(Pop.: 72 – 699m NN)

Tief im Kohlgebirge, wo die Hama sich durch ein enges, bewaldetes Tal schlängelt und der Nebel zwischen den Fichten hängt, liegt Hamatal. 72 Menschen leben hier auf 699 Metern Höhe, am Ende der Kreisstraße K202, die das Tal hinauf von Hamamünde aus über Salzquell und Hamamühle heraufführt und im Winter oft unpassierbar ist. Wer den Ort erreicht, hat das Gefühl, in eine andere Zeit geraten zu sein – eine Welt aus mächtigen Baumstämmen, Lärchenschindeln und dem Geruch von Holzfeuer und Harz. Die Häuser sind aus wuchtigen Stämmen gezimmert, die Dächer mit Schindeln gedeckt, die im Lauf der Jahrzehnte eine silbergraue Patina angenommen haben. Es gibt keine Straßennamen im üblichen Sinn; die wenigen Wege tragen Bezeichnungen, die von den Bewohnern selbst stammen: der „Obere Holzweg“, die „Jägerstiege“, der „Mühlsteig“ hinüber nach Hamamühle. Die Bewohner sind eigenständige Leute, die wenig Kontakt zur Außenwelt suchen. Man grüßt den Fremden freundlich, aber knapp, und mustert ihn mit dem prüfenden Blick von Menschen, die ihr Leben lang gelernt haben, dass die Natur keine Fehler verzeiht. Die K202 ist die einzige Verbindung nach draußen. Sie kommt von Hamamühle im Nordosten, wo die alte Mühle der Familie Hagedorn steht, und verläuft von dort in einem weiten Bogen durch das Kohlgebirge und sein Vorland bis nach Nordufer am Nordmeer. Sechzehn Kilometer sind es bis zur Küste, doch im Winter, wenn der Schnee die Straße verschüttet, kann es Wochen dauern, bis der Pflug durchkommt. Dann ist Hamatal, was es im Grunde immer ist: ein Ort für sich.

Der Wald ist die Lebensgrundlage. Die Männer – und einige Frauen – arbeiten als Holzfäller, Waldarbeiter oder Förster. Das Holz aus dem Hamatal ist begehrt: Fichte und Tanne für den Bau, Bergahorn und Eiche für Möbel und Schindeln. Auch die Jagd spielt eine Rolle. Im Herbst ziehen die Jäger in die höheren Lagen, wo Rotwild und Schwarzwild durch die Dickungen wechseln. Die Jagdhütte am Hang oberhalb des Dorfes, ein einfacher Blockbau mit einem offenen Feuerplatz, ist Treffpunkt vor und nach der Pirsch. Förster Hagen Böttcher, ein stiller Mann mit wettergegerbtem Gesicht, führt die Jagdgemeinschaft und achtet darauf, dass der Bestand nicht übernutzt wird.

Das gesellschaftliche Herz des Dorfes ist das Wirtshaus „Zum Hirsch“. Es steht an der Stelle, wo die K202 den Dorfplatz erreicht, ein langgestrecktes Haus mit einer niedrigen Tür und kleinen, bleiverglasten Fenstern. In der Stube riecht es nach Holzfeuer, gebratenem Wild und dem süßlichen Aroma des Honigmets, der nach einem alten Rezept gebraut wird. Der Met ist dunkel, fast schwarz, und hat eine würzige Süße, die lange nachklingt. Wirtin Marlies Vogt zapft ihn aus einem hölzernen Fass, das im kühlen Keller unter dem Haus lagert. Der Stammtisch ist ein wuchtiger Eichentisch, an dem die Männer des Dorfes sitzen und die Ereignisse des Tages besprechen: ein gerissener Fuchs, der die Hühner des Nachbarn geholt hat; ein umgestürzter Baum, der den Weg nach Salzquell blockiert; die Qualität des Holzes, das in dieser Woche geschlagen wurde. Die Gespräche sind leise, aber intensiv, und wer nicht zur Dorfgemeinschaft gehört, bleibt am Rand.

Nur wenige Schritte vom Wirtshaus entfernt steht die Kirche, ein kleiner Bau aus Feldsteinen, dem heiligen Eustachius geweiht. Eustachius, der Schutzpatron der Jäger, passt zu einem Dorf, in dem fast jede Familie von der Jagd lebt oder gelebt hat. Die Kirche ist schlicht: ein rechteckiger Saal mit einer flachen Holzdecke, weiß getünchten Wänden und einer kleinen Empore. Ihr größter Schatz ist ein Kruzifix aus dem 14. Jahrhundert, geschnitzt aus einem einzigen Stück Eichenholz. Die Figur ist einfach, fast grob, doch die Haltung des Gekreuzigten – der leicht geneigte Kopf, die angespannten Arme – wirkt auf viele Besucher ergreifend. Pfarrerin Annegret Steinmann, eine Frau in den Sechzigern, die aus Boxbucht stammt und vor Jahren in das Hamatal gezogen ist, hält hier die Gottesdienste. Sie ist zugleich die einzige Person im Dorf, die regelmäßig Kontakt zur Außenwelt pflegt, denn sie fährt einmal im Monat in die Kreisstadt, um sich mit anderen Geistlichen zu treffen. Die Gemeinde versammelt sich nicht nur zum Gottesdienst, sondern auch zu den kleinen Festen des Kirchenjahres: Erntedank, Weihnachten, Ostern. Dann läuten die Glocken, die im kleinen Dachreiter hängen, über das Tal, und die Töne mischen sich mit dem Rauschen der Hama.

