
(Pop.: 4.572 – 85m NN)
In Waldfurt geben die Glocken den Takt nicht allein an. Morgens mischt sich ihr Klang mit dem Rollen der Lieferkarren auf dem Marktplatz, dem Klopfen aus den Werkstätten und dem kurzen Horn eines Ausflugsbootes, das am Flusshafen ablegt. Die 4.572 Einwohner zählende Kleinstadt liegt auf 85 Metern Höhe zu beiden Seiten der Nova, dort, wo die weite Blumenthal-Ebene allmählich unruhiger wird und erste niedrige Hügel den Übergang zum Zentralmassiv ankündigen. Drei Brücken verbinden die Stadtteile, darunter die steinerne Burgbrücke, von der sich flussaufwärts einer der schönsten Blicke auf den Ort bietet. Der Name soll auf eine bewachte Furt zurückgehen, die einst unterhalb des heutigen Marktplatzes durch den Fluss führte. Nach einer gern erzählten örtlichen Anekdote mussten Händler für die Passage keinen Zoll entrichten, wenn sie dem Burgherrn einen jungen Baum für seinen Hangwald überließen.

Ob die Geschichte stimmt, ist ungewiss. Sicher ist nur, dass auf alten Karten neben der Furt tatsächlich eine auffällig dicht bepflanzte Anhöhe verzeichnet ist. Auf ihr erhebt sich heute die Burg Waldfurt, ein gedrungener Bau aus hellem Bruchstein mit rundem Bergfried, Innenhof und einem kleinen Kräutergarten. Einst war sie Sitz der Herren von Waldenried, die den Flussübergang und die umliegenden Höfe kontrollierten. Heute beherbergt die Burg das Heimatmuseum. Seine Ausstellung führt von vorgeschichtlichen Flussfunden über das Leben der Ackerbürger bis zur frühen Elektrifizierung der Landwirtschaft. Besonders anschaulich ist das Modell der alten Furt, bei dem Museumsleiterin Hélène Martens jungen Besuchern gern demonstriert, weshalb hoch beladene Wagen früher manchmal mitten im Wasser stecken blieben.
Unterhalb des Burgbergs breitet sich die Altstadt um Marktstraße, Flößergasse und Rosmarinplatz aus. Viele Häuser sind zweigeschossig, verputzt und mit steilen Ziegeldächern versehen. Das auffälligste Bauwerk ist die neugotische Kirche St. Aurelia am Fluss, die zwischen 1864 und 1871 errichtet wurde. Ihr schlanker Turm ist weit über den Feldern zu sehen, während das Innere mit farbigen Fenstern, einer hölzernen Empore und einem ungewöhnlichen Altarbild überrascht: Es zeigt die Nova zwischen blühenden Obstbäumen und erinnert damit an die botanische und agrarische Tradition des Blumenlandes. Die Region ist seit ihren frühen Herrschaften eng mit Landwirtschaft, Gartenbau und Pflanzenkunde verbunden. Sonntags leitet Pastorin Miriam Valette den Gottesdienst; unter der Woche probt im Gemeindesaal der Nova-Chor, und einmal im Monat bringen Freiwillige Suppe und Kuchen zu älteren Bewohnern. Beim Aureliafest im Mai werden kleine Holzboote mit Blumen geschmückt und vom Kirchenufer aus zu Wasser gelassen.

Der Marktplatz wirkt besonders am späten Nachmittag wie ein gemeinsames Wohnzimmer. Unter Kastanien stehen die langen Tische des Biergartens „Zur Alten Furt“, den Gastwirt Jonas Fellner mit ruhiger Umsicht führt. Ausgeschenkt werden unter anderem helle Biere aus dem Kreisgebiet, dazu gibt es Kräuterfladen, gebackenen Flussfisch und Kartoffeln mit Blütenquark. Samstags verkaufen Gärtner, Bäcker und Käser ihre Waren auf dem Wochenmarkt. In einem Eckhaus betreibt Soraya Benali die Bäckerei „Novakruste“, deren Mohnkringel häufig schon vor Mittag vergriffen sind. Reisende können im Gasthof „Burgblick“ in der Marktstraße 11 oder in der kleinen Pension „Flussrose“ am Ostufer übernachten.

