(Pop.: 3.420 – 201m NN)

In Novatal lässt sich der Übergang vom Gebirge in die Ebene auf wenigen Schritten erleben. Nordöstlich der Stadt drängt sich die Nova noch schäumend zwischen Felsblöcken und bewaldeten Hängen hindurch, südlich des Zentrums zieht sie bereits breit und ruhig durch die Felder des Blumenthals. Genau an diesem Landschaftswechsel, auf 201 Metern Höhe, liegt die Kreisstadt mit ihren 3.420 Einwohnern. Hier mündet der Ulveelv in die Nova, hier endet der Gebirgsbach und beginnt der schiffbare Fluss. Für Novatal war diese Lage über Jahrhunderte wichtiger als jede Stadtmauer: Holz kam aus dem Zentralmassiv, Getreide aus der Ebene, und beides musste am Flusswechsel neu verladen werden. Die Flößer banden Stämme zu langen Verbänden zusammen, während Schiffer ihre flachen Lastkähne an den Speichern unterhalb des Marktes festmachten.

Die Altstadt nimmt das rechte Ufer ein. Vom Fluss führt die kurze Zollgasse zum gepflasterten Marktplatz, dessen Häuser weder geschlossen noch repräsentativ wirken, sondern wie ein über Jahrhunderte gewachsenes Nebeneinander aus Schifferhöfen, Werkstätten und kleinen Bürgerhäusern. Das Rathaus befindet sich im ehemaligen Kornspeicher an der Marktstraße 6. Im Erdgeschoss liegen das Bürgerbüro und die Kreisverwaltung, darüber der Sitzungssaal, in dem öffentliche Gemeindeversammlungen stattfinden.

Am unteren Ende des Marktes steht die Stadtkirche St. Florentia am Strom. Der gedrungene Bruchsteinbau besitzt einen breiten Westturm und ein steiles Schindeldach, das den kräftigen Schneefällen am Rand des Zentralmassivs standhält. Im Chorfenster ist Florentia I. mit einer Pflanze in der einen und einem Flussmodell in der anderen Hand dargestellt. Die historische Herrscherin gründete 755 das alte Blumenland entlang der Nova und begründete damit eine botanische und landwirtschaftliche Tradition, die das Land bis heute prägt. Pest, Überfälle und der politische Zusammenbruch des 9. Jahrhunderts beendeten diese frühe Epoche; eine dauerhafte Neuordnung gelang erst im Hochmittelalter. Pfarrerin Johanna Reuter betreut die Gemeinde gemeinsam mit Kirchenmusiker Milan Horvat. Neben Gottesdiensten gibt es einen Flussschifferkreis, einen Kinderchor und die Gruppe „Offene Tafel“, die jeden Mittwoch im Gemeindehaus kocht. Beim Florentiafest im Mai werden Boote mit Zweigen und Papierblumen geschmückt und am Abend unterhalb der Kirche zu Wasser gelassen.

Unter dem Pflaster des Kirchplatzes liegen Mauerzüge eines befestigten Handelshofes aus der Zeit der Wiederbesiedlung. Ein Teil wurde unter Glas sichtbar gemacht; weitere Fundamente verlaufen unter Kirche und Pfarrgarten. Archäologin Dr. Leona Martens von der Technischen Hochschule führt im Sommer an jedem zweiten Sonnabend über das Grabungsfeld. Sie vermutet, dass der Handelshof Waren aus den beiden Gebirgstälern kontrollierte und zugleich Schutz bot, bevor auf dem Fels über der Stadt die Burg Novawacht entstand.

Das frühere Zollhaus am Fluss beherbergt heute das Kreismuseum. Seine niedrigen Gewölbe sind mit Modellen alter Flöße, Werkzeugen der Papiermacher, Schiffsglocken und Karten der Bergbahnen gefüllt. Besonders anschaulich ist ein hölzernes Stadtmodell, an dem Museumsleiter Arvid Schenk die Entwicklung der Uferanlagen erklärt. Kinder dürfen an einer kleinen Ladestation ausprobieren, wie Getreidesäcke und Baumstämme so verteilt werden mussten, dass ein Lastkahn nicht Schlagseite bekam. In einem eigenen Raum erinnert die Ausstellung „Hinauf ins Massiv“ an die 1898 eröffnete Eisbergbahn. Sie begann ursprünglich am Novataler Kleinbahnhof. Seit 1972 führt eine Verbindung vom Hauptbahnhof um die Stadt herum dorthin; nach dem Fahrtrichtungswechsel setzt der Zug seine Fahrt durch das Ulveelv-Tal über Qul und Talkapelle bis zum 1.734 Meter hohen Eisberg fort.

