(Pop.: 2.398 – 158m NN)

Am Zusammenfluss von Nova und Nora öffnet sich die Blumenthal-Ebene zu einer weiten, vom Wasser geordneten Kulturlandschaft. Felder, Gemüseäcker und niedrige Baumreihen begleiten die beiden Flüsse, am Horizont zeichnen sich bei klarem Wetter die Höhen des Drosener Rückens und die ersten Berge des Zentralmassivs ab. Inmitten dieser Landschaft liegt Noramünde, eine Stadt mit 2.398 Einwohnern auf 158 Metern Höhe. Sie gehört zum Landkreis Novatal und ist weder bäuerlicher Marktflecken noch ausgesprochene Industriestadt. Vielmehr hat sie sich zu einem kompakten Arbeits- und Versorgungsort entwickelt, dessen Alltag von Landwirtschaft, Maschinenbau, Flussschifffahrt und angewandter Forschung bestimmt wird. Damit entspricht Noramünde dem Charakter des Blumenlandes, dessen fruchtbare Böden, mildes Klima und gute Wasserversorgung eine der ertragreichsten Agrarlandschaften Landauris hervorgebracht haben.

Die ältesten Teile der Stadt liegen nicht unmittelbar an der Nora, sondern rund um einen früheren Übergang über die Nova. Dort konnten Fuhrwerke den Fluss bei niedrigem Wasserstand durchqueren, später entstand eine Holzbrücke. Von ihr sind in der sogenannten Alten Furt noch mehrere dunkle Pfeilerstümpfe erhalten. Bei sommerlichem Niedrigwasser ragen sie deutlich aus der Strömung; nach starken Regenfällen verschwinden sie fast vollständig. Eine Noramünder Erzählung berichtet, der Ortsname gehe auf eine Fährfrau namens Nora zurück, die Reisende selbst bei Hochwasser übergesetzt habe. Historisch wahrscheinlicher ist die schlichte Erklärung, dass sich der Name auf die Mündung des gleichnamigen Flusses bezieht. Die Geschichte von der Fährfrau wird dennoch gern weitererzählt, besonders im Gasthaus „Zur Norafähre“, wo über dem Tresen ein altes, vermutlich nachträglich angefertigtes Fährschild hängt.

Vom Fluss führt die Furtgasse leicht ansteigend zum Noraplatz. Hier steht die dreischiffige St.-Nora-Kirche, ein überwiegend spätgotischer Bau aus hellem Bruchstein. Ihr gedrungener Westturm trägt eine schiefergedeckte Haube und erfüllt eine zweite, für die Stadt sehr praktische Aufgabe: In das Mauerwerk sind Hochwassermarken eingelassen. Die höchste reicht bis knapp unter das westliche Kirchenfenster. Einheimische betrachten zuerst den Fluss und dann beinahe automatisch den Turm, wenn die Nova nach tagelangem Regen anschwillt. Im Inneren fällt ein geschnitzter Altar auf, dessen Seitenflügel keine Heiligenlegenden, sondern Szenen aus dem Leben am Wasser zeigen: eine Furt, ein beladenes Flussschiff und Menschen beim Ausheben eines Bewässerungsgrabens. Pfarrerin Elisa Morgenstern betreut die Gemeinde. Neben Gottesdiensten organisiert sie gemeinsam mit dem Kirchenmusiker David Lenz einen Kinderchor, Gesprächsabende und das jährliche Norafest. Dann wird auf dem Platz eine lange Tafel aufgestellt, und vom Turm erklingt das kleine Geläut, dessen tiefste Glocke wegen eines Haarrisses nur noch zu besonderen Anlässen angeschlagen wird.

Ein kurzer Weg führt von der Kirche zum Kornhaus am Fluss. Der langgestreckte Backsteinbau mit seinen grünen Ladeluken diente früher als Speicher für Getreide, das über die Nova weitertransportiert wurde. Heute beherbergt er die Ausstellung „Wasser für die Ebene“. Modelle erklären, wie Schöpfräder, Pumpwerke und Gräben die Felder des Blumenthals versorgen, während historische Fotografien an Lastkähne, Fähren und die früheren Treidelwege erinnern. Besonders anschaulich ist ein funktionsfähiges Bewässerungsmodell, bei dem Besucher mit kleinen Schiebern den Wasserlauf zwischen mehreren Feldern regulieren können. Museumsleiterin Ronja Feldmann sammelt außerdem Erinnerungen ehemaliger Schiffer und Landarbeiter. Auf der Galerie des Kornhauses finden Lesungen, Filmabende und Bürgerversammlungen statt.

