(Pop.: 3.215 – 251m NN)

Wer vom Bahnhof Findlingshain die Treppe hinuntersteigt, dem fällt als Erstes ein unverwechselbares Bild ins Auge: das Einkaufszentrum mit seinen vielen kleinen Läden, das sich direkt gegenüber dem Bahnhofsgebäude erstreckt. Der Bahnhof selbst ist ein schmuckloser, aber gepflegter Bau aus der Zeit um 1900, in dessen Wartesaal noch die alten Holzbänke stehen und ein Uhrwerk tickt, das schon Generationen von Reisenden begleitet hat. Findlingshain mit seinen 3.215 Einwohnern liegt auf 251 Metern Höhe am sanften Abfall des Drosener Rückens zur weiten Blumenthal-Ebene hin. Die Stadt ist, wie der Name schon verrät, von Findlingen geprägt, jenen erratischen Blöcken, die die Gletscher der letzten Eiszeit hier zurückließen. Was anderswo ein lästiges Hindernis für den Ackerbau ist, wurde hier zum prägenden Baustoff: Die alten Häuser der Stadt bestehen aus diesen grob behauenen Steinen, die den Mauern eine wohltuende Schwere und eine erdige Patina verleihen. Wenn die Nachmittagssonne tief steht und die Fassaden in warmes Gold taucht, wirkt Findlingshain wie aus einem einzigen Stück aus dem Boden gewachsen.

Dass die Stadt ein Zentrum des Steinmetzhandwerks ist, sieht man nicht nur den Häusern an. Wer durch die engen Gassen der Altstadt schlendert, hört bald das rhythmische Klopfen von Meißel auf Stein – aus offenen Werkstatttüren dringt der feine Staub von Granit und Sandstein, und über den Eingängen prangen kunstvoll gearbeitete Schilder, die den Namen des jeweiligen Meisters nennen. Hier arbeitet etwa Uwe Karnatz, ein Steinmetz mit rauen Händen und einem Auge für die feinsten Maserungen, der seit vierzig Jahren Grabsteine, Brunnen und ornamentale Säulen fertigt. Seine Werkstatt in der Steingasse 7 ist eine der ältesten der Stadt, und er erzählt jedem, der es hören will, wie sein Großvater noch die Findlinge für das Fundament der Stadtkirche behauen hat.

Die Stadtkirche St. Peter und Paul thront am östlichen Ende des Marktplatzes, ein mächtiger Bau aus dunklem, fast schwarzem Basalt, dessen grobe Steinquadern die Herkunft aus den Feldern der Umgebung nicht verleugnen können. Der Legende nach soll der erste Stein des Fundaments von einem Findling stammen, den der heilige Petrus selbst vom Frostberg herabgerollt haben soll – eine Geschichte, die der Pfarrer, Martin Weigel, bei den Gemeindefesten gerne zum Besten gibt. Die Kirche ist nicht nur ein Ort der Andacht, sondern das geistige Zentrum des Ortes. Im Untergeschoss des Gemeindehauses nebenan befindet sich die Bibliothek, ein kleiner, von Leselampen warm erleuchteter Raum, in dem sich alte und junge Findlingshainer treffen. Hier finden regelmäßig Medienangebote und Lesungen statt, und im Sommer verwandelt sich der Kirchgarten in einen Ort lebhafter Feste, bei denen die Gemeinschaft zusammenkommt, um zu singen, zu essen und die lauen Abende zu genießen.

Nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt, an der Professor-Dornhelm-Straße 3, liegt das Zentrum für Angewandte Geowissenschaften. Es ist ein moderner, flacher Bau aus hellem Beton und Glas, der einen seltsamen Kontrast zu den groben Findlingsmauern der Umgebung bildet. Hier forschen etwa zwanzig Wissenschaftler unter der Leitung von Dr. Helena Vogt an der Bodenkunde, der Hydrologie und der nachhaltigen Nutzung von Gesteinen. Das Institut ist klein, aber über die Grenzen des Landkreises Novafurt hinaus bekannt für seine Arbeiten zur Sanierung von Altlasten und zur Erosionsbekämpfung in der Blumenthal-Ebene. Einige der Forscher wohnen direkt in Findlingshain und prägen das Bild der Stadt mit ihrer stillen, konzentrierten Art.