Jenseits der Flussbrücke verändert sich Novatal. Das linke Ufer wird von Gleisen, Ladeplätzen, Werkhallen und dem langgestreckten Hauptbahnhof beherrscht. Hier treffen sich Zentralmassivbahn, Novatalbahn und Eisbergbahn, ohne dass Novatal den Eindruck einer großen Eisenbahnstadt erweckt. Zwischen den Bahnsteigen stehen Blumenbeete, im Empfangsgebäude arbeiten eine Fahrkartenausgabe, eine Gepäckannahme und das kleine Bahnhofscafé „Drehscheibe“.

Größter Betrieb dieses Stadtteils ist die Papierfabrik Novaquell. Sie verarbeitet Holz aus den Kreisforsten und vorsortiertes Altpapier zu Karton, Zeichenpapier und besonders widerstandsfähigem Fahrplankarton. Produktionsleiterin Marit Engel führt Besuchergruppen durch den älteren Werksteil, in dem Wasserzeichen noch mit wechselbaren Siebformen erzeugt werden. Gleich nebenan druckt Tal & Type Wanderkarten, Gemeindeblätter und kleinformatige Reiseführer. Freitags öffnet Setzer Gabriel Okafor die Werkstatt für Gäste. Dann klappern die Typenkästen, die historische Handpresse wird eingefärbt, und Besucher können eine Postkarte mit dem Umriss der Novawacht drucken.

Am Mühlengraben arbeiten mehrere kleinere Werkstätten. Die Schlosserei Fels & Feder fertigt Geländer, Brückenbeschläge und Ofentüren; bei „Radlauf“ repariert Mechanikerin Esra Demir Alltagsräder ebenso wie robuste Tourenräder für die Gebirgswege. Steinmetz Henrik Lauen bearbeitet den dunklen Stein des Drosener Rückens, und in der Bootswerft Kellner entstehen flache Ausflugskähne für die mittlere Nova. Werftmeister Samuel Kellner setzt beim Bau auf breite Rümpfe und geringen Tiefgang. Die Boote müssen ruhig genug für Reisegruppen, aber wendig genug für die schmaleren Abschnitte oberhalb von Noramünde sein.

Einen ungewöhnlich großen Stellenwert für eine Stadt dieser Größe besitzt die Technische Hochschule Novatal. Ihr Campus liegt zwischen Bahnhof und Mühlengraben in den sanierten Hallen eines ehemaligen Holzlagerplatzes. Die Hochschule ist bewusst praxisnah ausgerichtet und arbeitet eng mit den Betrieben des Kreises zusammen. Angeboten werden dreijährige Ausbildungswege in Papier- und Verpackungstechnik, Druck- und Medienhandwerk, Forstbetriebstechnik, Wasserbau sowie Schienenfahrzeugwartung. Hinzu kommen zweijährige Fachausbildungen für Bootsbau, Kartografie und alpine Infrastruktur. Im Studiengang „Bergbahn- und Seilsystemtechnik“ untersuchen die Lernenden Bremsanlagen, Zahnstangen, Stützmauern und winterfeste Stromzuführungen. Leiterin Prof. Dr. Elin Varga legt Wert darauf, dass Theorie und Werkstattunterricht nicht getrennt werden. Im ersten Semester fertigen alle Studierenden ein verwendbares Objekt an, je nach Fachrichtung einen Papierbogen, eine gedruckte Karte, ein Messgerät oder ein Bauteil für die Bahnwerkstatt.

Das Kreiskrankenhaus „Am Nova-Ufer“ steht etwas südlich des Bahnhofs in einem hellen, dreigeschossigen Bau mit 48 Betten. Es übernimmt die Grundversorgung des gesamten Landkreises und verfügt über Innere Medizin, eine kleine Chirurgie, Geburtshilfe, Röntgendiagnostik und eine rund um die Uhr besetzte Notaufnahme. Chefarzt Dr. Matteo Rinaldi entwickelte gemeinsam mit der Bergwacht eine Versorgungskette für Verletzte aus dem Zentralmassiv. Eine physiotherapeutische Abteilung behandelt besonders häufig Forstarbeiter, Bahnmitarbeiter und Wanderer. Das Krankenhaus betreibt außerdem Außen-Sprechstunden in Altenow und Talkapelle, damit Menschen aus abgelegenen Orten nicht für jede Kontrolle in die Kreisstadt reisen müssen.

