(Pop.: 12, 68 m NN)

Tretufer besteht aus kaum mehr als einer Handvoll Häuser, einem Restaurant, einem kleinen Schlachthaus und dem Bahnsteig der Novatalbahn. Trotzdem bleibt der Weiler vielen Reisenden in Erinnerung. Das liegt vor allem an seiner Lage unmittelbar am rechten Ufer der Nova: Zwischen den Obstgärten von Hettstedt und den ersten Häusern von Großenhain beschreibt der Fluss eine weite Kurve, an deren Innenseite sich Kiesbänke und schmale Schilfgürtel gebildet haben. Dahinter steigen Wiesen zu den Feldern der Blumenthal-Ebene an. Die Nova bildet das landschaftliche Rückgrat des Blumenlandes und durchzieht eine fruchtbare, von Landwirtschaft geprägte Ebene.

Seinen Namen verdankt der Ort nach örtlicher Überlieferung einem einfachen Übergang, an dem Fuhrleute früher ihre Pferde durch das flache Wasser treten ließen. Eine Brücke gab es hier noch nie. Bei niedrigem Pegel soll der Grund fest genug gewesen sein, um Säcke, Körbe und Töpferwaren aus der Gemeinde Tretwitz ans andere Ufer zu bringen. Alte Bewohner sprechen noch heute vom „Tret“, wenn sie die flache Stelle unterhalb der großen Silberweide meinen. Tatsächlich sollte sich dort niemand ohne Ortskenntnis in den Fluss wagen, denn Rinnen und Strömungsverhältnisse verändern sich nach jedem Hochwasser.

Der Weiler entwickelte sich aus zwei Uferhöfen und einem Unterstand für Flößer. Im späten 19. Jahrhundert kamen beim Bau der Novatalbahn ein Bahnwärterhaus und ein kleiner Güterschuppen hinzu. Der mit Holzbänken, Wetterschutz und einem blauen Bedarfshaltschild ausgestattete Bahnsteig wird immer noch bedient. Die Züge der Linie BLB115 halten nur auf Zeichen. Wer einsteigen möchte, betätigt den Anforderungsknopf; wer aussteigen will, meldet den Halt im Zug an. Der Fahrplan nennt Tretufer zwischen Hettstedt und Großenhain, wobei die Züge in beiden Richtungen stündlich verkehren. Besonders morgens wirkt die Ankunft eines Zuges beinahe feierlich: Erst hört man ihn zwischen den Uferbäumen, dann spiegeln sich kurz die Fenster in der Nova, und wenig später liegt der Bahnsteig wieder verlassen da.

Das auffälligste Gebäude steht gegenüber dem Haltepunkt. Das Restaurant La Brise, Novauferweg 7, nutzt ein langgestrecktes, hell verputztes Haus mit grünen Fensterläden und einer überdachten Terrasse zum Fluss. Den cenianischen Namen brachte die Köchin Mireille Aubert mit, die einige Jahre in Nova gearbeitet hatte und eine Stelle suchte, an der sie regionale Lebensmittel ohne städtischen Aufwand verarbeiten konnte. Gemeinsam mit dem Gastgeber Jannik Reuter führt sie eine kleine Küche, deren Angebot vom Fang und von den Lieferungen des Tages abhängt. Häufig gibt es gebratene Flussbarsche mit Kräuterkartoffeln, Zwiebelkuchen, eingelegtes Gemüse und eine kräftige Fischsuppe. Als alkoholfreie Spezialität wird der „Novanebel“ ausgeschenkt, ein trüber Apfel-Kräuter-Saft aus Früchten der Hettstedter Obstgärten.

Bei Flusswanderern ist das La Brise vor allem wegen seiner Terrasse und der Wasserstelle beliebt. Kanus können an einem niedrigen Holzsteg festmachen; nasse Jacken dürfen im ehemaligen Geräteschuppen trocknen. Zwei schlichte Gästezimmer im Obergeschoss werden vorzugsweise an Wanderer und Angler vergeben. Eine Tafel neben der Eingangstür verzeichnet Wasserstand, Wetterbeobachtungen und die jeweils geschützten Uferzonen. Abends sitzen hier Einheimische und Gäste oft an einem gemeinsamen langen Tisch. Dann erzählt Jannik Reuter von dem gewaltigen Hecht, der angeblich seit Jahren unter der Silberweide steht und jedes Stahlvorfach durchbeißt. Dessen tatsächliche Größe wächst mit jeder Wiederholung.

