
(Pop.: 81 – 601m NN)
Dass im Ortsnamen Kolaquell das „h“ fehlt, das in Kohlonia bei fast jeder geographischen Bezeichnung mit „Kohle“ oder „Kohl“ enthalten ist, hat immer wieder zu Spekulationen geführt. Die amüsanteste stammt aus den 1920er Jahren: Die Zechenleitung habe damals, so wird im Dorf gern erzählt, die Bergleute vom Bierkonsum zum Cola-Trinken bewegen wollen – ein Versuch, der kläglich scheiterte, aber angeblich im Ortsnamen verewigt wurde. Die Wahrheit ist profaner und doch typisch für das Kohlgebirge. „Kola“ ist die alte mundartliche Form des Flussnamens Kohla, die sich im obersten Talabschnitt noch bis ins 19. Jahrhundert hielt. Als das Bergwerk 1873 seinen Namen erhielt, griff man auf diese urtümliche Lautung zurück. „Quell“, weil hier, fünf Kilometer oberhalb des Dorfes am Hang des Kolabergs, die Kohla als schmales Rinnsal entspringt.

Kolaquell liegt am oberen Ende des Tals auf 601 Metern Höhe und ist damit der höchstgelegene Ort des Landkreises Kohlaschleuße. Nur 81 Menschen wohnen hier, verstreut auf wenige Häuser um die kleine Kirche mit ihrem schindelgedeckten Turm aus dem Jahr 1682 und die ehemalige Bergwerkssiedlung. Wer aus dem Tal heraufkommt – über die B301, vorbei an Zusma mit seiner rauchenden Brikettfabrik –, dem öffnet sich erst auf den letzten Metern der Blick auf das Dorf, das zwischen Wald und Kamm wie eine letzte Bastion vor dem Kohlgebirge steht. Die Kohlbahn verkehrt auf der Linie 14 von Kohla aus im Zweistundentakt zwischen 6:35 und 20:35 Uhr; ihr Endhaltepunkt liegt direkt an der Bahnhofsgaststätte, als hätte man die Gleise einst nur gelegt, um hungrige und durstige Wanderer genau dort abzuliefern, wo Hannelore und Dieter Freitag sie mit dampfenden Pilzgerichten empfangen.

Die Grube Kolaquell, 1975 als erste des gesamten Reviers geschlossen, ist heute als technisches Denkmal erhalten und für Besucher befahrbar. Über Tage wurden die Tagesanlagen restauriert: das Fördermaschinenhaus mit seiner elektrischen Trommelfördermaschine von 1923, die Schwarzkaue, in der sich die Bergleute einst umzogen, und das Zechenbüro, dessen Schichtbücher von zwölfstündigen Tagen unter Tage erzählen. Unter Tage führt ein befestigter Rundgang vierhundert Meter in den Berg hinein, vorbei an Abbaustrecken, in denen noch die Pickelspuren der Hauer zu sehen sind. Es riecht nach feuchtem Stein und einer Prise Kohlenstaub, die sich nie ganz auswaschen ließ. Jeden zweiten Samstag im Monat führt Viktor Lehmann Besuchergruppen durch die Stollen, ein Mittsechziger mit vom Kohlestaub gezeichneter Stimme, der mit trockenem Humor erklärt, die Kameraden von damals hätten „Kohle im Blut“ gehabt und nicht im Kopf. Eine kleine Bergkapelle, von der Grube aus über einen kurzen Pfad erreichbar, öffnet jeden Abend ihre Tür zur stillen Andacht – ein Ort, an dem das leise Summen der Lüftungsanlage aus dem Besucherbergwerk das einzige Geräusch ist, das an die Vergangenheit erinnert.
Das kirchliche Leben teilen sich Pfarrerin Nina Svensson aus Kohlaschleuße und der ehrenamtliche Lektor Matthias Krämer. Am ersten und dritten Sonntag im Monat läutet die Glocke der kleinen Kirche um zehn Uhr; an den übrigen Sonntagen wandern die Gläubigen hinunter nach Zusma zur Ursula-Kapelle. Der Friedhof neben der Kirche ist überschaubar, und auf vielen der verwitterten Grabsteine stehen die Namen längst vergangener Hauerfamilien, deren Nachkommen längst in die Stadt gezogen sind.

