
(Pop.: 72 – 248m NN)
Wer auf der K203 von Boxamünde das Boxatal heraufkommt, erkennt Boxdorf zunächst nicht an einem Kirchturm, sondern an den langen Reihen dunkelgrüner Gurkenpflanzen. Sie ziehen sich an den flacheren Hängen südlich des Boxatals entlang, überragt von hölzernen Windrädern und den schmalen Stegen der Boxakanäle I und II. Erst dahinter erscheinen die wenigen Häuser des Dorfes, eng an die Straße und den Boxabach gerückt. Boxdorf liegt 248 Meter über dem Meeresspiegel und zählt 72 Einwohner. Trotz seiner geringen Größe gilt es als Herzstück des Gurkenanbaus im Boxatal. Der Landkreis Boxbucht reicht vom Kohlgebirge bis zum Nordmeer und verbindet bewässerte Täler, Wälder, Küsten und den Rand der Kohlwüste miteinander. Landwirtschaft und Wasserbau gehören deshalb zu seinen wichtigsten Lebensgrundlagen. Der Ortsname soll auf jene hölzernen „Boxen“ zurückgehen, in denen die ersten Gärtner ihre Ernte lagerten. Eine beliebtere Erklärung erzählt dagegen von einem Bauern, der seine Gurken vor einem Unwetter in Pferdeboxen rettete und anschließend behauptete, seitdem schmeckten sie besser. Belegt ist keine der Geschichten. Sicher ist nur, dass Boxdorf schon lange enger mit der Gurke verbunden ist als jeder andere Ort im Tal.
Die Felder liegen überwiegend südlich des Dorfes, wo die Hänge Sonnenlicht erhalten, ohne vollständig auszutrocknen. Das Wasser kommt aus dem Boxabach und wird über die Boxakanäle I und II verteilt. Kleine Schieber aus Metall regeln, welcher Acker wann bewässert wird. Über ihre Stellung entscheidet keine entfernte Behörde, sondern der örtliche Wasserrat, dem derzeit die Gärtnerin Mareike Vollmer, der Kanalwart Étienne Caron und der Landwirt Joris Baumann angehören. Die Boxdorfer Gurke ist kräftig, fest und merklich herber als die Gurken aus dem südlich gelegenen Kreis Kohlaschleuße. Was andernorts als Nachteil gelten könnte, wird hier mit Nachdruck als Charakter bezeichnet. Die Bewohner schneiden ihre Gurken nicht zu dünn, würzen sie sparsam und servieren sie gern mit dunklem Brot, Käse und einem Hauch Salz aus Salzquell. Auf den Höfen wird streng darauf geachtet, welches Saatgut sich mit dem wechselhaften Gebirgsklima verträgt. Besonders stolz ist man auf die alte Sorte „Boxdorfer Krummhals“, deren Früchte selten gerade wachsen, dafür aber auch nach kühlen Nächten bissfest bleiben.

Nicht jede Gurke erfüllt die Ansprüche des Frischmarktes oder der Einlegemühlen. Zu große, krumme oder beschädigte Früchte gelangen deshalb in die Boxdorfer Brennerei, die einzige Gurkenbrennerei des Landkreises. Sie befindet sich in einem gedrungenen Bruchsteinhaus am Kanalweg 4. Hinter den kleinen Fenstern stehen kupferne Kessel, Bottiche und eine Abfüllbank, an der die klaren Flaschen von Hand etikettiert werden. Brennmeister Rasmus Veldkamp spricht bereitwillig über die Herkunft der Früchte, schweigt aber über das eigentliche Verfahren. Bekannt ist lediglich, dass Dill und ein Schuss Essig an der Verfeinerung beteiligt sind. Das Ergebnis ist ein trockener, kräftiger Schnaps mit pflanzlichem Aroma, den die Boxdorfer ausschließlich „Gurkenwasser“ nennen.

Ausgeschenkt wird er vor allem in der „Gurkenranke“ an der Dorfstraße 11. Die niedrige Gaststube besitzt sechs Tische, einen Kachelofen und eine Theke, deren Holz vom häufigen Aufstützen blank geworden ist. Über dem Stammtisch hängt eine vergilbte Urkunde, die Boxdorf eine besonders charaktervolle Gurke bescheinigt. Wer die Urkunde ausgestellt hat, weiß allerdings niemand mehr. Abends sprechen die Bauern hier über Niederschläge, Pflanzenkrankheiten und den Wasserstand der Kanäle. Spätestens beim zweiten Gurkenwasser beginnt der Vergleich mit den Erzeugnissen aus Kohlaschleuße. Einigkeit besteht dann gewöhnlich nur darin, dass die Konkurrenzgurken zu mild seien.

