
(Pop.: 7.841 – 280m NN)
Die Pfarrkirche St. Ägidius läutet um Punkt sieben Uhr morgens die erste Messe ein, und wer zu dieser Stunde durch die Kirchgasse geht, sieht Mesner Albert Karnatz bereits die schwere Tür aufschließen. Das gotische Hallenschiff mit seinem filigranen Netzgewölbe füllt sich dann langsam mit den ersten Gläubigen, während draußen auf dem Marktplatz die Stände für den Wochenmarkt aufgebaut werden. Rastitz hat 7.841 Einwohner, und das merkt man vor allem an den Vormittagen, wenn die Bäckerei „Zum goldenen Weizen“ in der Marktstraße 12 ihre Schlangen vor der Theke hat und Verkäuferin Renate Aßmann kaum nachkommt mit dem Einpacken der frischen Brötchen. Die Stadt liegt auf dem Osthang des Drosener Rückens, eingezwängt zwischen dem Krisdorfer Wald im Westen und dem Ewiggoldwald im Osten, und diese geografische Lage prägt den Alltag mehr, als man denkt: Morgens fällt der Wind vom Wald herunter, mittags steht die Sonne senkrecht über den Dächern der Altstadt.

Das Alte Rathaus am Marktplatz ist ein Renaissancebau mit einem prächtigen Erker, unter dem die Marktbeschicker ihren Schatten suchen. Hier sitzt Bürgermeisterin Martina Feldhusen in ihrem Büro im ersten Stock und bearbeitet die Anliegen der Bürger, während unten auf dem Pflaster die Händler ihre Preise rufen. Der Marktplatz ist kein idyllisches Postkartenmotiv, sondern ein funktionierender Umschlagplatz: Hier kaufen die Köche der umliegenden Restaurants ihr Gemüse, hier stehen die Rentner mit ihren Einkaufswägelchen und tuscheln über die neuesten Entwicklungen im Stadtrat. Das Gasthaus „Zur alten Linde“ in der Kirchgasse, geführt von Wirtin Gertrud Sommerfeld, hat mittags regelmäßig einen vollen Gastraum – die Hausmannskost ist deftig, die Portionen sind groß, und die Stammtische sind seit Jahrzehnten fest vergeben.

Wer glaubt, eine Kleinstadt wie Rastitz sei verschlafen, hat die Firma Aerolith Lufttechnik noch nicht besucht. Das Unternehmen am östlichen Stadtrand produziert Belüftungs- und Klimatechnik für Industrieanlagen in ganz Landauri und beschäftigt knapp zweihundert Mitarbeiter. Werksleiter Dr. Ing. Gregor Borkmann, ein Mann mit grauem Bart und immer etwas Staub auf dem Sakko, führt Interessierte gerne durch die Werkshallen und erklärt die Fördertechnik, während die Maschinen dröhnen.

Ein paar Straßen weiter, in den modernen Gebäuden der Firma „Rastitz Audio“, entstehen Lautsprecher und Verstärker, die in HiFi-Kreisen einen hervorragenden Ruf genießen. Entwicklungstechnikerin Yuki Tanaka arbeitet seit acht Jahren im Unternehmen und schwärmt von der Akustikkammer, die zu den besten im Landkreis Novafurt zählt.

Das Landschloss Rastitz, ein klassizistischer Bau mit einem kleinen Landschaftspark, beherbergt heute die Stadtbibliothek und das Stadtarchiv. Archivarin Dr. Clara Mertens hat hier ein Reich für sich: In den Regalen lagern Urkunden aus dem 17. Jahrhundert, alte Flurkarten und die Chroniken der umliegenden Dörfer Reichenau und Findlingshain. Einmal im Monat öffnet sie das Archiv für Besucher und erzählt von den Auseinandersetzungen zwischen den Grundherren und den Bürgern, die sich damals um die Weide- und Waldnutzungsrechte stritten. Die Bibliothek selbst ist kein stiller Ort – hier lernen die Schüler der umliegenden Schulen, hier recherchieren die Studenten der Fernuniversität, und am Nachmittag sitzen die Mütter mit ihren Kindern in der Kinderecke und lesen Bilderbücher vor.

