
(Pop.: 12 – 2m NN)
Wer Westmünde verlässt und dem schmalen Küstenpfad nach Westen folgt, der ahnt nicht, dass schon nach drei Kilometern eine andere Welt beginnt. Der Weg windet sich an der Steilküste entlang, vorbei an knorrigen Kiefern, die der Salzluft trotzen, und über Geröllhalden, die bei Sturmfluten immer wieder neu geformt werden. Dann, hinter einer letzten Biegung, tut sich eine kleine, geschützte Bucht auf, und der Flecken Wasserwacht liegt vor dem Besucher – eine Ansammlung von gerade einmal zwölf Fischerschuppen, die sich wie die Schuppen eines gestrandeten Seeungeheuers an den Strand schmiegen. Der Ort, der auf gerade einmal zwei Metern über dem Meeresspiegel thront, wirkt, als habe ihn die Zeit vergessen, und genau das ist sein größter Zauber.
Wasserwacht ist kein Ort für die Eiligen. Hier gibt es keine Straße, keinen Autoverkehr, nicht einmal einen Kiosk. Was es gibt, ist der unverwechselbare Klang des Meeres: das gleichmäßige Rauschen der Brandung, das Kreischen der Möwen und das leise Knarren der Holzboote, die an einem provisorischen Steg vertäut sind. Dieser Steg, eine einfache Holzkonstruktion, die von Wind und Wetter gezeichnet ist, ist das eigentliche Herz des Fleckens. Von hier aus laufen die Kutter der Westmünder Fischereiflotte manchmal direkt ins offene Westmeer aus, ohne den Umweg über den Hafen der Kreisstadt. Es ist ein Ort des Aufbruchs und der Rückkehr, und wer an einem frühen Morgen hier steht, wenn die Nebelschwaden noch über dem Wasser hängen und die ersten Boote ablegen, der versteht, was es bedeutet, an der Schwelle zur Weite zu leben.

Die zwölf Schuppen von Wasserwacht sind mehr als nur einfache Holzverschläge. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, seine eigene Patina. Da ist die Hütte des alten Knut Andersen, dessen Großvater sie schon errichtet hat, und in deren Ritzen sich Generationen von Teer und Salz abgelagert haben. Nebenan liegt die Werft von Jürgen Pohl, einem stillen, wettergegerbten Mann, der seit vierzig Jahren die Kutter der Region repariert und der noch immer mit der Hand die Planken dichtet, während die jüngeren Kollegen längst auf moderne Materialien setzen. Seine Arbeitsweise ist eine Kunst, die auszusterben droht, und wer das Glück hat, ihm über die Schulter zu schauen, erlebt Handwerkskunst, wie sie in der Hauptstadt längst vergessen ist. Die Frauen der Fischer, allen voran die rüstige Helga Nissen, treffen sich in den Morgenstunden vor den Schuppen, um die Netze zu flechten und zu stopfen – eine Arbeit, die ebenso viel Geduld wie Geschick erfordert und bei der die neuesten Dorfgeschichten ausgetauscht werden.
Das Leben in Wasserwacht folgt den Gezeiten, und die zwölf Bewohner des Fleckens haben gelernt, mit der Unberechenbarkeit des Meeres zu leben. Es gibt keine Kirche, kein Rathaus, keine Schule; die Kinder werden mit dem Boot oder zu Fuß über den Küstenpfad nach Westmünde gebracht, wo sie die Schulbank drücken. Was es aber gibt, ist ein Gemeinschaftsgefühl, das in größeren Orten längst verloren gegangen ist. Wenn einer der Fischer in Seenot gerät oder der Sturm eine der Hütten beschädigt, sind alle zur Stelle, ohne zu zögern. Im Winter, wenn die Stürme des Westmeeres die Küste peitschen und der Flecken tagelang vom Festland abgeschnitten sein kann, ziehen sich die Bewohner in ihre warmen Stuben zurück, und der einzige Ort der Zusammenkunft ist eine kleine, halb offene Remise, in der ein alter Holzofen knistert. Hier sitzen sie dann beisammen, trinken den Wacholder aus Westmünde und erzählen sich die alten Sagen von Seeungeheuern und versunkenen Schiffen, Geschichten, die ihre Väter und Großväter schon weitergegeben haben.
Für den Besucher ist Wasserwacht ein Ort der Einkehr und der Besinnung. Es gibt hier keine Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinne, aber die ganze Umgebung ist eine einzige Attraktion. Die Steilküste westlich des Fleckens ist von dichten, wilden Wäldern bedeckt, die fast unberührt scheinen und in denen seltene Vogelarten nisten. Bei Ebbe kann man am Strand entlangwandern und in den Felsbecken nach Krabben und Muscheln suchen, während bei Flut das Wasser gurgelnd gegen den Steg schlägt und die Boote sanft schaukeln lässt. Viele Reisende nutzen Wasserwacht als Ausgangspunkt für ausgedehnte Wanderungen entlang der Küste, und mancher kehrt nicht wieder zurück, ohne sich geschworen zu haben, eines Tages hier zu bleiben – so sehr hat ihn die Stille dieses Ortes gefangen genommen.
Ein Übernachtungsangebot gibt es nicht im eigentlichen Sinne; wer hier bleiben möchte, muss sich mit den Fischern arrangieren. Manch einer bietet dem gastfreundlichen Wanderer ein Lager in seiner Hütte an, gegen ein Glas des rauen Heinrichs oder eine Handvoll selbst gefangener Fische. Diese Gastfreundschaft ist keine Selbstverständlichkeit, und wer sie erfährt, wird sie nicht vergessen. Es ist die Art von Gastfreundschaft, die nicht aus der Fremdenverkehrsbroschüre kommt, sondern aus dem Wissen, dass das Meer alle verbindet, die an seinem Ufer leben.
Wasserwacht ist der Gegenentwurf zu allem, was in der modernen Welt als Fortschritt gilt. Es gibt kein Handynetz, keinen Strom in allen Hütten und keine fließenden Heizungen, aber es gibt den Wind im Gesicht, den Geruch von Teer und Algen und den Blick auf ein Meer, das bis zum Horizont reicht und den Geist befreit. Wer diesen Flecken besucht, der kommt als Fremder und geht vielleicht als ein wenig mehr als das – als jemand, der verstanden hat, dass das Glück manchmal an den kleinsten Orten zu finden ist. Und wenn man abends am Steg steht, während die Sonne im Westmeer versinkt und die ersten Sterne am Himmel erscheinen, dann weiß man: Wasserwacht ist nicht einfach nur ein Ort. Es ist ein Gefühl.
Verkehrsverbindungen:
Straße: Küstenpfad (O: Westmünde 3km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Westmünde
Gemeinde: K-6000 Westmünde
Ort: K-6001 Wasserwacht

