(Pop.: 876 – 803m NN)

Bundorf ist einer jener Orte, die sich nicht aufdrängen. Wer die Z-7 von Trentschin heraufkommt, spürt den Anstieg in den Ohren, ehe sich das Dorf hinter einer bewaldeten Kuppe ins Hochtal schiebt. Mit 876 Einwohnern und einer Lage auf 803 Metern über dem Meer ist Bundorf nach Krumdorf das zweithöchstgelegene Dorf im Kreis Paulstedt – ein Titel, den die Bundorfer mit leisem Stolz, aber ohne große Geste tragen. Die dünne Bergluft gehört hier zum Alltag wie der stete Wind, der selbst im Hochsommer noch Frische über die Giebel trägt.

Dass der Ort überhaupt einen Bahnanschluss besitzt, verdankt sich einem der kuriosesten Kapitel zentravischer Verkehrsplanung. In den 1950er Jahren verfolgte die Regierung den kühnen Plan, von Bundorf aus einen Tunnel hinüber ins Tremoland nach Tremoquell zu treiben. Das Tunnelportal am nördlichen Dorfrand wurde tatsächlich fertiggestellt, und dreihundert Meter fraß sich der Stollen in den Berg – dann versiegte das Geld, der Tunnel endet seither abrupt im Fels. Geblieben ist die Linie 112 der Bierona-Zentravia-Ferrovia, die Bundorf mit Paulstedt, Drosen und Wisnitz verbindet; der letzte Zug des Tages um einundzwanzig Uhr bringt zumindest noch müde Pendler bis Drosen. Das unvollendete Portal ist längst zu einem Wahrzeichen geworden, das die Einheimischen mit einer Mischung aus Ironie und Zuneigung betrachten. Alwin Trobisch, der seit dreißig Jahren den Fahrkartenschalter im hölzernen Bahnhofshäuschen besetzt, pflegt zu sagen: „Der Tunnel geht nirgendwohin, aber die Leute kommen trotzdem.“

Die Geschichte Bundorfs reicht weiter zurück, als die schmucklose Bahnhofsuhr vermuten lässt. Hoch über dem Dorf, auf einem bewaldeten Felssporn, krallt sich die Burgruine Bundeck in den Hang. Von der einstigen Wehranlage stehen noch der stumpfe Bergfried und ein Mauerring, aus dem sich eine mächtige Buche emporgedrängt hat, als wolle sie das Gemäuer endgültig der Natur zurückgeben. Der Ortsname selbst, so erzählt man sich im Gasthaus „Zur Post“, gehe auf jenen Ritter Miron Bund zurück, der im 14. Jahrhundert mit dem Bau der Burg begann. Eine weniger heldenhafte Überlieferung behauptet hingegen, „Bund“ bezeichne schlicht das Bündelbrennen, mit dem die ersten Siedler den Wald rodeten. Wer abends in der Gaststube sitzt, bekommt beide Versionen zu hören – und meist die Empfehlung, sich für die schönere zu entscheiden.

Die Gaststube der „Post“ ist seit 1689 in Betrieb und atmet jene wohlige Beständigkeit, die nur Jahrhunderte schaffen können. Die Holzbalken an der Decke sind dunkel gebeizt vom Rauch unzähliger Winterabende, die Kacheln des Ofens zeigen Jagdmotive, und die Wirtin Elara Bundt – eine Nachfahrin jener Wirtsleute, die bereits im 19. Jahrhundert den Betrieb führten – serviert eine deftige Bergküche, wie sie die Höhenlage verlangt: Gerstensuppe mit Rauchfleisch, Schupfnudeln mit Sauerkraut, und im Herbst Wild aus den umliegenden Wäldern. Fremdenzimmer gibt es hier ebenfalls, vier Stück unterm Dach, mit Ausblick auf die gegenüberliegende Bergflanke, wo im Winter die Schneisen des Skilifts den Hang hinaufführen. Der Lift, ein bescheidener Schlepplift mit einem einzigen Bügelpaar, ist am Ortsrand in Betrieb, sobald die Schneedecke trägt. Erschwinglich ist er, und selten überfüllt – wer Bundorf zum Skifahren entdeckt, behält es meist für sich.