Der Biergarten am Stadtpark ist der soziale Mittelpunkt der Stadt, besonders an warmen Sommerabenden. Die alten Kastanien spenden Schatten, die Tische sind mit rot-weiß karierten Decken bezogen, und an der Theke steht Kellner Stefan Lorenz und zapft das Bier der örtlichen Brauerei. Hier treffen sich die Mitglieder der „SG Rastitz“ nach dem Training, und hier wird über die Leistungen der Mannschaft diskutiert, die in der Kreisliga unter Trainer Jovan Milic eine ordentliche Rolle spielt. Die Spiele am Wochenende auf dem Sportplatz am Rande des Krisdorfer Waldes sind ein Spektakel, wenn auch auf kleinem Niveau – die Rivalität mit dem Nachbarort Findlingshain ist legendär, und wenn die beiden Mannschaften aufeinandertreffen, stehen gut vierhundert Zuschauer am Spielfeldrand.

Das Krankenhaus mit der angeschlossenen Polyklinik am nördlichen Stadtrand ist ein moderner Bau aus den frühen 2000er-Jahren. Dr. med. Sabine Winter, die Oberärztin der Inneren Abteilung, hat hier ihren Dienstsitz und kennt viele der Patienten seit Jahren. Die Polyklinik bietet eine breite ambulante Versorgung, und die Notaufnahme ist rund um die Uhr besetzt – für die umliegenden Dörfer, die kein eigenes Krankenhaus haben, ist Rastitz der medizinische Ankerpunkt. Das Personal ist freundlich, die Wartezeiten sind überschaubar, und wer einmal hier war, weiß die Versorgung zu schätzen.

Die Einkaufsmöglichkeiten in der Innenstadt sind überschaubar, aber ausreichend. Neben der Bäckerei gibt es einen gut sortierten Getränkemarkt, eine kleine Buchhandlung, in der Lieselotte Brenner Romane und Reiseführer verkauft, und einen Kurzwarenladen, der seit drei Generationen im Familienbesitz ist. Für den größeren Einkauf fahren die Rastitzer nach Novafurt oder hinüber nach Zentravia in die Kreisstadt Drosen – die Züge der Linie 111 (BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia) fahren stündlich in beide Richtungen. Wer es ruhiger mag, bleibt in Rastitz: Der italienische Betreiber Antonio Rossi serviert in seiner „Rastitzeria“ am Marktplatz eine ordentliche Pizza, und am Bahnhofsgebäude, das etwas abseits der Innenstadt liegt, hat ein kleiner Imbiss aufgemacht, der zur Mittagszeit von den Industriearbeitern belagert wird.
Rastitz ist keine Postkartenidylle. Es ist eine Stadt, in der gearbeitet wird, in der diskutiert wird, in der die Menschen ihre eigenen Meinungen haben und sie auch vertreten. Wer durch die Straßen geht, sieht die Fassaden der Bürgerhäuser, die mal mehr, mal weniger gepflegt sind; er riecht den Kaffee aus der Bäckerei und das Öl aus der Produktion; er hört das Glockengeläut von St. Ägidius und das Rauschen der Maschinen im Industriegebiet. Und wenn am späten Abend der letzte Zug der Linie 114 um 21:14 Uhr Richtung Waldfurt abfährt und das Licht in den Fenstern der Altstadt erlischt, dann weiß man: Hier war man nicht in einem verträumten Fleckchen, sondern in einem lebendigen Stück Landauri.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 111 (BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia) stündlich 5:51-20:51 nach Novafurt Hbf, 6:57-20:57 über Drosen nach Zentro Hbf, 21:57 nach Drosen; Linie 114 (BLB Blumenlandbahn) aller 2 Stunden 6:50-20:50 nach Sasnitz, 7:14-21:14 nach Waldfurt
Straße: Autobahn A1 (W: Zentro, O: Nova); B6 (W: Drosen 9km, SO: Scalso 15km); B64 (S: Nossen 15km, NO: Findling 6km); L4 (NW: Reichenau 5km); Feldweg (SO: Babybach 14km)
Land: Blumenland
Landkreis: Novafurt
Gemeinde: B-2020 Rastitz