Was im Dorf nicht selbst hergestellt werden kann, besorgt der kleine Dorfladen am unteren Ende des Dorfplatzes. Betreiberin ist Jun Chen, eine Frau, die vor vielen Jahren aus Kohla kam und sich in Hamatal niedergelassen hat. Der Laden ist eng, die Regale sind vollgestopft mit allem, was man braucht: Mehl, Salz, Kaffee, Kerzen, Nägel, Schuhcreme, Angelhaken, Batterien. Nicht alles ist immer vorrätig; die Lieferungen kommen unregelmäßig, je nach Jahreszeit und Straßenzustand. Im Winter, wenn die K202 gesperrt ist, kann es vorkommen, dass Jun Chen wochenlang auf Nachschub warten muss. Doch sie hat für fast jeden Wunsch eine Idee, wo in Landauri etwas bestellt werden könnte. „In Boxbucht bekommt man das“, sagt sie dann, oder: „In Kohlaschleuße gibt es einen Händler, der das führt.“ Sie kennt die Wege und die Menschen, und wer sich gedulden kann, wird am Ende fast immer beliefert.

Eine Besonderheit des Dorfes ist die Anwesenheit von Piotr Wiśniewski, einem Historiker, der vor einigen Jahren aus Landauri-Stadt nach Hamatal gekommen ist. Er wohnt in einem der ältesten Häuser des Ortes, einem Blockbau aus dem 18. Jahrhundert, und erforscht die Geschichte der Holzwirtschaft im Kohlgebirge. Sein besonderes Interesse gilt den Flößereien, die einst das Holz über die Hama und den Kohla-Fluss bis nach Kohla brachten. In seinem Haus, das er Besuchern nach Absprache öffnet, hat er Karten, Urkunden und alte Werkzeuge zusammengetragen. Wiśniewski ist kein geselliger Mensch, doch wer sich für die Vergangenheit des Tales interessiert, findet in ihm einen kenntnisreichen Gesprächspartner. Er erzählt von den Zeiten, als Hamatal noch mehr als doppelt so viele Einwohner hatte, von den Sägemühlen, die einst an der Hama standen, und von den Familien, die das Tal über Generationen geprägt haben.

Die Umgebung des Dorfes ist rau und schön zugleich. Wer von Hamatal aus nach Nordosten wandert, erreicht nach drei Kilometern Hamamühle, wo das Wasserrad der alten Mühle noch immer klappert und das Sägegatter sich durch die Stämme frisst. Nach Nordwesten führt ein schmaler Pfad nach Salzquell, wo die weißen Fassaden der Häuser zwischen den Felsen leuchten und das Salzbergwerk den Bedarf der Gurkeneinlegereien im Norden deckt. Und wer sich nach Osten wendet, folgt der K202 durch das Kohlgebirge, bis sich das Tal öffnet und der Wind des Nordmeeres den Geruch von Salz und Tang heranträgt. Nordufer liegt dort, mit seinem Steinstrand, an dem die Kiesel bei jeder Welle klappern. Es ist eine andere Welt, aber Hamatal ist nie weit weg – in den Gedanken derer, die fortgehen, und in den Geschichten derer, die bleiben.

Wer nach Hamatal kommt, sollte Zeit mitbringen. Zeit für ein Glas Met im „Hirsch“, für ein Gespräch mit Jun Chen, für einen Blick auf das alte Kruzifix in der Eustachiuskirche. Und Zeit für den Wald, der den Ort umgibt wie eine dunkle, stille Wand.


Verkehrsverbindungen:
Straße: K202 (NO: Hamamühle 3km), Wald- und Feldweg durch das Kohlgebirge und Vorland nach Nordufer am Nordmeer (O: 16km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4150 Hamatal
Orte: K-4150 Hamatal, K-4151 Hamamühle

Zur Gemeinde Hamatal gehört der Flecken Hamamühle: Nur 18 Menschen leben hier. Mittelpunkt ist eine funktionsfähige Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert, deren mächtiges Eichenrad sowohl Mahlsteine als auch eine Gattersäge antreibt. Die Familie Hagedorn hält das technische Denkmal täglich in Betrieb und verarbeitet Getreide sowie Holz aus der Umgebung. Neurologe Jonas Becker untersucht am Mühlgraben die Wirkung gleichmäßiger Geräusche auf Konzentration und Entspannung. In der Wohnstube „Zur Mühle“ erhalten Durchreisende geräucherten Fisch, kräftiges Brot und Gerstensuppe. Hamamühle bietet keine touristische Infrastruktur, dafür ursprüngliches Handwerk, persönliche Begegnungen und stille Wege entlang der Hama.