Wenige Schritte von der „Post“ entfernt erhebt sich die Dorfkirche, ein spätgotischer Bau, dessen Netzgewölbe im Chor selbst den Kunsthistoriker Johann Mertens aus Zentro bei seinem Besuch ins Schwärmen brachte. Die Rippen des Gewölbes laufen in fein gearbeiteten Schlusssteinen zusammen, die das Auge kaum fassen kann, so hoch zieht sich die Architektur in die Dämmerung des Dachstuhls. Draußen, an der Westseite, lehnt ein schlichter Gedenkstein für in den Bergen Verunglückte, stets mit frischen Blumen geschmückt von Lotte Gruber, der Mesnerin, die den Dienst seit vierzig Jahren versieht und jeden Sonntag die Glocke von Hand anläutet. Das Gemeindeleben ist überschaubar, aber lebendig: Der Posaunenchor probt donnerstags im Gemeindehaus, der Frauenkreis trifft sich zum Kirchenkaffee, und zum Erntedankfest schmücken die Kinder aus der Grundschule den Altar mit Ährenkränzen.

Dass die Kinder aus dem Nachbarort Krumdorf diese Grundschule besuchen, verleiht Bundorf eine Bedeutung, die über seine Einwohnerzahl hinausweist. Einmal täglich bewältigt der Schulbus die Strecke über die Panoramastraße, wie man die serpentinenreiche Verbindung vollmundig nennt. Fahrer Malte Grünig kennt jede Ausweichstelle, jeden Frostaufbruch im Asphalt, und er wartet geduldig, wenn eine Schafherde den Weg versperrt. Drunten in Krumdorf, das in einem engen Kerbtal kauert und erst kürzlich seinen lang ersehnten Mobilfunkmast erhielt, hat man für den täglichen Transfer nur ein lakonisches Achselzucken übrig: „Die Kinder sehen wenigstens was von der Welt.“

Am westlichen Ortsrand, in einem umgebauten Stallgebäude mit großen Fenstern, betreibt Edelstein-Schleiferin Milena Sorbach ihre kleine Kristallmanufaktur. Der Bergkristall, den sie verarbeitet, stammt aus alten zentravischen Fundstellen und wird hier zu Anhängern, Ohrringen und Ketten geschliffen, die in der Vitrine schimmern wie eingefangenes Mondlicht. Besucher können ihr bei der Arbeit zusehen, und wer Glück hat, erklärt sie einem mit ruhiger Stimme, woran man einen guten Schliff erkennt. Im angeschlossenen Laden erwirbt mancher Wanderer noch ein Stück, ehe er sich auf den Weg zum Gebirgskamm macht.

Denn Bundorf ist Ausgangspunkt für Touren hinauf zum Nudeltopf, der mit 1.343 Metern die höchste Erhebung der Umgebung bildet. Der Name des Berges, so versichern die Bundorfer, rühre von seiner rundlichen Form, nicht von kochender Teigware. In der Wandersaison setzt frühmorgens ein Shuttlebus ein, der Fahrgäste über die Z-7 hinauf zur B5 bringt und hinüber zum Parkplatz unterhalb des Gipfels. Die letzten Höhenmeter muss man zu Fuß bewältigen, die Schotterstraße ist für Fahrzeuge gesperrt, und das ist gut so: Der Anstieg durch Latschenkiefern und über loses Geröll bereitet die Stille vor, die einen oben erwartet. Auf dem Gipfel betreibt Jost Bergmann, ein ehemaliger Bergführer mit wettergegerbtem Gesicht, eine kleine Wetterstation und eine Hütte mit Imbissangebot. Seine Bergkäsebrote sind legendär, der Kaffee stark, und wer sich auf die Holzbank vor der Hütte setzt, blickt an klaren Tagen bis zu den fernen Gipfeln des Tremolands. Jost erzählt dann gern von der Zeit, als er noch Gletscherspalten ausmaß und einmal einer Gemse begegnete, die ihn neugieriger musterte, als es ihm lieb war.

