(Pop.: 245 – 9m NN)

Wer die B37 von Hama kommend in Richtung Osten befährt, durchquert eine Landschaft, die sich allmählich zu wandeln beginnt. Die weiten Acker- und Weideflächen des hügeligen Hinterlands weichen einem dichter werdenden Grün, bis die Straße schließlich in den Östlichen Küstenwald eintaucht. Hier, wo die knorrigen Kiefern und Buchen fast bis an die Uferlinie des Mare Internum heranwachsen, liegt das Dorf Andra. Mit seinen 245 Einwohnern ist es ein ruhiger, fast verschlafener Ort, der seine Eigenheiten still und beharrlich pflegt.

Andra thront auf einer leichten Anhöhe, neun Meter über dem Meeresspiegel, und ist auf zwei Wegen zu erreichen. Die Küstenstraße schlängelt sich vom Leuchtturm im Nordwesten kommend durch den Wald und führt weiter nach Strand, neun Kilometer östlich. Wer jedoch mit der Vierstrandbahn anreist – und das ist die bei weitem reizvollere Art der Ankunft – steigt an der kleinen Bahnstation aus, die sich unmittelbar am südlichen Ortsrand befindet. Die Linie IB121 verbindet Andra stündlich mit der Kreisstadt Aglitz und der Hauptstadt Insula im Westen sowie mit Venna und Vierstrand im Osten.

Die Bahnstation selbst ist mehr als nur ein Haltepunkt. In ihrem hölzernen Empfangsgebäude hat sich ein kleines, aber feines Eisenbahnmuseum eingerichtet, das von der Leidenschaft der örtlichen Eisenbahner zeugt. Die Hauptattraktion ist eine ausgemusterte Dampflok aus dem Jahre 1922, die Lieblingsprojekt von Bahnvorstand Erik Voss. Wer Glück hat, trifft ihn bei einer seiner Führungen an, bei denen er nicht nur die Technik des Kolosses erklärt, sondern auch von den Zeiten erzählt, als die Vierstrandbahn noch die Lebensader der Küste war. Der Supermarkt am Bahnhof, geführt von der umtriebigen Fatima Kaya, ist der zentrale Treffpunkt für die täglichen Einkäufe und den morgendlichen Kaffee.

Von der Bahnstation aus führt die Dorfstraße geradeaus ins Zentrum, vorbei an der alten Kirche, die mit ihrem schlichten Bruchsteinmauerwerk und dem kleinen hölzernen Glockenturm den Mittelpunkt des Ortes bildet. Pfarrerin Maxime Renault ist hier nicht nur für die Gottesdienste zuständig, sondern hat sich vor allem einen Namen mit ihren Workshops zu Glaubensfragen gemacht, die weit über die Gemeindegrenzen hinaus Besucher anziehen. Ihre Art, Theologie lebensnah und ohne erhobenen Zeigefinger zu vermitteln, hat der kleinen Kirchengemeinde einen erstaunlichen Zulauf beschert.

Zwei kleine Industriebetriebe prägen das wirtschaftliche Leben des Dorfes. Die „Nordlicht-Werke“ haben sich in einer ehemaligen Mühle am nördlichen Ortsrand eingerichtet. Hier verarbeitet Meister Torbjörn Larsson mit seinem Team Treibholz, das die Strömungen des Mare Internum an die Küste spülen, zu Möbeln und Kunstgegenständen. Der Duft von Holz und Leinöl liegt über der Werkstatt, und wer durch das offene Tor schaut, sieht Skulpturen und Tische entstehen, deren organische Formen die jahrhundertelange Reise des Holzes über das Meer erzählen. Gleich gegenüber, in der „Sandform GmbH“, verarbeitet man den feinen, fast weißen Sand der umliegenden Strände zu dekorativen Sanduhren und Formsand für Gießereien. Betriebsleiterin Elena Richter hat aus dem scheinbar einfachen Rohstoff ein kleines Kunsthandwerk entwickelt, dessen filigrane Sanduhren inzwischen weithin geschätzt werden.

Das gesellschaftliche Leben in Andra findet an mehreren Orten statt. Die „Bar Kupferkrone“ an der Hauptstraße, geführt von dem ehemaligen Seemann Juri Petrov, ist der Ort, an dem sich die Dorfgemeinschaft am späten Abend versammelt. Hier werden nicht nur die Getränke gereicht, sondern auch die Geschichten des Tages ausgetauscht – von den neuesten Fundstücken der Treibholz-Sammler bis zu den Launen des Meeres. Für Übernachtungsgäste bietet das „Hotel Harmonie“ am südlichen Ortsausgang eine ruhige und komfortable Unterkunft. Die Inhaberin, Clara Vogt, hat es verstanden, dem Haus eine Atmosphäre zu geben, die sowohl Heimat als auch Rückzugsort ist; die Zimmer blicken auf den Küstenwald oder, bei klarem Wetter, bis hinüber zur Zentralinsel.

Die Sicherheit des Ortes liegt in den Händen von Mia Weber, der Feuerwehrfrau, die nicht nur für den Brandschutz zuständig ist, sondern auch die jährliche Löschübung am Strand organisiert. Ihr Engagement für die Gemeinschaft geht weit über ihre Pflicht hinaus – sie kennt jeden Winkel des Dorfes und ist oft die Erste, die bei Unwettern zur Stelle ist.

Das eigentliche Juwel Andras liegt jedoch 700 Meter nördlich des Dorfes. Auf einem steilen Felsvorsprung, der sich kühn ins Mare Internum schiebt, erhebt sich der weiße, runde Leuchtturm von Andra. Erbaut im Jahr 1885, ist er mit seinen 25 Metern das unbestrittene Wahrzeichen der gesamten Nordostküste. Die 102 Stufen der Wendeltreppe führen hinauf zu einer Aussichtsplattform, die bei klarem Wetter den Blick bis zur Zentralinsel freigibt. Das kleine Haus des Leuchtturmwärters und das seines Gehilfen sind die einzige Bebauung auf dem Kap – zwei Menschen, die hier oben leben, umgeben von Wind und Weite.

Andra lebt von der Arbeit mit den Händen – vom Holz, das das Meer schenkt, vom Sand, den der Wind formt, und von der Gemeinschaft, die hier zusammenhält. Wer die Vierstrandbahn in Richtung Küste nimmt und in Andra aussteigt, betritt eine Welt, in der die Zeit noch eine andere Geschwindigkeit hat.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Vierstrandbahn (IB121) stündlich 6:52-20:52 über Aglitz nach Insula, 21:52 nach Aglitz, 7:03-21:03 über Venna nach Vierstrand, 22:03 nach Venna
Straße: I-4 (W: Hama 8km); Küstenstraße (NW: Leuchtturm 1km, Strand 9km)

LandInsula
LandkreisAglitz
Gemeinde: I-4170 Andra
Orte: I-4170 Andra, I-4171 Leuchtturm