Die Nova bei Tretufer gilt als ergiebiges Angelgewässer. In den ruhigeren Bereichen stehen Rotaugen und Schleien, während an den Strömungskanten Barsche und gelegentlich Zander gefangen werden. Die beliebtesten Plätze liegen flussabwärts des Bahnsteigs, wo drei hölzerne Angelstege zwischen Weiden und Erlen angelegt wurden. Eine verschließbare Kiste mit Kescher, Eimer und Greifzange wird gemeinschaftlich benutzt. Um die Ufer zu schonen, sprechen die regelmäßigen Gäste ihre Plätze untereinander ab. Besonders zuverlässig organisiert dies Selma Jürgens, Briefzustellerin aus Tretwitz und Vorsitzende der kleinen Angelrunde „Nova zwölf“. Der Name bezieht sich nicht auf die Mitgliederzahl, sondern auf die zwölf Einwohner des Weilers.

Zu ihnen gehört die Anwältin Lena Becker, die im früheren Bahnwärterhaus am Uferweg 2 lebt. Ihr Arbeitszimmer befindet sich im Erdgeschoss, unmittelbar neben dem ehemaligen Dienstraum. Lena Becker berät Gemeinden, Kooperativen und kleine Betriebe bei Nutzungsfragen, Schlichtungsverfahren und Übergaben. Solche Aufgaben besitzen in der dezentral organisierten Gesellschaft Landauris besondere Bedeutung, da Entscheidungen überwiegend vor Ort getroffen werden und Besitz an die tatsächliche Nutzung gebunden ist. An zwei Nachmittagen pro Woche bietet sie eine offene Sprechstunde an. Weil das Wartezimmer nur zwei Stühle hat, warten zusätzliche Besucher meist im La Brise und werden von dort herübergerufen.

Am nördlichen Ortsrand arbeitet Metzger Florian Diehl im Backsteingebäude des ehemaligen Güterschuppens. Seine Schlacht- und Zerlegekooperative „Diehls Uferstück“ verarbeitet Tiere von Höfen der Gemeinde Tretwitz. Verkauft wird nicht täglich, sondern freitags zwischen 15 und 18 Uhr durch ein Ausgabefenster zur Bahnseite. Bekannt sind eine grobe Apfelbratwurst, mit Wacholder gewürzter Schinken und dünn geschnittenes Rauchfleisch für Wanderproviant. Florian Diehl liefert außerdem an das La Brise, wo seine Bratwurst mit geschmorten Zwiebeln und Fladenbrot serviert wird. Das Handwerk passt zur Wirtschaftsform Landauris, die von kleinen Betrieben, Werkstätten und gemeinschaftlich organisierten Strukturen geprägt ist.

Eine Kirche, Schule oder eigenes Gemeindehaus besitzt Tretufer nicht. Für Versammlungen wird im Winter der Gastraum des La Brise genutzt, im Sommer die Wiese am Fluss. Dort findet am ersten Sonnabend im Juni das Uferfrühstück statt. Jeder bringt etwas mit, Angler reinigen die Stege, Kinder aus Tretwitz bemalen flache Kiesel, und Florian Diehl stellt eine eiserne Pfanne auf den alten Bahnladestein. Der Weiler bleibt dabei, was er das ganze Jahr über ist: ein winziger Ort, dessen überschaubare Gestalt den Blick auf den Fluss, die Menschen und die stillen Abläufe des Novatals lenkt. Gerade für eine Rast zwischen den größeren Orten ist Tretufer deshalb eine lohnende Entdeckung.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: BLB115 (Novatalbahn) stündlich 6:48-20:48 über Novafurt Hbf nach Muldmünde, 21:48 nach Novafurt Hbf, 7:06-21:06 über Waldfurt nach Novatal, 22:06 nach Waldfurt
Straße: Novauferweg (NW: Großenhain 8km, O: Hettstedt 3,5km); Feldweg (SW: Tretkreuz 10km)

LandBlumenland
LandkreisNovafurt
GemeindeB-2110 Tretwitz
Ort: B-2112 Tretufer