
(Pop.: 3.987 – 90m NN)
Am frühen Vormittag riecht Altenow zugleich nach feuchter Erde, frischem Brot und Holzstaub. Vom Ufer der Nova her dringt das gleichmäßige Klopfen einer Bootswerkstatt durch die Straßen, während auf dem rechteckigen Markt Gemüsekisten, Käseräder und Blumensträuße unter hellen Leinentüchern aufgebaut werden. Mit 3.987 Einwohnern ist Altenow die größte Stadt des Landkreises Novatal, obwohl sie deutlich weniger städtisch wirkt als mancher kleinere, aber dichter bebaute Ort. Auf 90 Metern Höhe liegt sie in der weiten Blumenthal-Ebene, umgeben von Gärten, Weiden und Getreidefeldern. Der Fluss fließt hier ruhig und breit, nachdem er weiter nördlich das Zentralmassiv verlassen hat. Das milde Klima, die fruchtbaren Lössböden und die gute Wasserversorgung machen die Ebene zu einer der ertragreichsten Agrarlandschaften des Blumenlandes.

Der Name Altenow wird gewöhnlich als „alte Aue“ gedeutet. Im Stadtmuseum erzählt man jedoch eine andere Geschichte: Ein Schreiber des mittelalterlichen Wirtschaftshofes soll die Siedlung in einem Abgabenverzeichnis versehentlich „Alten Owe“ genannt haben, nachdem ein störrischer Ochse namens Owe den Getreidewagen des Verwalters in den Fluss gezogen hatte. Belegen lässt sich diese Anekdote nicht. Sicher ist dagegen, dass Altenow früh als Sammelplatz für Getreide, Wolle, Holz und Gartenprodukte aus dem südlichen Novatal diente. Hinter der Stadtkirche sind die Grundmauern eines befestigten Wirtschaftshofes erhalten, in dem Abgaben gelagert wurden, bevor man sie auf Wagen oder flache Flussboote verlud. Ein kurzer Rundweg führt zwischen den freigelegten Mauern hindurch. Metallplatten im Boden markieren Speicher, Stall, Backhaus und Torwache.
Das Zentrum Altenows ist übersichtlich und überraschend geschlossen erhalten. Am rechteckigen Markt stehen zwei- und dreigeschossige Häuser mit verputzten Fassaden, hohen Ziegeldächern und breiten Toreinfahrten. Die Stadtkirche St. Alveria beherrscht die Ostseite. Der helle Bruchsteinbau besitzt einen gedrungenen Westturm, einen spätgotischen Chor und eine hölzerne Empore, die von Blumen- und Getreidemotiven geschmückt wird. Die Widmung erinnert an Königin Alveria, unter deren Herrschaft Botanik, Landwirtschaft und Bildung zu prägenden Kräften des alten Blumenlandes wurden. Pfarrerin Johanna Velten leitet die Gemeinde, zu deren Alltag ein Kinderchor, ein Besuchsdienst und die offene Mittagsrunde im ehemaligen Küsterhaus gehören. Beim Alveriafest im Juni werden Kräuter, Feldblumen und junge Obstzweige vor dem Altar niedergelegt; anschließend zieht die Gemeinde zum Wirtschaftshof, wo lange Tafeln zwischen den alten Mauern stehen.
Gegenüber der Kirche befindet sich das Alte Rathaus, ein zurückhaltender Renaissancebau mit Bogenlaube und einem kleinen Dachreiter. Die Gemeindeverwaltung nutzt nur noch das Erdgeschoss, denn die Sitzungen der Bürgerversammlung finden meist im größeren Saal der Stadtschule statt. Das entspricht dem dezentralen Gesellschaftsmodell Landauris, in dem kommunale Entscheidungen, gemeinschaftlich getragene Betriebe und die Verantwortung der Nutzenden eine wichtige Rolle spielen. In der Rathauslaube hängen öffentliche Anträge, Arbeitsangebote und Veranstaltungshinweise. Wer länger davor stehen bleibt, wird wahrscheinlich von Verwaltungsmitarbeiterin Elinor Krause angesprochen, die Auskünfte ebenso zuverlässig erteilt wie Hinweise auf den besten Stand des Wochenmarktes.
Nur wenige Schritte entfernt erhebt sich die ehemalige Mälzerei, ein kräftiger Backsteinbau mit Ladeluken und einem erhaltenen Malzdarrenaufsatz. Heute beherbergt sie das Stadtmuseum. Die Ausstellung zeigt Funde aus dem Wirtschaftshof, historische Feldgeräte, Modelle der Nova-Schifffahrt und die Entwicklung des Instrumentenbaus. In der früheren Trockenkammer wurde die Werkstatt eines Altenower Geigenbauers aus den 1920er Jahren rekonstruiert. Museumsleiterin Mirela Vuković führt Besucher gern zu einer unscheinbaren Klarinette, die vollständig aus unterschiedlich gefärbten Resthölzern gefertigt wurde. Sie gilt als frühes Beispiel für den sparsamen Umgang mit dem wertvollen Klangholz des Frosted Copse.

