(Pop.: 29 – 721m NN)

Am Waldrand, dort wo die Fichten dichter stehen und der Wind leiser rauscht, liegt Steinfeld. 721 Meter über dem Meer, 29 Einwohner, und ein Duft, der süßer ist als in jedem anderen Ort des Kohlgebirges. Es ist der Duft von tausend Blüten, von Tannenharz und Wachs, von Sommer und Emsigkeit. Steinfeld ist das Dorf der Imker. Wer von Felquell herüberkommt – über einen schmalen, geschotterten Waldweg, der im Herbst von goldgelben Lärchennadeln bedeckt ist –, dem öffnet sich der Weiler wie ein geheimes Fleckchen Erde, das die Zeit vergessen hat. Neun Häuser gruppieren sich um einen kleinen Anger, auf dem drei uralte Lindenbäume stehen. Im Sommer summt und brummt es hier von morgens bis abends, denn die Bienenstöcke stehen überall: hinter den Gärten, unter den Dachvorsprüngen, manchmal direkt am Wegrand, als gehörten sie einfach dazu. Was sie auch tun.

Honig, der Geschichten erzählt: Der „Felqueller Waldhonig“ ist keine Massenware. Jedes Glas erzählt die Geschichte eines bestimmten Sommers, eines bestimmten Waldstücks. Die Imker von Steinfeld wandern mit ihren Völkern – eine Tradition, die es sonst nirgendwo im Kohlgebirge gibt. Hannah Vogler, die mit ihren sechzig Jahren die Älteste der Gemeinschaft ist, führt die Liste an, wann welcher Standort an der Reihe ist: im Mai die Heidelbeerhänge unterhalb des Felbergs, im Juni die Tannenmischwälder um den Weiler Boxahüttel, im Hochsommer die Lichtungen am Weg nach Kolaquell, wo die wilden Himbeeren blühen. Ihren Mann Rolf Vogler trifft man selten im Dorf. Er ist der Wanderimker, der mit einem klapprigen Anhänger hinter seinem Traktor die Beuten durchs Tal fährt. „Die Bienen sind die Chefs“, sagt er, wenn man ihn nach seinen Plänen fragt. „Ich bin nur ihr Chauffeur.“ Imkern in Steinfeld bedeutet, dem Wald zuzuhören. Es bedeutet zu wissen, wann die Tanne trauert – dann gibt sie besonders viel Honigtau – und wann die Heidelbeere ihre Blüten öffnet. Der Honig wird nicht erhitzt, nicht geschleudert, bis er flüssig ist, sondern von Hand entdeckelt und bei sanfter Kälte verarbeitet. Das Ergebnis ist ein bernsteinfarbenes Gold, das nach Wald schmeckt, nach Harz und Beerensommer, und das auf keiner Messe, in keinem Supermarkt zu finden ist. Nur hier, bei den Imkern selbst oder im „Lädchen am Anger“ , das Josefine Riemenschneider seit vierzig Jahren betreibt.

Ein Dorf, eine Gemeinschaft: Josephine, Mitte siebzig und noch immer rüstig, hat nicht nur den kleinen Dorfladen, sondern auch das Postamt und das einzige Telefon des Weilers in ihrem Wohnzimmer eingerichtet. Wer in Steinfeld anrufen möchte, wählt die Nummer des Ladens, und Josephine ruft dann entweder „Hannah, Telefon!“ über den Anger oder schickt eines ihrer Enkelkinder los. Der Laden öffnet, wann Josephine Lust hat – meistens zwischen neun und zwölf, außer donnerstags. Was es gibt? Honig, natürlich, in allen Jahrgängen, außerdem Eier von Dietmar Pusch , dessen Hühner hinter seinem Haus frei laufen, selbst gemachte Marmeladen aus Waldbeeren, Kerzen aus eigenem Bienenwachs und manchmal, wenn das Wetter gut war, ein paar Gläser mit eingelegten Steinpilzen, die Marlene Kampmann von Felhütte vorbeibringt.

Das Leben in Steinfeld folgt einem eigenen, unhörbaren Takt. Es gibt keine Kirche im Ort – die Gläubigen gehen sonntags hinunter nach Felquell –, aber eine kleine hölzerne Kapelle am Waldrand, die „Honigkapelle“ genannt wird, weil ihr Altar aus sechs leeren Honigfässern gezimmert ist. Dreimal im Jahr findet hier ein Gottesdienst statt: zu Beginn der Saison im Mai, zur Sommersonnenwende und zum Erntedank im September, wenn die letzten Gläser gefüllt sind. Dann kommt Pfarrerin Nina Svensson aus Kohlaschleuße die 22 Kilometer herauf, und die 29 Einwohner singen so laut, dass es bis nach Felquell hinunter hallt.

Für Wanderer und Suchende: Steinfeld ist kein Durchgangsort. Wer hierherfindet, hat entweder Familie hier oder sucht etwas ganz Bestimmtes: einen Honig, der wie kein anderer schmeckt, eine Stille, die tiefer ist als anderswo, oder einen Menschen, der zuhört. Henriette Klinger, eine junge Bildhauerin aus Butha, die vor drei Jahren in das leer stehende „Haus am Waldrand“ zog, meint, sie sei der Honigliebe wegen gekommen. Aber eigentlich, sagt sie, sei sie gekommen, weil sie nirgendwo sonst so gut arbeiten könne. Sie schnitzt Figuren aus den Holzstämmen, die von Gunnar Pusch Sägerei aus Felquell kommen – Tiere vor allem, Waldgeister und Vögel, die sie dann mit Bienenwachs einlässt. Zweimal im Jahr öffnet sie ihr Atelier für einen Tag.

Von Steinfeld aus führen Wege in alle Richtungen: zwei Kilometer zurück nach Felquell, vier Kilometer hinüber zur K301 nach Felfurt, oder tief hinein in den Wald, vorbei an den Wanderständen der Imker, nach Boxahüttel (9 km) oder hinauf zur Felhütte (6 km). Wer die Ruhe sucht, findet sie hier. Und wer den besten Honig seines Lebens probieren möchte, sollte im Sommer vorbeikommen – und darauf hoffen, dass Rolf Vogler gerade zu Hause ist.


Verkehrsverbindungen:
Straße: Nassau 12km nach Osten, Felquell 3km nach Süden, Felfurt 6km nach Südosten, Boxaquell 9,5km nach Norden

LandKohlonia
LandkreisKohlaschleuße
GemeindeK-2190 Felquell
Ort: K-2191 Steinfeld (Kohlonia)