Oberhalb des Dorfes erstreckt sich der Kolaqueller Gemeindewald, ein Mischwald aus Fichten, Buchen und vereinzelten Bergahornen, bewirtschaftet von einer kleinen Forstgenossenschaft unter dem Vorsitz von Josef Hinteregger, der selbst im Dorf wohnt und darauf achtet, dass jeder gefällte Stamm durch eine Neupflanzung ersetzt wird. Das Holz der Bergahorne findet seinen Weg in die Drechslerei von Lukas Wagenfeld, der am östlichen Dorfrand in einem umgebauten Stallgebäude arbeitet. Wagenfeld, ein gelernter Holzmechaniker Anfang vierzig, kam vor zehn Jahren der Liebe wegen hierher und blieb, weil ihn die Ruhe des Tals nicht mehr losließ. Er fertigt Schalen, Löffel, Nudelhölzer und filigrane Pfeffermühlen, die nach Harz und Bienenwachs duften und im kleinen Laden neben der Werkstatt verkauft werden.
Tourismus hat in Kolaquell eine ältere Tradition, als die erhaltenen Fördermaschinen vermuten lassen. Früher galten die Wanderwege von hier hinauf zum Kamm des Kohlgebirges – auf den Kolaberg mit 1304 Metern und den Zusmo mit 1201 Metern – als Naherholungsgebiet für die Bürger von Kohla. Damals gab es auch noch ein Sanatorium, das gestressten Großstädtern Erholung bot. Heute ist das Sanatorium geschlossen, doch die Wanderwege sind geblieben, und zu den Erholungssuchenden haben sich Technik- und Bergbauinteressierte gesellt, die das authentische Zeugnis einer untergegangenen Industrie suchen.

Wer in Kolaquell übernachten möchte, findet im kleinen Hotel „Zur Quelle“ ein Quartier mit Geschichte. Theresa Brenner führt das Haus mit fünf Gästezimmern in einem umgebauten ehemaligen Zechenbeamtenhaus von 1904. An den Wänden hängen Grubenlampen und historische Fotografien, und das Frühstück – selbstgebackenes Brot, Eier von den eigenen Hühnern, Honig aus der Nachbarschaft – wird im Wintergarten mit Blick auf die bewaldeten Hänge serviert. Am Abend sitzt man in der Bahnhofsgaststätte der Familie Freitag, wo Dieter Freitags Steinpilzrahmsuppe mit frischem Bauernbrot und seine hausgemachten Maronen-Ravioli selbst Einheimische aus Zusma an den Tisch locken. Die Pilze sammelt er selbst, und wer ihn nach den besten Stellen fragt, erntet ein undurchdringliches Lächeln und die Antwort: „Guter Pilzgrund bleibt Familienehrensache.“
Kolaquell ist ein Ort, der sich nicht aufdrängt. Kein Durchgangsverkehr, keine aufdringliche Beschilderung, keine Souvenirläden. Wer hierherkommt, sucht etwas Bestimmtes: die Stille des Hochtals, den Geruch von feuchtem Stein unter Tage, eine Schale aus heimischem Ahorn oder einfach nur einen Teller Pilzsuppe, während draußen die Kohlbahn zur Rückfahrt nach Kohla bereitsteht.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 14 (Kohlbahn) aller 2 Stunden 6:35-20:35 nach Kohla
Straße: B301 (O: Zusma 5km); Industriestraße zur Grube Kolaquell; befestigter Waldweg nach Felfurt; Wanderwege hinauf ins Kohlgebirge
Land: Kohlonia
Landkreis: Kohlaschleuße
Ort: K-2170 Kolaquell