Das wirtschaftliche Gewicht der Stadt zeigt sich nördlich des Zentrums. Hinter dem Bahnhof und einigen niedrigen Wohnhäusern liegen die Hallen der Noramünder Landmaschinenwerke. Der Betrieb fertigt Pumpen, Anhänger, Beregnungssysteme und schmale Geräte für Gemüsebaubetriebe. Viele Maschinen sind bewusst einfach konstruiert, damit sie in regionalen Werkstätten repariert werden können. Produktionsleiter Armin Keller führt Besuchergruppen gelegentlich durch die Montagehalle, in der große Metallrahmen neben überraschend kleinen Präzisionspumpen entstehen. Die Werke arbeiten eng mit landwirtschaftlichen Kooperationen im Blumenthal und mit der Technischen Hochschule in Novatal zusammen. Ihre orangefarbenen Pumpenhäuschen sind an Bewässerungsgräben weit über den Landkreis hinaus zu erkennen.

Südlich der Stadt betreibt die Kooperative Fossefeld eine Getreidetrocknung, eine Kühlhalle und den Hofladen „Feldkorb“ an der Fossefelder Straße 18. Angeboten werden Mehl, Kartoffeln, Zwiebeln, eingelegtes Gemüse, Apfelsaft und saisonale Erzeugnisse der umliegenden Höfe. An zwei Vormittagen in der Woche liefern kleinere Gartenbaubetriebe frische Ware an. Koordinatorin Samira Vogt hält den Betrieb zusammen und vermittelt auch gemeinsam genutzte Maschinen. Während der Ernte stehen vor der Trocknung Anhänger in einer langen Reihe; im Winter ist es ruhiger, doch dann wird in der Kühlhalle sortiert, verpackt und die nächste Anbausaison geplant. Das Blumenland ist seit seinen frühen botanischen und landwirtschaftlichen Traditionen eng mit Pflanzenbau, Bewässerung und Agrarforschung verbunden, und Noramünde setzt dieses Erbe in ausgesprochen praktischer Form fort.

Einen jüngeren Akzent setzt das BioTech Innovationszentrum am Noraweg 7. Es nutzt eine umgebaute Saatgutlagerhalle und zwei moderne Gewächshäuser am östlichen Stadtrand. Das kleine Forschungszentrum untersucht robuste Gemüsesorten, biologische Pflanzenschutzmittel und Verfahren zur Reinigung von Bewässerungswasser. Es ist kein abgeschlossener Wissenschaftscampus, sondern arbeitet unmittelbar mit Gärtnereien, der Kooperative Fossefeld und den Landmaschinenwerken zusammen. Die Biologin Mia Hoffmann leitet dort die Arbeitsgruppe Fluss und Feld. Ihr besonderes Interesse gilt Mikroorganismen, die Nährstoffüberschüsse in Entwässerungsgräben abbauen können. An mehreren Versuchsfeldern entlang der Nora lässt sie bepflanzte Filterstreifen erproben. Mia Hoffmann bietet regelmäßig öffentliche „Gewächshausstunden“ an, bei denen sie nicht nur Erfolge zeigt, sondern auch erklärt, weshalb manche Versuche nach wenigen Wochen aufgegeben werden mussten. Gerade diese Offenheit hat dem Zentrum in der Stadt Vertrauen verschafft.

Handwerklich zeigt sich Noramünde besonders reizvoll in der Ufergasse. Dort arbeitet der Keramiker Pablo Morales in einem ehemaligen Bootsschuppen. Seine Werkstatt „Nova-Ton“ verbindet blumenländische Gefäßformen mit Glasuren in tiefem Flussblau, Schilfgrün und erdigem Braun. Morales verwendet Ton aus einer kleinen, kontrolliert abgebauten Lagerstätte am Unterlauf der Nora. Bekannt sind seine breiten Bewässerungsschalen, die an die flachen Gefäße früherer Gärtnereien erinnern. Daneben fertigt er robuste Tassen für die Norafähre und nummerierte Miniaturen der St.-Nora-Kirche. Durch eine große Scheibe können Passanten ihm bei der Arbeit zusehen. Einmal im Monat lässt er Kinder und Erwachsene kleine Flusssteine aus Ton modellieren, die nach dem Brennen zu einem wachsenden Mosaik im Hof zusammengesetzt werden.

