
(Pop.: 42 – 626m NN)
Man sollte meinen, ein Dorf mit 42 Einwohnern habe nichts zu erzählen. Man irrt. Felfurt, eingebettet in die sanften Hügel des nordkohlianischen Gurkenlandes, ist ein Ort, der die leisen Töne beherrscht – das gleichmäßige Klappern eines oberschlächtigen Mühlenrads, das Plätschern des Fel unter einer steinernen Brücke, das Knirschen von Gummistiefeln auf Kieswegen. Die K301 führt schnurgerade durch das Dorf, und wer nicht aufpasst, ist im selben Augenblick wieder draußen, verpasst die Gärtnerei, die Frühgemüse züchtet, das sonst nirgendwo so früh reift, und ein Café, das in einer stillgelegten Wassermühle von 1879 so etwas wie das heimliche Wohnzimmer des Tals geworden ist.
Der Ortsname, das verrät schon der erste Blick auf die Landkarte, ist kein Zufall. „Furt“ – seit dem Mittelalter kreuzte hier ein flacher Übergang den Fluss Fel. Die Chronik des nahen Klosters in Kohlaschleuße berichtet von einer hölzernen Furtenanlage, die immer dann weggespült wurde, wenn die Schneeschmelze im Felquell das Wasser anschwellen ließ. Die Bewohner der drei Gehöfte, aus denen Felfurt damals bestand, sollen der Überlieferung nach fluchend die Steine wieder zusammengetragen haben. Erst 1823 brachte die steinerne Brücke Beständigkeit – vier Bögen aus grobem Bruchstein, ohne Schnörkel, aber mit einer Stabilität, die bis heute jedem Frühjahrshochwasser trotzt. Die Brücke ist der stillste Held des Dorfes.

Und dann ist da der Fel-Gurkenkanal II. Ein Name, der nach Industrie klingt, aber in Wirklichkeit ein schmaler, von Weiden gesäumter Wasserlauf ist, der direkt hinter der Brücke vom Fel abzweigt. Er wurde gebaut, um die Felder der Gärtnerei „Unterm Rad“ zu bewässern – jenes Betriebes, der Felfurt über die Grenzen des Landkreises Kohlaschleuße hinaus bekannt gemacht hat. Betrieben wird die Gärtnerei von der Familie Knopp: Vater Henning, Mutter Rita und die Tochter Jette, die vor zwei Jahren ihren Meister in Gemüsebau gemacht hat. Ihre Spezialität ist Frühgemüse – Radieschen, Mairüben, Kohlrabi –, das drei Wochen vor der Konkurrenz aus dem Boden schießt. Das Geheimnis, so Jette Knopp, sei das kalkhaltige Wasser aus dem Kanal, das den Boden genau auf die richtige Temperatur bringe. Ob das stimmt oder nur eine jener Geschichten ist, die sich Gurkenbauern erzählen, sei dahingestellt. Fest steht: Wer im April in der Hauptstadt Kohla auf dem Markt die ersten knackigen Radieschen kauft, hat sie meist aus Felfurt.

Mitten im Dorf, direkt an der K301, steht die alte Wassermühle. 1879 erbaut, mahlte sie bis in die sechziger Jahre Getreide für die umliegenden Weiler. Dann kam die große Mühlenkrise, das Rad stand still. Bis vor acht Jahren der aus Zusma zugezogene Tischler und leidenschaftliche Kaffee-Röster Enno Larssen das Gebäude entdeckte. Er baute die Mühle zu einem Café um, behielt das oberschlächtige Rad – das heute wieder läuft, wenn auch nur zur Zierde – und nannte den Laden „Larssens Mühlenstube“. Geöffnet hat Enno Larssen samstags und sonntags von 14 bis 19 Uhr, im Sommer auch freitags. Er serviert selbst gemachten Rhabarberkuchen mit Baiserhaube, dazu Kaffee aus einer historischen Handmühle, die er auf einem Trödelmarkt in Kohlaschleuße ersteigert hat. Die Gäste sitzen auf alten Weizensäcken, die zu Sitzkissen umnäht wurden, und blicken durch die großen Fenster auf die Brücke und die K301, auf der alle paar Minuten ein Traktor vorbeizieht. Es ist ein Ort wie aus einem Bilderbuch, nur dass das Bilderbuch leise nach gemahlenem Roggen riecht.

Das Leben in Felfurt spielt sich größtenteils draußen ab. Im Winter, wenn der Fel zufriert und die Brücke rutschig wird, ziehen sich die 42 Bewohner in die „Guten Stuben“ zurück – das sind die Wohnzimmer der drei Gehöfte, die sich reihum für Kaffee und Kartenabende öffnen. Im Sommer aber findet man die Felfurter am liebsten am Wasser: Unterhalb der Brücke gibt es einen flachen Kiesstrand, nicht größer als ein Wohnzimmer, der offiziell keinen Namen trägt, aber von allen „die Badenuckel“ genannt wird. Hier planschen die Kinder der Familien Knopp, Bischoff und Milde, während die Mütter das Flussrauschen für ein Nickerchen nutzen.

Wer länger bleiben möchte: Die Pension „Zum alten Fel“ (K-2210 Felfurt, Nr. 4) von Ilse Milde bietet zwei einfache Doppelzimmer mit Gemeinschaftsbad. Frühstück gibt es mit Aufschnitt aus der Kreismetzgerei Rühl in Kohlaschleuße. Ein Restaurant sucht man vergeblich – aber Enno Larssen packt auf Vorbestellung gern einen Teller mit belegten Broten, und Jette Knopp verkauft ihre Radieschen ab Hof, solange der Vorrat reicht. Die nächstgelegenen Einkaufsmöglichkeiten findet man in Felmarn, fünf Kilometer südöstlich, wo es einen kleinen Dorfladen mit Postagentur gibt.
Und die Umgebung? Der Waldrandweg, der nördlich des Dorfes von der K301 abzweigt, führt in sieben Kilometern nach Steinfeld, einem idyllischen Weiler mit einer alten Schmiede. Wer lieber südwestlich wandert, erreicht nach dreizehn Kilometern Kolaquell, den höchstgelegenen Ort des Kreises, oder das etwas größere Zusma mit seinem Wirtshaus „Zum Steiger“. Noch näher liegt Felquell, nur drei Kilometer die K301 hinauf, wo der Fel entspringt – eine mächtige Quelle, die selbst im Hochsommer nicht versiegt. Die 79 Menschen, die dort oben leben, gelten in Felfurt als „Großstädter“, was den Humor des Tals treffend charakterisiert.
Felfurt ist kein Ort für eine Woche. Aber für einen Nachmittag, einen Kaffee, eine Handvoll Radieschen – dafür ist er genau richtig. Man kommt vorbei, bleibt länger als geplant, und wenn man weiterfährt, nimmt man ein leises Klappern im Ohr mit. Das Mühlenrad. Es erzählt nichts von Weltgeschichte, nur von einem Dorf, das nicht mehr will, als da zu sein.
Verkehrsverbindungen:
Straße: K301 (SO: Felmarn 5km, NW: Felquell 3km); Waldrandweg (N: Steinfeld 7km, SW: Kolaquell 13km, Zusma 13km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Kohlaschleuße
Ort: K-2210 Felfurt

