(Pop.: 9 – 91m NN)

Windelmühle ist kaum mehr als eine Handvoll Dächer im Tal der Scalsa, und doch gehört der Weiler zu den einprägsamsten Bildern im Landkreis Novafurt. Fünf Kilometer südlich von Großenhain stehen auf 91 Metern Höhe eine historische Wassermühle und drei Wohnhäuser dicht am Bach. Neun Menschen leben hier, umgeben von Wiesen, kleinen Ackerflächen und den niedrigen Ufergehölzen der Scalsa. Bereits die regionale Übersicht hebt Windelmühle als beliebten Fotoort hervor.

Die Scalsa ist ein bescheidener Fluss. Zwischen Erlen und Weiden bildet sie eine breite Schleife, bevor sie das steinerne Wehr der Mühle erreicht. Besonders am Morgen liegt häufig leichter Dunst über dem Wasser. Dann spiegeln sich das dunkle Mühlrad, die weiß gekalkte Fassade und das steile, mit roten Ziegeln gedeckte Dach im ruhigen Obergraben. Im Frühjahr leuchten Sumpfdotterblumen an den Ufern, während im Spätsommer das Getreide auf den höher gelegenen Feldern goldgelb wird. Die Landschaft passt damit gut zum Charakter des Blumenlandes, dessen fruchtbare Ebenen, Gärtnereien, Obsthaine und mildes Klima seit Jahrhunderten die Landwirtschaft begünstigen.

Der Name des Weilers soll auf einen Zwischenfall aus dem Jahr 1712 zurückgehen. Damals führte die Müllerin Magdalena Riemer neben dem Mahlbetrieb eine kleine Walkstube. Eines Tages verfing sich ein zum Trocknen ausgelegtes Leinentuch im Wasserrad. Ein vorbeikommender Fuhrmann hielt das flatternde Stück Stoff für eine riesige Kinderwindel und berichtete später im Gasthaus von der „Windelmühle an der Scalsa“. Der Spottname setzte sich durch und verdrängte die ältere Bezeichnung Riemersmühle. Ob sich die Begebenheit tatsächlich so zugetragen hat, lässt sich nicht mehr klären. Im Mühlenhaus hängt jedoch ein vergilbtes Tuch, das die Bewohner augenzwinkernd als jene sagenhafte Windel ausgeben.

Die gegenwärtige Mühle stammt im Kern aus dem späten 18. Jahrhundert. Das Erdgeschoss wurde aus unregelmäßigen Scalsa-Steinen gemauert, während Obergeschoss und Giebel aus dunklem Fachwerk bestehen. Das unterschlächtige Wasserrad setzt sich heute nur noch zu Vorführungen in Bewegung. Die hölzerne Welle, zwei Mahlgänge und große Teile des Becherwerks sind erhalten geblieben. Betreut wird das Gebäude von der Restauratorin Marlene Vogt, die zugleich im nördlichen der drei Wohnhäuser lebt. Sie öffnet die Mühle nach vorheriger Anmeldung und erklärt, weshalb das Mehl früher mehrfach zwischen den Stockwerken befördert werden musste. Statt eines festen Eintritts bittet sie um Mithilfe, etwa beim Ölen der Holzteile, beim Ausfegen des Mahlbodens oder bei der Pflege des kleinen Kräutergartens. Diese Form gemeinschaftlicher Verantwortung entspricht den Grundsätzen Landauris. Häuser, Werkstätten und landwirtschaftliche Flächen gelten dort nicht als frei verfügbares Privateigentum, sondern werden denjenigen überlassen, die sie tatsächlich nutzen und erhalten. Die neun Bewohner Windelmühles stimmen gemeinsam darüber ab, wann das Mühlrad laufen darf, welche Reparaturen Vorrang haben und wie viele Besuchergruppen der kleine Ort verkraftet.

Ein eigener Laden, ein Gasthaus oder eine Kirche wären für Windelmühle zu groß. Im früheren Mehllager befindet sich jedoch die „Scalsa-Kammer“, ein schlichter Aufenthaltsraum mit langem Holztisch, Wasserkocher und einem Regal voller Tassen. An Wochenenden bietet die Müllerhelferin Katja Nordin dort Mühlenbrot, Apfelgelee und Kräuterlimonade gegen einen Beitrag zur Gebäudeerhaltung an. Wer übernachten möchte, kann das Gästezimmer „Am Mühlrad“ im Haus Nummer 2 nutzen. Gastgeber Elias Marten richtet morgens ein einfaches Frühstück mit Brot, Käse, Obst und Honig her. Weitere Einkäufe und Dienstleistungen finden die Bewohner im nahen Großenhain, der zuständigen Gemeinde.

Überregional bekannt geworden ist Windelmühle durch Liam Turner, der im kleinsten der drei Häuser lebt. Turner arbeitete mehrere Jahre als Modell in Nova und in der Kreisstadt Novafurt, bevor er sich bewusst für das Scalsa-Tal entschied. Sein hell verputztes Haus dient zugleich als Garderobe, Requisitenlager und kleines Atelier. Turner steht für Porträt-, Mode-, Produkt- und redaktionelle Aufnahmen zur Verfügung, stellt jedoch eine ungewöhnliche Bedingung: Auf jedem Bild muss auch die Mühle oder wenigstens ein erkennbarer Teil von ihr erscheinen. Diese Regel nimmt er erstaunlich genau. Mal genügt das Mühlrad im unscharfen Hintergrund, mal ein Stück Fachwerk, ein Mehlsack oder der Schatten der Wehrbrücke. Turner begründet die Vorgabe nicht mit Eigenwilligkeit, sondern mit dem Erhalt des Bauwerks. Ein Teil seiner Honorare fließt in die gemeinschaftliche Mühlenkasse, und veröffentlichte Aufnahmen machen auf notwendige Reparaturen aufmerksam. Fotograf Adrian Cole setzte ihn einmal nur mit einem alten Zahnradssegment in Szene. Das Bild wurde in Nova ausgestellt und finanzierte neue Schindeln für den Anbau.

Am schönsten erlebt man Windelmühle außerhalb der Besuchsspitzen. Wenn am späten Nachmittag das Licht längs durch das Scalsa-Tal fällt, werden die Fugen des Mauerwerks, die Speichen des Rades und die Wellen auf dem Mühlgraben besonders deutlich. Häufig sitzt Marlene Vogt dann auf der Bank am Wehr, während Liam Turner eine Aufnahme vorbereitet und Elias Marten aus dem Gästehaus frisches Brot herüberträgt. Mehr öffentliches Leben braucht der Weiler nicht. Seine Anziehungskraft liegt in der Geschlossenheit eines Ortes, an dem neun Bewohner, drei Häuser, ein Fluss und eine alte Mühle ein bemerkenswert vollständiges Ensemble bilden.


Verkehrsverbindungen:
Straße: L5 (N: Großenhain 5km, S: Tretkreuz 6km); Straße an der Scalsa (S: Tretwitz 11km)

LandBlumenland
LandkreisNovafurt
Gemeinde: B-2040 Großenhain
Ort: B-2041 Windelmühle