(Pop.: 51 – 437m NN)

Wer Boxaquell erreicht, hört das Dorf meist, bevor er es sieht. Zwischen Fichtenstämmen rauscht die Boxa über dunkle Steine, aus dem Sägewerk klingt das gleichmäßige Schlagen der Gattersäge, und irgendwo im Hang ruft ein Häher. Erst hinter einer Biegung der K203 treten die wenigen Häuser aus dem Wald: schindelgedeckte Wohnhäuser, Holzschuppen, gestapelte Stämme und die kleine Hubertuskapelle. Boxaquell zählt 51 Einwohner und liegt auf 437 Metern Höhe im oberen Boxatal, dort, wo das bewaldete Kohlgebirge in Richtung des Nordkohlianischen Gurkenlandes abfällt. Es ist ein stiller, arbeitsamer Ort und zugleich einer jener Plätze, an denen sich die Eigenarten des Landkreises Boxbucht auf engem Raum begegnen: Bergwald und Wasserbau, Jagd und Gurkenanbau, Abgeschiedenheit und erstaunlich weltläufige Lebensgeschichten. Der Landkreis selbst reicht vom Gebirgskamm über die bewässerten Täler bis zur rauen Küste des Nordmeeres und gehört zu den besonders dünn besiedelten Gegenden Kohlonias.

Der Name Boxaquell führt ein wenig in die Irre, denn die eigentliche Quelle der Boxa liegt vier Kilometer weiter westlich bei Boxahüttel. Die Einheimischen erklären das gern mit einer alten Geschichte: Als die ersten Waldarbeiter den Ort benennen sollten, habe niemand den beschwerlichen Weg bis zur Quelle noch einmal zurücklegen wollen. Also sei der Platz, an dem man sich gerade befand, kurzerhand zum „Quellort“ erklärt worden. Wahrscheinlicher ist, dass Boxaquell ursprünglich den gesamten oberen Talraum bezeichnete. Geblieben ist die Unterscheidung zwischen dem Dorf und Boxahüttel, einem nur sieben Einwohner zählenden Weiler auf 703 Metern Höhe.

Boxaquell besteht im Wesentlichen aus der Quellstraße, dem kurzen Kapellenstieg und einigen verstreuten Häusern am Waldrand. Einen Laden, eine Schule oder eine ärztliche Praxis gibt es nicht. Besorgungen werden in Boxamünde oder in der Kreisstadt erledigt, kleinere Lieferungen nimmt Wirtin Mathilde Kronauer im „Zum Quellstein“ entgegen. Nach Westen führt der unbefestigte Boxatalweg nach Boxahüttel. Die Wege nach Qanat und Salzquell sind dagegen schmale Forst- und Feldwege, die bei Regen schnell schlammig und im Winter zeitweise unpassierbar werden.

Am östlichen Dorfrand liegt das technisch wichtigste Bauwerk Boxaquells. An einem niedrigen Wehr wird Wasser aus der Boxa in den Boxakanal I geleitet. Der von Steinplatten und Holzschützen eingefasste Kanal zieht sich zunächst am Hang entlang und führt das Wasser schließlich bis nach Qanat, wo es in den Gurkenkanal gelangt. Dort bildet die Bewässerung die Lebensgrundlage einer kleinen Siedlung am Rand der Kohlwüste. Kanalwart Farid Amini kontrolliert jeden Morgen den Rechen vor dem Einlauf. Nach Stürmen zieht er Äste und Fichtenzapfen aus dem Gitter, im Frühjahr stimmt er mit den Gärtnern weiter unten im Tal ab, wie viel Schmelzwasser abgeleitet werden darf. Die Bewohner betrachten das Wehr nicht als Sehenswürdigkeit, doch Reisende bleiben oft auf dem schmalen Steg stehen und beobachten, wie ein Teil des Gebirgsbaches beinahe lautlos nach Osten abzweigt.

Das wirtschaftliche Zentrum des Dorfes ist das Sägewerk am südlichen Ufer. Försterin Maren Okafor koordiniert gemeinsam mit den Holzfällern die Einschläge in den umliegenden Wäldern. Gefällt werden vor allem Fichten, Tannen und einzelne alte Buchen, wobei die Gemeinde jedes größere Vorhaben in ihrer Versammlung bespricht. Das gesägte Holz wird zu Balken, Bohlen und Bootsbauplanken verarbeitet. Ein Teil gelangt auf Wagen nach Boxdorf, ein anderer wird bei ausreichendem Wasserstand zu kleinen Flößen gebunden und talwärts gebracht. So erreicht Boxaqueller Holz schließlich auch die Werft der Kreisstadt Boxbucht, die traditionell Kutter und flache Lastkähne baut. Zur Jagd gehören weniger romantische Tätigkeiten: Wildbestände werden gezählt, junge Bäume geschützt und beschädigte Waldwege ausgebessert.