Der bekannteste Betrieb der Stadt ist die Instrumentenfabrik Morgenklang am nördlichen Mühlengraben. Hinter einer alten Backsteinfassade liegen helle Werkhallen, in denen Flöten, Klarinetten, Holzhörner und robuste Schulinstrumente gefertigt werden. Das Holz stammt überwiegend aus ausgewählten Beständen des nordwestlich gelegenen Frosted Copse. Es wird über Jahre getrocknet, bevor die Werkstücke gedrechselt, gebohrt und von Hand nachbearbeitet werden. Produktionsleiterin Yasemin Aydin achtet besonders darauf, dass auch einfache Schulinstrumente sauber ansprechen und repariert werden können. An zwei Nachmittagen im Monat dürfen Besucher die Endmontage besichtigen. Nebenan arbeitet Klavierbauer Matteo Rinaldi in einer ehemaligen Remise. In der Klangholzgasse haben sich die Geigenbauerinnen Lotte Arendt und Camille Bernard niedergelassen, deren kleine Schauwerkstatt durch ein Fenster von der Straße aus einsehbar ist.

Einen ganz anderen wissenschaftlichen Ton bringt das Institut für Theoretische Informatik in die Stadt. Es bezog das frühere Kornkontor am Nova-Ufer, dessen Speicherböden zu Büros und Seminarräumen umgebaut wurden. Die rund fünfundzwanzig Beschäftigten beschäftigen sich mit Algorithmen, formalen Sprachen, verteilten Systemen und der mathematischen Planung gemeinschaftlich genutzter Ressourcen. Institutsleiter Dr. Samuel Okoro arbeitet mit landwirtschaftlichen Kooperativen an Rechenmodellen, die Bewässerungszeiten und Maschineneinsätze abstimmen, ohne einzelne Höfe zu bevorzugen. Freitags findet im Lesesaal die Reihe „Eine Idee, keine Formeln“ statt, bei der Forschende ihre Arbeit allgemeinverständlich vorstellen. Schulkinder kennen das Institut vor allem wegen des kleinen Labyrinthroboters Alvi, der bei Stadtfesten zwischen Holzkisten seinen Weg suchen muss.

Praktische Probleme löst in Altenow häufig Elektriker Ethan Byrne. Seine Werkstatt „Strom & Schalter“ liegt in der Novaer Straße 18 und ist zugleich Reparaturannahme für Lampen, Radios, Verstärker und Haushaltsgeräte. Byrne betreut die elektrischen Anlagen der Ausflugsschiffe und hilft der Instrumentenfabrik bei Prüfständen für elektronische Stimmgeräte. Bekannt ist er für einen grünen Lastenwagen, in dem Kabeltrommeln, Ersatzteile und meistens auch sein alter Terrier Puck untergebracht sind. Größere Aufträge übernimmt er gemeinsam mit zwei Auszubildenden und der Elektrotechnikerin Daria Nguyen.
Am südlichen Uferweg steht das Medizinische Zentrum Altenow, ein zweigeschossiger Neubau mit begrüntem Innenhof. Es vereint eine allgemeinmedizinische Praxis, Physiotherapie, Hebammensprechstunde und eine Beratungsstelle. Das Kreiskrankenhaus „Am Nova-Ufer“ in Novatal betreibt hier Außen-Sprechstunden für Innere Medizin, Orthopädie und Kinderheilkunde. Dadurch bleiben vielen Bewohnern längere Wege erspart. Koordinatorin Dr. Fatima El-Sayed stimmt die Besuchstage der Fachärzte ab. Für dringende Untersuchungen und stationäre Behandlungen werden Patienten weiterhin in die Kreisstadt überwiesen.