Findlingshain ist aber nicht nur ein Ort der Wissenschaft, sondern auch der produzierenden Wirtschaft. Am östlichen Stadtrand, wo die Landschaft sich langsam zum Frostskog hin verdichtet, liegt das Werksgelände der Kobalt & Kern Präzisionstechnik GmbH. Das Unternehmen, gegründet 1982 von den Ingenieuren Friedrich Kobalt und Thomas Kern, hat sich auf die Herstellung von hochpräzisen Komponenten für Bahntechnik spezialisiert. Die Produktionshallen sind von einer hohen Mauer umgeben, und wer durch das Tor tritt, betritt eine Welt aus chromglänzendem Stahl und surrenden CNC-Maschinen. Etwas weiter nördlich, an der Industriestraße 12, ragen die markanten, weiß-blauen Silos der Pyrovia Brennstofftechnik AG in den Himmel. Das Unternehmen stellt umweltfreundliche Pellet-Heizungen und Biomasse-Brenner her und beschäftigt rund 80 Mitarbeiter. Zwischen diesen beiden Betrieben liegt das Kleine Krankenhaus von Findlingshain, ein überschaubarer, aber gut ausgestatteter Bau, der die medizinische Grundversorgung der Stadt und der umliegenden Dörfer wie Pölbitz und Kastaniendorf sichert. Oberärztin Dr. med. Sabine Brenner, eine Frau mit ruhiger Stimme und sicherem Blick, leitet hier eine kleine, aber engagierte Mannschaft.

Das gesellschaftliche Leben der Stadt wird von Menschen wie Kurt Henke zusammengehalten. Der Sozialarbeiter, ein Mann mit ergrauten Schläfen und einem stets offenen Ohr, ist seit über zwanzig Jahren der Ansprechpartner für alle, die in Not geraten. Er organisiert die Jugendfreizeiten, vermittelt bei Konflikten und sorgt dafür, dass niemand in Findlingshain ganz allein gelassen wird. Die Küche des städtischen Gemeindehauses führt derweil Océane Perrot, eine Köchin aus dem benachbarten Bierland, die mit ihrer leichten, bierländisch geprägten Handschrift selbst das einfache Mittagessen zu einem kleinen Ereignis macht. Ihr Boeuf Bourguignon ist legendär, und die älteren Herren des Stammtischs im Gasthaus „Zum Frostberg“ in der Marktstraße 23 schwören auf ihre Quiche Lorraine. Das Gasthaus selbst ist ein uriges, von Efeu überwachsenes Gebäude aus Findlingssteinen, dessen Gastraum mit seinen dunklen Holzbalken und den verwitterten Tischen an eine längst vergangene Zeit erinnert. Hier treffen sich die Findlingshainer, um über Gott und die Welt zu diskutieren, die neuesten Ergebnisse der Fußballspiele zu besprechen und den hauseigenen Schnaps zu kosten.

Denn der Fußball ist in Findlingshain eine Religion. Der örtliche Verein, der SV Findlingshain, trägt seine Heimspiele auf dem städtischen Sportplatz im Osten der Stadt aus, einem gut gepflegten Rasenplatz, der von einer alten Laufbahn umgeben ist. Die Rivalität mit der SG Rastitz, dem Verein aus der benachbarten Kleinstadt, ist legendär und geht auf ein hitziges Pokalspiel im Jahr 1978 zurück, das mit einer Massenschlägerei endete. Seitdem sind die Duelle zwischen den beiden Mannschaften von einer erbitterten, aber inzwischen meist friedlichen Gegnerschaft geprägt. An den Spieltagen füllt sich der Sportplatz, und die Anwohner schmücken ihre Häuser mit den blau-weißen Fahnen des SV, während der Vereinsvorsitzende, ein ehemaliger Stürmer namens Jürgen Kowalski, aufgeregt an der Seitenlinie auf und ab läuft.