Ein zweiter Mittelpunkt hat sich am Bahnhof entwickelt. Das klassizistische Empfangsgebäude mit seiner symmetrischen Sandsteinfassade, hohen Rundbogenfenstern und einer überdachten Vorfahrt blieb trotz mehrerer Umbauten überraschend geschlossen erhalten. Im ehemaligen Wartesaal befindet sich das Café „Gleisblüte“, in dem Helena Riedel Frühstück und Obstkuchen serviert. Die frühere Gepäckabfertigung ist heute die Bar „Endstation“, ein zurückhaltend eingerichteter Treffpunkt mit dunklen Holztischen und Blick auf die Gleise. Hinter dem historischen Gebäude schließt sich das kleine Einkaufszentrum „Waldfurter Arkaden“ an. Es umfasst einen Lebensmittelmarkt, eine Apotheke, eine Buchhandlung, einen Haushaltsladen und das Musikgeschäft „Tonlauf“. Durch seine Lage wird der Bahnhofsvorplatz auch ohne große Betriebsamkeit zu einem alltäglichen Begegnungsort.
Auf der westlichen Flussseite liegt das jüngere Gewerbeviertel. Größter Betrieb ist „Nova-Elektronik“, das Unterhaltungselektronik sowie Steuerungs-, Mess- und Sensorkomponenten für die Landwirtschaft herstellt. Damit passt das Unternehmen zu einer Region, deren Wirtschaft von fruchtbaren Böden, Agrarbetrieben, kleinen Werkstätten und gemeinwohlorientierten Produktionsformen geprägt wird. Entwicklungsingenieurin Yara Okafor betreut dort ein Projekt für Feuchtigkeitssensoren, die den Wasserbedarf auf den Feldern genauer bestimmen. Einen Teil der älteren Geräte zeigt das Heimatmuseum, darunter ein tragbares Radio mit orangefarbenem Gehäuse, das in vielen Waldfurter Haushalten noch immer funktioniert.

Wissenschaftlichen Rang verleiht dem Ort das Institut für Tierphysiologie und Ernährung am Weidenweg 4. In zwei niedrigen Gebäuden mit Versuchsgarten untersuchen rund dreißig Fachkräfte die Futterverwertung, Verdauung und Gesundheit landwirtschaftlicher Nutztiere. Institutsleiter Dr. Leander Voss legt Wert darauf, dass Forschungsergebnisse nicht in Schränken verschwinden. Deshalb gibt es regelmäßig offene Beratungstage für die Höfe der Umgebung. Tierphysiologin Aïcha Roux betreut zudem einen Lehrpfad, der ohne komplizierte Fachsprache erklärt, wie Fütterung, Tierwohl und Qualität der Böden zusammenhängen.
Kleiner, aber ebenso charakteristisch sind die handwerklichen Betriebe. In der Flößergasse arbeitet die „Zauberhafte Zimmerei“ von Meister Erik Sandner. Hier entstehen Dachstühle, Gartenpavillons und robuste Holzstege; einige der Bänke am Nova-Ufer stammen ebenfalls aus der Werkstatt. „Der Nähsalon“ von Costanza Bellini liegt am Rosmarinplatz und fertigt Alltagskleidung, Vorhänge und wetterfeste Taschen aus wiederverwendeten Stoffen. An Markttagen sitzt Costanza Bellini häufig vor dem Laden und erledigt kleinere Reparaturen, während sie sich mit Passanten unterhält.
Die medizinische Versorgung konzentriert sich im Medizinischen Zentrum „An der Nova“. Die Allgemeinärztin Manon Girard führt dort gemeinsam mit einer Physiotherapiepraxis und einer Beratungsstelle die ambulante Grundversorgung. Psychologin Nele Baumgartner bietet Einzelgespräche sowie Gruppen zu Trauer, Überlastung und nachbarschaftlichen Konflikten an. Direkt daneben liegt das Pflegeheim „Abendgarten“, dessen Innenhof mit Hochbeeten, schattigen Lauben und einem kleinen Hühnergehege eher einem bewohnten Garten als einer Einrichtung ähnelt. Bewohner und Schulkinder pflegen dort gemeinsam Kräuter und Beerensträucher.