Für Einkäufe konzentriert sich Novatal auf kurze Wege. Die Markthalle am Brückenkopf öffnet an sechs Tagen in der Woche. Dort verkaufen Betriebe aus der Blumenthal-Ebene Gemüse, Getreide, Käse und Obst, während Händler aus den Bergtälern Honig, Pilze, Wolle und Kräuter anbieten. Bäckerin Linh Petersen ist für ihr kräftiges Nova-Krustenbrot bekannt. Die Apotheke „Zum Bergquell“, zwei Lebensmittelgeschäfte, eine Postannahme und die Buch- und Kartenhandlung „Flussseite“ decken den übrigen Bedarf. Große Einkaufsstraßen sucht man vergeblich; dafür begegnet man denselben Menschen morgens in der Markthalle, mittags am Bahnhof und abends im Brauhaus.

Die Brauerei Nova-Sprung am alten Hafen gehört zu den verlässlichsten Treffpunkten der Stadt. Ihr helles Talbier ist mild und leicht gehopft, das dunkle Waldmalz schmeckt kräftiger und leicht rauchig. Der Eisbergbock wird nur im Winter ausgeschenkt. Braumeisterin Annika Voss lässt ihn mehrere Wochen in einem kühlen Felsenkeller lagern. Zum Brauhaus gehören ein Saal für Vereinsabende und ein Gästehaus mit zwölf schlichten Zimmern. Im Sommer stehen die Tische direkt am Kai, wo Ausflugsschiffe nach Noramünde und Altenow ablegen.

Eine ruhigere Einkehr bietet das Waldhaus im kommunalen Wildpark südlich der Stadt an der B5. Rotwild und Mufflons leben in weitläufigen Waldgehegen, Luchse und Wildkatzen in dicht bepflanzten Rückzugsbereichen. Gebirgsziegen klettern über eine künstlich angelegte Felswand. Das Waldhaus informiert über Schutzwaldpflege, abschnittsweise Holzernte und Wiederaufforstung. Die Kreisforsten liefern unter anderem Holz an Novaquell, werden jedoch so bewirtschaftet, dass ältere Bestände und Lebensräume erhalten bleiben. Im Sommer verwandelt sich der Innenhof in einen Biergarten, dessen Tische unter hohen Buchen stehen.

Oberhalb Novatals beginnt der steile Weg zur Ruine Novawacht. Von der Burg sind Teile der Ringmauer, ein Torbogen und der Bergfried erhalten. Der Turm dient als Aussichtspunkt: Im Süden öffnet sich die Blumenthal-Ebene, westlich zieht der Drosener Rücken entlang, und im Norden stehen die ersten Gipfel des Zentralmassivs. Bei klarer Sicht lässt sich verfolgen, wie die Nova aus dem Gebirge tritt und sich unterhalb der Stadt beruhigt. Der Aufstieg dauert vom Markt kaum eine Stunde, führt aber stellenweise über alte, unebene Stufen.

Übernachten kann man im Hotel „Am Flusswechsel“ an der Uferstraße 10, dessen 26 Zimmer zum Fluss oder zur Novawacht weisen. Der Gasthof „Zur Bergbahn“ gegenüber dem Kleinbahnhof bietet eine einfachere Unterkunft und ein frühes Frühstück für Wanderer. Mehrere ehemalige Schifferhäuser in der Zollgasse wurden zu Ferienwohnungen umgebaut. Empfehlenswert ist das Haus „An der alten Lände“, das von Miriam und Søren Ehlers betreut wird und noch einen überwölbten Lagerkeller besitzt.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Eilzüge der Zentralmassivbahn 8:56, 12:56 und 16:56 über Polausi nach Bosheim Hbf, 20:56 nach Polausi; 9:53, 13:53 und 17:53 über Paulstedt nach Nudeltopf Hbf, 21:53 nach Paulstedt; Regionalbahnen ZMB18A stündlich 6:01-21:01 nach Blue River, 6:49-18:49 über Paulstedt, Weishaus, Münchhausen nach Nudeltopf Hbf, 19:49 nach Münchhausen, 20:49 nach Weishaus, 21:49 nach Paulstedt; Novatalbahn (BLB115) stündlich 6:00-20:00 über Novafurt nach Muldmünde, 21:00 nach Novafurt; Eisbergbahn stündlich 7:05-18:05 über Talkapelle zum Eisberg (1734m NN), 19:05 nach Talkapelle

Straße: B5 (S: Noramünde 14km); B63 (W: Brenin 6km, O: Fuhrmannstedt 19km); L1 im Ulveelvtal (N: Qul 5km); L2 im Novatal (NO: Boxa 11km); Radwege an der Nova

Land: Blumenland
Landkreis: Novatal
Gemeinde: B-7000 Novatal