Wer in Findlingshain übernachten möchte, hat die Wahl zwischen zwei sehr unterschiedlichen Unterkünften. Die Pension Sonnenkuss in der Bergstraße 2 ist ein kleines, von einer freundlichen Rentnerin namens Elfriede Böhm geführtes Haus, das mit seinen hellen, mit Blumenkästen geschmückten Zimmern eher an einen gemütlichen Wochenendaufenthalt denken lässt. Etwas gehobener ist das Himmelszauber Hotel am nördlichen Ortsausgang, ein modernes Gebäude mit einer großen Terrasse, von der aus man einen weiten Blick über die Dächer der Stadt bis hin zum Frostberg hat. Das Hotel wird von der jungen Hotelière Clara Mehring geführt, die großen Wert auf Regionalität und Nachhaltigkeit legt.

Nur wenige Gehminuten vom Hotel entfernt, wo die Straße sich langsam dem Waldrand nähert, liegt das Landschloss Findlingshain. Das barocke Herrenhaus, einst der Sommersitz eines Grafen, ist heute ein Landerholungsheim, das seinen Gästen keine sterile Erholung, sondern aktive Beschäftigung in der Landwirtschaft bietet. Hier können die Besucher selbst mit anpacken – vom Pflügen über das Streuen bis hin zum Mist schaufeln. Es ist ein ungewöhnliches Konzept, aber es funktioniert. Wer eine Woche auf dem Landschloss verbringt, lernt nicht nur die harte Arbeit der Bauern schätzen, sondern kehrt auch mit einem neuen Verständnis für den Wert der Nahrung und der Gemeinschaft zurück. Der Hof wird von der Familie Weber geführt, die seit Generationen auf diesen Ländereien wirtschaftet. An den Abenden sitzen die Gäste oft mit den Webers und den anderen Helfern im großen Saal des Schlosses zusammen, essen die Produkte, die sie tagsüber selbst mit geerntet haben, und lauschen den Geschichten des alten Großvaters Karl Weber, der noch weiß, wie es war, als die Findlinge der Umgebung nicht nur als Baumaterial, sondern auch als Grenzsteine und als Sitzgelegenheiten dienten.

Am östlichen Rand der Stadt erhebt sich der Frostberg (299 Meter), ein bewaldeter Hügel, der den Frostskog krönt. Das Wäldchen ist ein beliebtes Ausflugsziel. Ein schmaler Pfad schlängelt sich durch dichte Fichten und Birken hinauf zum Gipfel, von dem aus sich ein weiter Blick über die Blumenthal-Ebene bis hin zu den Silhouetten von Novafurt und Nova eröffnet. An klaren Tagen kann man sogar die Türme der Hauptstadt Nova am Horizont erkennen. Die Stille des Waldes wird nur vom Ruf der Kuckucke und dem Rascheln der Blätter unterbrochen. Es ist dieser Kontrast zwischen der geschäftigen, von der Arbeit geprägten Stadt und der tiefen Ruhe des Waldes, der Findlingshain zu einem so besonderen Ort macht. Die Chronik dieser Stadt, die im Stadtarchiv von Rastitz aufbewahrt wird, erzählt von den harten Wintern, den Überflutungen der Bäche und dem unerschütterlichen Willen der Menschen, die aus den Steinen des Landes nicht nur Häuser, sondern ein Zuhause gebaut haben.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 114 (BLB Blumenlandbahn) aller 2 Stunden 6:40-20:40 nach Sasnitz, 7:24-21:24 nach Waldfurt
Straße: Autobahn A1 (W: Zentro, SO: Nova); B64 (NO: Waldfurt 16km, SO: Rastitz 6km); L16 (W: Pölbitz 1km, O: Kastaniendorf 9km); Feldweg (SO: Scalso 16km)

LandBlumenland
LandkreisNovafurt
Gemeinde: B-2050 Findlingshain