Gegenüber dem Sägewerk steht das dunkel gebeizte Wirtshaus „Zum Quellstein“. Sein Schankraum wird von einer offenen Feuerstelle beherrscht, über der gusseiserne Töpfe hängen. Mathilde Kronauer serviert Wildragout mit Wurzelgemüse, geröstetes Roggenbrot und Forellen aus der Boxa. Wer übernachten möchte, kann eines von zwei einfachen Gästezimmern im Obergeschoss beziehen. Sie besitzen Waschschüsseln, dicke Wolldecken und Fenster zum Bach. Abends gehört der große Tisch neben dem Feuer den Jägern und Holzfällern. Dann werden Spuren gedeutet, Wetterzeichen erörtert und Geschichten erzählt, in denen Hirsche grundsätzlich größer, Winter grundsätzlich härter und Heimwege grundsätzlich länger werden.

Ausgeschenkt wird das Gurkenkanalbier, kurz GKB, ein bernsteinfarbener Sud mit Fichtensprossen, Gurkensamen, Dill und einer zurückhaltenden Pfeffernote. Sein Rezept stammt von Lea Wagner, einer Winzerin aus Nova im Süden. Sie kam nach Boxaquell, weil sie nach mehreren Jahren in großen Weinbaubetrieben wieder in einem kleinen, gemeinschaftlich geführten Betrieb arbeiten wollte. An Weinbau war auf 437 Metern Höhe nicht zu denken. Die Sommer sind kurz, die Nächte kühl und die bewaldeten Hänge erhalten zu wenig Sonne. Wagner begann deshalb, ihre Kenntnisse über Gärung und Aromen auf Bier zu übertragen. Nach zahlreichen Versuchen kombinierte sie junge Fichtensprossen aus dem Gebirge mit Gewürzen aus dem Gurkenland. Heute braut sie das GKB in einem rückwärtigen Raum des Wirtshauses. Die Flaschen tragen ein schlichtes Etikett mit einem grünen Kanal, der zwischen schwarzen Bergen verläuft.

Wichtiger als jede Wetter-App ist in Boxaquell das Urteil von Meteorologin Olivia Johnson. Ihr Messgarten liegt oberhalb der letzten Häuser und besteht aus einer weißen Wetterhütte, Niederschlagsmesser, Windfahne und mehreren unscheinbaren Bodensensoren. Johnson kam ursprünglich für eine einjährige Untersuchung ins Boxatal, blieb jedoch wegen der ungewöhnlichen kleinklimatischen Unterschiede. Kalte Luft sammelt sich nachts über dem Bach, während der Gebirgskamm manchmal schon in der Sonne liegt. Ihre täglichen Messungen helfen den Waldarbeitern bei der Einschätzung von Sturm- und Brandgefahr und Farid Amini bei der Regulierung des Kanals. Im „Quellstein“ notiert Johnson ihre Vorhersage mit Kreide auf eine kleine Tafel. Irrt sie sich, malt jemand aus dem Stammtisch einen Regenschirm oder eine Sonne daneben.

Die hölzerne Hubertuskapelle steht etwas abseits am Beginn des Waldpfades. Sie besitzt keinen Turm, sondern nur einen offenen Dachreiter mit einer kleinen Glocke. Im Inneren hängen geschnitzte Tierköpfe und schlichte Tafeln zum Gedenken an verunglückte Waldarbeiter. Einmal im Monat kommt Diakon Elias Mbeki aus Boxdorf zur Andacht. Besonders gut besucht ist der Hubertustag, an dem Zweige, Werkzeuge und die Hunde der Jäger gesegnet werden. Danach zieht die Gemeinde zum Wirtshaus, wo Lea Wagner das erste Fass des winterlichen GKB ansticht.

Der lohnendste Ausflug führt nach Boxahüttel. Der Weg folgt zunächst der Boxa, steigt dann durch feuchten Fichtenwald an und erreicht schließlich einen Felsvorsprung. Dort tritt das Wasser kristallklar und eiskalt aus einer gemauerten Fassung. Die Bewohner von Boxahüttel stellen einen Blechbecher bereit, doch selbst im Sommer hält kaum jemand die Hand lange in das Quellbecken. Oberhalb beginnt ein schmaler, stellenweise steiler Pfad zum Gebirgskamm. Bei klarem Wetter öffnet sich dort der Wald, und der Blick reicht über das Boxatal, das helle Band der Kanäle und das Nordkohlianische Gurkenland bis zum Nordmeer. Tief unten wirkt Boxaquell dann kaum größer als eine Lichtung. Gerade darin liegt der Reiz des Dorfes: Es beansprucht wenig Raum, doch sein Wasser, sein Holz, sein Bier und das Wissen seiner Bewohner wirken weit über das obere Tal hinaus.


Verkehrsverbindungen:
Straße: K203 (NO: Boxdorf 3,5km); Boxatalweg (W: Boxahüttel 4km); Feldwege (O: Qanat 12km, N: Salzquell 17km; S: Steinfeld 9,5km)

Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4170 Boxaquell
Orte: K-4170 Boxaquell, K-4171 Boxahüttel


Zur Gemeinde Boxaquell gehört der Flecken Boxahüttel.