4150 Hamatal
Ort: K-4151 Hamamühle

