(Pop.: 998 – 42m NN)

Der kleine Bahnhof von Eierbach ist kein hektischer Verkehrsknotenpunkt, sondern ein Ort der Besinnung – und des Biergenusses. Denn direkt neben dem Bahnsteig liegt der „Gleisgrün“-Biergarten, eine urige Einrichtung mit Holzbänken unter alten Kastanien, die von Wirtin Frieda Kästner mit einer Mischung aus herzhafter Fränkischkeit und nordischer Gelassenheit geführt wird. Hier, wo der Duft von Malz und Hopfen in der Luft liegt, hat sich eine kulinarische Spezialität etabliert, die man andernorts vergeblich sucht: Rührei mit Zimt. Die Gäste aus Nova und Bierona, die hier aussteigen, sind ebenso verblüfft wie begeistert von dieser Kombination aus herzhaftem Ei und der warmen Süße des Zimts – ein Rezept, das, so sagt man, auf eine findige Bäuerin zurückgeht, die einst die Eier ihrer Hühner mit den Gewürzen aus der nahen Kreisstadt Komerz verfeinerte. Der Biergarten ist der gesellige Mittelpunkt des Dorfes, ein Ort, an dem sich Einheimische und Ausflügler bei einem kühlen Blumenländer Bier über Gott und die Welt unterhalten, während die Züge der Stammbahn vorbeirauschen.

Doch Eierbach ist mehr als nur eine gastronomische Überraschung. Das Herz des Dorfes schlägt in seinen Handwerksbetrieben. Allen voran die lokale Töpferei, die seit Generationen im Besitz der Familie Boucher ist. Hier, in der „Granstrøm-Keramik“ an der Dorfstraße, werden Steinzeugkrüge hergestellt, die weit über die Grenzen des Blumenlandes hinaus bekannt sind – und das aus gutem Grund. Die Krüge sind nicht nur von einer seltenen Schönheit, mit glasierten Oberflächen in Erdtönen, die an die umliegenden Felder erinnern, sondern besitzen auch eine besondere Eigenschaft: Sie sind krümel- und säurefest. Was sich unspektakulär anhört, ist in der Praxis ein kleines Wunder. Denn in diesen Krügen können selbst die säurehaltigsten Fruchtsäfte oder die feinsten Mehlsorten über Monate gelagert werden, ohne dass der Inhalt Schaden nimmt. Der Legende nach geht dieses Geheimnis auf einen Töpfermeister zurück, der im 18. Jahrhundert ein Rezept für einen einzigartigen Tonmix aus den Lehmvorkommen am Granstrøm entwickelte – ein Rezept, das bis heute nur der jeweilige Inhaber der Werkstatt kennt. Der aktuelle Hüter dieses Wissens ist Ingenieurassistent Niels Boucher, ein stiller, bedächtiger Mann, der die Töpferei mit der Präzision eines Uhrmachers führt und dessen Krüge in der gehobenen Küche von Nova bis Bierona geschätzt werden.

Doch so sehr die Töpferei den Ort prägt, so sehr ist Eierbach auch ein Dorf der Hühner. Die Hühnerhaltung ist hier nicht nur ein Nebenerwerb, sondern eine Leidenschaft. Die großen Freilandgehege, die sich zwischen den Gärten und Feldern erstrecken, sind ein wahrer Hühnerparadies: absolut fuchsfrei, würmerreich und mit viel Platz zum Scharren. Die Bauern haben in aufwändiger Arbeit Zäune und Schutzvorrichtungen errichtet, die selbst den listigsten Fuchs zur Verzweiflung bringen. Was aber bleibt, ist die tägliche Herausforderung der Eiersuche. Die Hühner legen ihre Eier nämlich mit einer fast schon ostentativen Gleichgültigkeit dort ab, wo es ihnen gerade einfällt – hinter einem Busch, unter einer Hecke oder im hohen Gras. Die Bäuerinnen und Bauern durchkämmen dann das weitläufige Gelände, was sie nicht selten an die Ostereiersuche ihrer Kindheit erinnert. „Es ist wie eine tägliche Schnitzeljagd“, seufzt Landwirtin Greta Mühlhausen, die mit ihrem Mann Heinrich eine der größten Hühnerfarmen des Dorfes betreibt, „aber die Eier sind es wert. Sie schmecken nach Sonne und Wiese.“

Das geistige und seelische Zentrum des Dorfes aber ist die kleine Dorfkirche. Sie steht auf einer leichten Anhöhe am östlichen Ortsrand, ein schlichter, aber eindrucksvoller Bau aus hellem Sandstein, der im frühen 19. Jahrhundert anstelle einer kleineren Vorgängerkirche errichtet wurde. Ihr schlanker, weiß verputzter Turm ist weithin sichtbar. Das Besondere aber ist ihr Innenraum: Eine hölzerne Kassettendecke, die von einem unbekannten Meister aus dem nahen Huttstedt geschnitzt wurde, spannt sich über die Bänke, und das Licht fällt durch hohe, schmale Buntglasfenster, die Szenen aus dem Leben des Dorfpatrons zeigen. Die Legende will, dass der Baumeister Konrad Harrer bei der Errichtung des Turmes auf eine unterirdische Quelle stieß, die er in den Fundamenten versiegelte – und dass seitdem das Wasser im Brunnen der Kirche einen besonders reinen Geschmack hat. Pfarrerin Elisabeth Born, die seit über zwanzig Jahren die Gemeinde betreut, erzählt gern, dass dieser Brunnen der Grund sei, warum der Kirchenkaffee in Eierbach der beste der gesamten Blumenthal-Ebene sei. Und dass es zum Kirchenkaffee immer auch ein halbweich gekochtes Ei dazugibt, ist hier eine Selbstverständlichkeit.

Das Leben in Eierbach ist überschaubar, aber keineswegs eintönig. Die Bäckerei-Konditorei „Zum goldenen Ei“ an der Dorfstraße, geführt von Bäckermeister Thomas Aßmann, ist nicht nur für ihr knuspriges Bauernbrot und ihre fluffigen Hörnchen bekannt, sondern auch für ihre Eierlikör-Torte, die nach einem Familienrezept gebacken wird. Gegenüber, im einzigen Dorfladen, der von der freundlichen Rita Weigel betrieben wird, bekommt man alles, was das Herz begehrt – von frischem Gemüse aus den umliegenden Gärten bis hin zu den berühmten Steinzeugkrügen aus der Töpferei.

Wer länger bleiben möchte, findet im „Gästehaus am Granstrøm“, einem liebevoll restaurierten Fachwerkhaus, eine gemütliche Unterkunft mit Blick auf das plätschernde Flüsschen. Eierbach ist kein Ort der großen Attraktionen, sondern ein Dorf der kleinen, feinen Besonderheiten. Es ist ein Ort, an dem die Zeit einen anderen Takt hat, an dem die Hühner noch glücklich scharren und die Töpfer ihr Handwerk von Generation zu Generation weitergeben. Wer hierherkommt, sollte sich darauf einstellen, dass die Suche nach den Eiern im hohen Gras vielleicht anstrengend ist – aber dass sie auch ein bisschen an Ostern erinnert. Und das ist doch eigentlich kein schlechtes Gefühl.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 1003 (Stammbahn) stündlich 6:34-21:34 nach Nova, 6:20-20:20 über Wisnitz nach Bierona, 21:20 nach Wisnitz
Straße: L3 (N: Huttstedt 7km; S: Klein Nova 9km); L7 (W: Papiermühle 9km, O: Nova 12km); Feldweg (SW: Zooheim 9km)

LandBlumenland
LandkreisKomerz
Gemeinde: B-5160 Eierbach