Solène Marchand sitzt häufig am Ende dieses Stammtisches, ein Notizbuch neben dem Glas. Die Physikerin kam vor einigen Jahren aus Kohla nach Boxdorf und bezog das ehemalige Schleusenwärterhaus am Boxakanal II. Marchand untersucht dort Strömungen in kleinen Bewässerungssystemen. Mit einfachen Messrädern, Pegellatten und selbst gebauten Sensoren erfasst sie, wie viel Wasser auf dem Weg zu den Feldern versickert oder verdunstet. Ihre Arbeit ist praktisch ausgerichtet: Ein von ihr entwickelter Schwimmermechanismus schließt einen Kanalschieber automatisch, wenn ein Beet ausreichend versorgt ist. Im Dorf gilt sie dennoch als Theoretikerin, weil sie Wasserstände lieber in Kurven zeichnet, als sie nach Augenmaß zu beurteilen. Die Bauern spotten darüber, nutzen ihre Vorrichtungen aber längst.

Wenige Häuser weiter arbeitet Liam O’Connor in der kleinsten Werkstatt des Ortes. Die Uhrmacherin lebt im ehemaligen Posthäuschen am Boxatalweg 2 und repariert Armbanduhren, Wecker, Wetteruhren und mechanische Küchenuhren aus dem gesamten Landkreis. Besonders gefragt sind ihre robusten „Kanaluhren“, die anzeigen, wann ein Hof sein zugeteiltes Bewässerungswasser erhält. Weil die Wasserzeiten im Sommer genau eingehalten werden müssen, besitzt beinahe jeder Betrieb eine solche Uhr. O’Connor versieht die Zifferblätter nicht mit Zahlen, sondern mit kleinen Gurken, Wassertropfen und Schieberrädern. Vor ihrer Tür hängt keine Reklametafel, sondern ein altes Uhrwerk, das bei Wind leise klappert.
Die Häuser Boxdorfs stehen entlang dreier kurzer Wege. An der Dorfstraße befinden sich die „Gurkenranke“, das gemeinschaftliche Kühlhaus und ein kleiner Selbstbedienungsladen im Vorraum des Hofes von Alina und Morten Klee. Dort bekommt man Brot, Eier, Käse, eingelegte Gurken und gelegentlich Flaschen aus der Brennerei. Der Kanalweg begleitet den Boxakanal I und führt zwischen Feldern und Geräteschuppen hindurch. Der höher gelegene Urbansteig endet an der Dorfkapelle. Diese Kapelle ist dem heiligen Urban geweiht, der in Boxdorf als Schutzpatron der Gärtner verehrt wird. Der kleine Bau aus grauem Bruchstein besitzt einen offenen Dachreiter und nur zwölf Sitzplätze. Im Inneren steht eine schlichte Urbanfigur, die statt einer Weintraube einen Korb mit Gurken trägt. Ob diese Darstellung ursprünglich so gedacht war oder später verändert wurde, ist umstritten. Zum Erntedank schmücken die Bewohner den Eingang mit Dill, Gurkenranken und Sonnenblumen. Den Gottesdienst hält meist eine Geistliche aus Boxbucht; anschließend werden Brot, eingelegtes Gemüse und die erste Flasche des neuen Gurkenwassers geteilt.
Eine Schule, Arztpraxis oder reguläre Pension besitzt Boxdorf nicht. Kinder fahren zum Unterricht in einen größeren Nachbarort, umfangreichere Einkäufe werden in Boxbucht erledigt. Zwei einfache Gästezimmer vermietet jedoch Landwirtin Mareike Vollmer auf dem Gurkenhof am Kanalweg 9. Luxus sollte man dort nicht erwarten, wohl aber ein kräftiges Frühstück und einen Blick über die Felder. Wanderer erreichen Kanalo nach zwei Kilometern; in entgegengesetzter Richtung führt die K203 sechs Kilometer talaufwärts nach Boxaquell. Ein Feldweg zweigt nach Norden in Richtung Nordufer ab. Einen Bahnanschluss gibt es nicht.
Verkehrsverbindungen:
Straße: K203 (NO: Kanalo 2km; SW: Boxaquell 6km); Feldweg (N: Nordufer 8,5km)