Im schlichten Rathaus an der Brückenstraße begegnet man häufig Baptiste Chevalier. Der Verwaltungsangestellte koordiniert Raumnutzungen, Einwohneranliegen und die vielen kleinen Abstimmungen, die eine dezentral organisierte Gemeinde mit sich bringt. In Landauri werden Entscheidungen bevorzugt auf kommunaler Ebene getroffen; Landkreise übernehmen vor allem Aufgaben, die mehrere Gemeinden betreffen. Baptiste Chevalier ist dafür bekannt, selbst schwierige Sitzungen mit sorgfältigen Notizen und trockenem Humor zusammenzuhalten. Einmal im Quartal zieht die Gemeindeversammlung in die größere Aula der Schule um, weil der Rathaussaal nicht ausreicht.
Am südlichen Stadtrand öffnet sich der kleine Flusshafen. Früher wurden hier Holz, Getreide und Obst verladen; heute liegen zwischen zwei erhaltenen Speichern vor allem flache Wanderboote und Kanus. Bei „Nova-Paddel“ vermietet Hafenmeisterin Ronja Pettersson Boote an Wasserwanderer und erklärt, welche Uferstellen betreten werden dürfen. Eine beliebte kurze Tour führt flussabwärts durch offene Felder, längere Fahrten folgen der Nova in Richtung Großenhain und Novafurt. Im alten Hafenspeicher befindet sich außerdem die Imbissstube „Zum Treidelhaken“, deren Terrasse beinahe über dem Wasser hängt.

Westlich der letzten Häuser beginnt der Verdure-Grove, ein kleines naturbelassenes Wäldchen aus Erlen, Eichen und dichtem Haselgebüsch. Ein Rundweg führt zu einer feuchten Senke, in der Frösche, Libellen und Wasservögel beobachtet werden können. Der Wald wird nicht parkartig gepflegt; umgestürzte Stämme bleiben liegen, und nach Regen sind feste Schuhe ratsam. Vom nördlichen Waldrand ergibt sich ein vollständiges Panorama: unten die beiden Stadtseiten, dazwischen die Nova, darüber Burg und Kirchturm.
Wenn es dunkel wird, verlagert sich das Leben nicht vollständig hinter verschlossene Türen. Im Gewölbekeller eines ehemaligen Speicherhauses öffnet donnerstags bis samstags der Club „Nachtflüsterer“. Betreiber Malik Dorn hat daraus einen kleinen Musikclub mit Tanzfläche, Lesebühne und akustischen Konzerten gemacht. Das Programm reicht von elektronischer Musik bis zu Auftritten junger Liedermacher. Laut wird es dort durchaus, doch auf der Terrasse am Fluss sprechen die Gäste wieder leiser. Vielleicht passt gerade dieser Wechsel zu Waldfurt: Die Stadt ist Burgenort und Forschungsstandort, Handwerkerstadt und Flusshafen, Marktgemeinde und abendlicher Treffpunkt. Wer einige Stunden bleibt, entdeckt kein museales Idyll, sondern eine überschaubare Kleinstadt, in der Geschichte, Arbeit und gemeinschaftlicher Alltag dicht beieinanderliegen.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 114 (BLB Blumenlandbahn) aller 2 Stunden 6:27-20:27 nach Sasnitz; BLB115 (Novatalbahn) stündlich 6:29-20:29 über Novafurt Hbf nach Muldmünde, 21:29 nach Novafurt Hbf, 6:27-21:27 nach Novatal
Straße: B5 (SO: Großenhain 15km, NO: Altenow 4km); B64 (SW: Findlingshain 16km); L29 (S: Kastaniendorf 13km)
Land: Blumenland
Landkreis: Novafurt
Gemeinde: B-2030 Waldfurt