Vom Anleger unterhalb des Medizinischen Zentrums verkehren flache Ausflugsschiffe auf der Nova. Die „Alveria“ und die kleinere „Feldrose“ fahren flussaufwärts über Noramünde nach Novatal. Die Reise führt durch Felder, Weideland und bewaldete Uferabschnitte bis zu jener Stelle, an der das Zentralmassiv näher rückt. In Novatal beginnen weitere Touren in das Gebirge; die Kreisstadt ist zugleich Ausgangspunkt der regionalen Flussschifffahrt. Kapitänin Ronja Staal kommentiert die Landschaft knapp und sachkundig. Auf der Rückfahrt wird an Bord häufig Altenower Apfelkuchen ausgeschenkt.
Westlich des Marktes liegt die Brauerei Altenower Feldkrone. Sie verarbeitet Gerste der Kooperative Blumenthal-Süd und braut ein mildes Helles, ein kräftigeres Erntebier sowie ein dunkles Wintermalz. Im Brauereihof stehen unter Linden lange Holztische. Brauer Nils Wetterau bietet an Samstagen kurze Führungen an und erklärt, warum die Beschaffenheit der Gerste jährlich leichte Geschmacksunterschiede verursacht. Das Feldkronen-Helle wird auch in der Kneipe „Zum Rostigen Hahn“ in der Mälzereigasse 7 ausgeschenkt. Wirtin Beatrice Moreau hat den schmalen Raum mit alten Werkzeugen, Emaille-Schildern und einem tatsächlich verrosteten Wetterhahn ausgestattet. Donnerstags treffen sich dort Geigenbauer, Schiffer und Beschäftigte des Instituts zum Kartenabend; Diskussionen über Musik und Mathematik dauern gelegentlich bis zur Schließzeit.

Moderner ist die „Tanzende Lichter Bar“ am Nova-Ufer 22. Farbige Leuchten spiegeln sich dort in einer Wand aus alten Glasbausteinen, doch der Raum bleibt klein genug für Gespräche. Betreiberin Amira Haddad organisiert elektronische Musikabende, Tanzkurse und Auftritte regionaler Bands. Fernsehproduzent Lucas Fournier nutzt die Bar regelmäßig für seine Gesprächsreihe „Menschen am Fluss“. Fournier lebt in einem umgebauten Gärtnerhaus am Stadtrand und produziert Reportagen über Handwerk, Landwirtschaft und kommunale Projekte. Sein kleines Studio befindet sich in der ehemaligen Güterabfertigung. Viele Altenower haben dort bereits vor der Kamera gesessen, wobei Fournier lieber Arbeitsabläufe zeigt als feierliche Selbstdarstellungen.
Zum Übernachten empfiehlt sich das Hotel „Alte Mälze“ in der Marktstraße 4 mit zwölf schlichten Zimmern oder die Pension „Nova-Garten“ am Uferweg 11, deren Frühstücksraum auf einen Gemüsegarten blickt. Im Café „Saitensprung“ neben dem Museum serviert Konditorin Sofia Lindner Mohnkuchen, Birnentarte und kleine Gebäckstücke in Form von Violinschlüsseln. Einkäufe erledigt man im Gemeinschaftsmarkt „Garten & Grund“, in der Bäckerei Kornblume oder im Musikhaus Morgenklang, das neben Instrumenten auch Noten und Reparaturmaterial führt.
Für einen längeren Aufenthalt lohnt sich schließlich der Weg zum Frosted Copse. Das Wäldchen liegt nordwestlich der Stadt und wird abschnittsweise forstwirtschaftlich genutzt. Am Waldrand befindet sich das Kurhaus Frosted Copse, ein regionales Gesundheitszentrum mit Solebecken, Kräuterdampfbad, Behandlungsräumen und sechzehn Gästezimmern. Das mineralhaltige Wasser stammt aus einer tiefen Bohrung; ein großes Thermalbad ist die Anlage bewusst nicht. Therapeutin Klara Mensah bietet Anwendungen für Menschen mit Atemwegs- und Gelenkbeschwerden an. Hinter dem Haus beginnt ein stiller Rundweg durch Buchen, Erlen und ausgewählte Klangholzbestände. Wer dort am späten Nachmittag unterwegs ist, hört manchmal aus Richtung Stadt die Probe eines Holzhorns. Dann passen Landschaft und Handwerk für einen Moment so selbstverständlich zusammen, wie es für Altenow typisch ist: Felder, Fluss, Forschung und Musik liegen nie weit voneinander entfernt.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: BLB115 (Novatalbahn) stündlich 6:21-20:21 über Novafurt Hbf nach Muldmünde, 21:21 nach Novafurt Hbf, 6:33-21:33 nach Novatal Hbf
Straße: B5 (S: Waldfurt 4km, N: Noramünde 15km); L14 (W: Packelfeld 15km, O: Korbetha 7km)
Land: Blumenland
Landkreis: Novatal
Gemeinde: B-7010 Altenow (Blumenland)