Zwischen diesen Arbeitsorten bleibt Noramünde eine überschaubare Stadt der kurzen Wege. Am Noraplatz befinden sich das Gemeindehaus, die Bäckerei „Kruste & Korn“ von Helena Brandt und eine kleine Gemeinschaftspraxis. In der Brückenstraße betreibt Jakob Nguyen den Laden „Allerhand“, der Lebensmittel, Schreibwaren und einen Paketdienst vereint. Die frühere Schule an der Lindenzeile dient heute als Bildungs- und Vereinshaus; die jüngeren Kinder werden in der Flussschule am westlichen Ortsrand unterrichtet. Am Sportplatz treffen sich die Fußballmannschaft, eine Laufgruppe und der Wasserwanderverein. Letzterer kümmert sich um zwei öffentliche Kanustege und hilft beim Norafest, wenn geschmückte Boote zwischen Furt und Kornhaus fahren.

Für eine ruhige Wanderung empfiehlt sich der Fosseholt südöstlich der Stadt. Das kleine Waldstück hebt sich deutlich von der offenen Ebene ab. Ein Waldlehrpfad führt auf knapp vier Kilometern an Eichen, Hainbuchen, feuchten Senken und einem alten Lehmstich vorbei. Die Stationen erklären nicht nur Baumarten, sondern auch die Bedeutung kleiner Wälder als Windschutz und Rückzugsraum für Tiere. Försterin Katharina Mertens bietet im Frühjahr Vogelstimmenwanderungen an. Vom nördlichen Waldrand reicht der Blick über die Felder bis zu den Türmen Noramündes; westlich steigt das Land allmählich zum Drosener Rücken und in Richtung Klassimo an, während die Nova nach Süden durch die Ebene weiterfließt.

Am Anleger kehrt man am besten in das Gasthaus „Zur Norafähre“ in der Ufergasse 2 ein. Der Biergarten liegt unter Weiden direkt am Wasser. Serviert werden Kartoffelpfanne mit Gartengemüse, geschmorte Zwiebeln, Kräuterquark und ein kräftiges Feldbier aus Altenow. Wirtin Marlene Küster führt das Haus unaufgeregt und kennt die Fahrzeiten der Ausflugsschiffe meist besser als der Aushang. Die größere „Alveria“ und die kleinere „Feldrose“ kommen von Altenow und fahren über Noramünde flussaufwärts nach Novatal. Ihr Anlegen gehört zu den typischen Alltagsszenen der Stadt: Fahrräder werden ausgeladen, Ausflügler suchen einen Platz im Biergarten, und für einige Minuten wird es am Ufer geschäftig, bevor das Schiff wieder ablegt. Der Name „Alveria“ erinnert zugleich an jene botanikkundige Königin, unter der das alte Blumenland eine frühe kulturelle und wissenschaftliche Blüte erlebte.

Übernachten kann man im Hotel „Flusskrone“ an der Brückenstraße 11. Das schlichte Haus besitzt 18 Zimmer, einen abschließbaren Fahrradraum und einen kleinen Frühstücksgarten. Es wird vor allem von Radwanderern, Beschäftigten der Landmaschinenwerke und Gästen des Innovationszentrums genutzt. Wer am Abend noch durch Noramünde geht, erlebt eine Stadt ohne große Inszenierung: Licht fällt aus den Werkstätten, am Kornhaus spiegeln sich die Uferlaternen in der Nova, und über der Alten Furt zeichnet sich der Turm von St. Nora ab. Gerade in diesem Zusammenspiel von Flussgeschichte, Landwirtschaft, Technik und überschaubarem Stadtleben liegt der Reiz Noramündes. Es ist ein Ort, an dem Bewässerungsgraben und Forschungslabor, mittelalterlicher Brückenpfeiler und moderne Pumpe nicht als Gegensätze erscheinen, sondern als verschiedene Kapitel derselben Geschichte.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: BLB115 (Novatalbahn) stündlich 6:10-20:10 über Novafurt Hbf nach Muldmünde, 21:10 nach Novafurt Hbf, 6:44-21:44 nach Novatal Hbf
Straße: B5 (S: Altenow 15km, N: Novatal 13lm); L8 (W: Klassimo 11km, O: Reisdorf an der Nora 15km)

Land: Blumenland
Landkreis: Novatal
Gemeinde: B-7020 Noramünde