
(Pop.: 79 – 781m NN)
Tief im Herzen des Kohlgebirges, wo die Luft noch den harzigen Duft von tausendjährigen Wäldern atmet und die Stille nur vom Plätschern des jungen Fel durchbrochen wird, liegt Felquell. Mit gerade einmal 79 Einwohnern auf 781 Metern Höhe ist es einer der kleinsten Ort des Landkreises Kohlaschleuße und dennoch einer seiner geheimnisvollsten. Wer hierher findet, hat entweder den Feltalweg mit Bedacht gewählt – oder sich gründlich verfahren. Beides wäre ein Glücksfall.
Der Ortsname selbst ist eine Widmung, eine geografische Notwendigkeit: Fünf Kilometer oberhalb des Dorfes in einer Mulde zwischen moosbewachsenen Felsblöcken, tritt der Fel aus dem Gestein zutage, noch ein schmales Rinnsal, das den Grundstein für eines der wasserreichsten Täler Kohlonias legt. Die ersten Siedler, die sich im 16. Jahrhundert hier niederließen, suchten nicht die malerische Idylle, sondern das, was das Gebirge verbarg: Erze und vor allem Holz. Die Wälder um Felquell sind eine Kathedrale aus Fichten und Tannen, deren Stämme so gerade und massiv sind, dass sie noch heute ihresgleichen suchen.

Das Herzstück des Dorfes ist die kleine Fachwerkkirche von 1741. Sie ist kein prunkvoller Bau, sondern ein Zeugnis bergtaler Bescheidenheit. Das Holz, aus dem sie gezimmert ist, stammt aus den umliegenden Hängen, und der Altar – ein Meisterwerk schnörkelloser Volkskunst – wurde aus einer einzigen, mächtigen Fichte geschnitzt, deren Wurzeln einst genau dort im Boden verankert waren, wo heute der Glockenstuhl leise im Wind knarrt. Neben der Kirche liegt die Käserei Felquell, ein kleiner, weiß gekalkter Bau, aus dessen Fenstern ein würzig-herber Duft nach Bergkäse dringt. Hier verarbeitet Käsermeister Konstantin Weiß die Milch der wenigen Kühe, die noch oberhalb von Felquell weiden. Sein „Felqueller Steinbock“ ist eine lokale Legende: ein Laib von fast unverschämter Härte, der auf der Zunge zergeht und den man in keiner guten Gaststube des Tals vermissen möchte.

Etwas abseits, am nördlichen Ortsausgang, steht die Sägerei von Gunnar Pusch. Seit drei Generationen rauschen hier die Bänder, wenn die Holzriesen vom Hang gebracht werden. Gunnar ist ein stiller, kräftiger Mann, der auf Nachfrage von den „Klopfern“ erzählt – jenen geisterhaften Geräuschen im Wald, die Bergleute und Holzfäller seit jeher in den Nächten vor einem Unwetter hören wollen. Die Pharmakologin Leonie Schmidt aus Butha hört nicht auf solche Gerüchte, sie sucht Belege der anderen Art. Mehrmals im Jahr ist sie in den Wäldern oberhalb des Dorfes unterwegs, um seltene Heilpflanzen zu sammeln. Im vergangenen Herbst entdeckte sie hier ein Vorkommen des „Silbernen Felspor“ , einer Lebermoosart, die nur auf Quarzitadern wächst und deren Extrakt in der modernen Wundheilung neue Maßstäbe setzen könnte.

Zum Ort gehören zwei einsame Weiler, die sich wie Ausrufezeichen an die steilen Hänge schmiegen. Hoch über Felquell, auf 851 Metern, liegt Felhütte – ein Weiler mit gerade einmal fünf Bewohnern. Die Therapeutin Sofia Lindqvist hat sich hierher zurückgezogen und empfängt Menschen, die Erschöpfung, Trauer oder Orientierungslosigkeit mit sich tragen. Ihre Therapie ist ungewöhnlich: Sie findet im Wald statt, auf einer Holzbank am Bach oder bei einer Tasse Tee in ihrer kleinen Veranda. Geld verlangt sie nicht, nur eine Spende nach eigenem Ermessen. Direkt nebenan betreibt Marlene Kampmann das „Felstüberl“ – eine Köhlerhütte, die zur Gastwirtschaft wurde. Es gibt keinen Wasserhahn im Haus, dafür den Fel vor der Tür, dessen kaltes Wasser in Krügen auf den Tisch kommt. Die Pritschen duften nach Fichtenharz, und Marlene kocht, was Wald und Jagd hergeben: Wildschweingulasch, geräucherte Forelle, selbst gepresste Knödel. Dazu fließt Felqueller Bier vom Fass oder ein erlesener Blaufränkisch. Von hier aus brechen Wanderer auf: Der steile Pfad auf den Felberg (1.261 Meter) belohnt mit einem Blick bis zum Nordmeer. Nach Süden führt ein 15 Kilometer langer Waldweg nach Kolaquell, nach Norden sind es 9 Kilometer bis Boxahüttel. Felhütte ist kein Ort der Bequemlichkeit – aber einer der Seele.
Der andere Weiler, Steinfeld (29 Einwohner, 721 Meter), liegt am Waldrand nördlich von Felquell. Hier hat sich eine kleine Gemeinschaft von Imkern angesiedelt, deren „Felqueller Waldhonig“ eine zarte Note von Tannen und Heidelbeeren trägt.

Das Leben hier folgt einem eigenen Rhythmus. Es gibt keine Bankfiliale, keine Einkaufsstraße, keine Tankstelle. Wer sein Brot braucht, wandert hinunter nach Felfurt (3 km). Wer Hilfe braucht, geht zu Hildegard Flemming, der Gemeindereferentin, die im Pfarrhaus neben der Kirche jeden Nachmittag ein offenes Ohr für die Bewohner der umliegenden Höfe hat. Wer einfach nur den Feierabend genießen möchte, kehrt im einzigen Gasthaus des Ortes ein, der „Felquelle“ . Wirt Alban Ziesak serviert Wildragout von den Hirschen, die nachts über die K301 wechseln, dazu selbst gepresste Knödel und das dunkle, fast malzige Felqueller Bier, das in einer kleinen Mikrobrauerei direkt hinter der Sägerei gebraut wird.
Felquell ist kein Ort für Eile und schon gar nicht für Luxus. Er ist ein Ort des Durchatmens, ein Ort, an dem die Zivilisation an der nächsten Wegbiegung endet und das Gebirge beginnt. Wer die Stille liebt und den Geschmack von echter, fast spröder Ursprünglichkeit sucht, wird hier das finden, was er anderswo vermisst: ein kleines, etwas vergessenes Paradies am Anfang eines großen Tals.
Verkehrsverbindungen:
Straße: K301 (SO: Felfurt 3km); Feltalweg nach Felhütte, Waldweg nach Steinfeld
Land: Kohlonia
Landkreis: Kohlaschleuße
Orte: K-2190 Felquell, K-2191 Steinfeld (Kohlonia), K-2192 Felhütte