Die Bundorfer selbst sind ein ruhiges Völkchen. Man kennt sich, man grüßt sich, und wenn im Frühjahr der letzte Schnee schmilzt und die Z-7 wieder frei gibt, wirkt das Dorf beinahe ein wenig erstaunt über den einsetzenden Besucherstrom. Eine Bankfiliale sucht man vergebens, einen Geldautomaten ebenfalls; die Postagentur im kleinen Dorfladen von Minka Henning erledigt die nötigsten Finanzgeschäfte mit. Der Laden führt neben Brot und Milch auch Wanderkarten, Sonnencreme und jene dicken Wollsocken, die man auf achthundert Metern Höhe auch im Juni noch zu schätzen lernt. Einmal wöchentlich, freitags am Vormittag, hält ein mobiler Bäcker aus Trentschin auf dem Kirchplatz, und die Bundorfer versammeln sich wie zu einem stillschweigenden Ritual um den Verkaufswagen, als gälte es, die Vorräte für eine Belagerung aufzustocken. Die Arztpraxis von Dr. Marla Lechner, einer jungen Allgemeinmedizinerin, die vor fünf Jahren aus Zentro hierherkam und blieb, weil die Berge sie nicht mehr losließen, versorgt das Dorf und die umliegenden Weiler mit einer Gelassenheit, die in der Stadt selten geworden ist. Ihr Sprechzimmerfenster geht auf den Garten hinaus, in dem sie im Sommer Holunder erntet, den sie im Herbst zu Saft verarbeitet.

Die kulturellen Höhepunkte Bundorfs sind leise, aber verlässlich. Das jährliche Dorffest auf dem Anger vor dem alten Schulhaus bringt Blasmusikanten aus Paulstedt und eine Tombola, deren Hauptpreis traditionell ein geflochtener Wäschekorb voller Erzeugnisse aus der Region ist. Der Feuerwehrverein um Kommandant Veit Rauch veranstaltet im Sommer ein Grillfest, dessen Erlös in den Erhalt des Spritzenhauses fließt, und im Winter, wenn der Skilift seine Bahnen zieht, verwandelt sich die „Post“ in ein inoffizielles Après-Ski-Lokal, in dem der Holztresen die Theke ersetzt und manche Buchung kurzerhand mit Handschlag und einem Eintrag ins Wachstuchheft besiegelt wird. Das Kino kommt in Gestalt eines Wanderkinos, das alle zwei Monate im Saal des Gemeindehauses Halt macht; die Filme beginnen pünktlich, nachdem der Projektor warmgelaufen ist, und der Eintritt kostet einen symbolischen Betrag, der in die Kaffeekasse des Frauenkreises fließt.

Wer Bundorf besucht, kommt nicht wegen großer Sensationen. Man kommt, um den Wind zu hören, der um die Bundeck pfeift, um in der spätgotischen Kirche den Klang der eigenen Schritte zu verfolgen, um sich in der „Post“ eine kräftige Suppe bestellen und zu erfahren, dass der Tunnel ins Nirgendwo vielleicht das ehrlichste Bauwerk Zentravias ist. Die Bundorfer wissen, was sie haben: einen Himmel, der nachts so klar wird, dass die Milchstraße wie ein breites Band über dem Hochtal liegt, und eine Ruhe, die nur das entfernte Tuckern der Linie 112 gelegentlich unterbricht. Elara Bundt sagt es so: „Bei uns kommt man langsamer an – aber dafür richtig.“


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 112 (BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia) stündlich 6:00-19:00 über PaulstedtDrosenWisnitz nach Kreuzberg, 20:00 nach Wisnitz, 21:00 nach Drosen
Straße: Z-7 (SW: Trentschin 7km, N: zur B5, von da aus nach Westen nach Krumdorf oder über den Bunpass nach Tremoquell im Tremoland)

LandZentravia
LandkreisPaulstedt
Postleitzahl: Z-2150 Bundorf, Z-2151 Nudeltopf (Berg)