
(Pop.: 112 – 58m NN)
Wer Greifenfels sucht, findet es genau dort, wo sich die B4 und die B64 kreuzen – ein stiller, fast unscheinbarer Knotenpunkt in der weiten Blumenthal-Ebene. Die 112 Einwohner, die hier leben, könnten behaupten, ihr Dorf sei das heimliche Zentrum des Landkreises Komerz, denn von hier aus ist man in wenigen Minuten überall: Im Nordwesten lockt das größere Wittstock mit seinem Wald und der Kirche St. Maria, im Süden liegt das kleine Opera nur vier Kilometer entfernt, und wer in die andere Richtung fährt, erreicht nach vierzehn Kilometern das malerische Seyde an der Glanzrinne oder nach zehn Kilometern Zooheim im Osten. Doch wer in Greifenfels ankommt, der bleibt nicht wegen der guten Verkehrsanbindung – der bleibt wegen einer besonderen Atmosphäre, die sich nur schwer in Worte fassen lässt.
Vielleicht liegt es an den Gärten, die das Dorf umgeben wie ein grüner Gürtel und in denen im Sommer der Duft von Lavendel und Tomatenblättern liegt. Oder an den Feldern, die sich bis zum Horizont ziehen und deren goldene Ähren im Wind Wellen schlagen, als würde die Ebene selbst atmen. Die Häuser von Greifenfels sind aus hellem, verwittertem Stein, viele von ihnen von Efeu überwuchert, und die Straßen sind so schmal, dass zwei Fuhrwerke kaum aneinander vorbeikämen – nicht, dass es hier noch viele Fuhrwerke gäbe. Die Ruhe ist es, die einen beim ersten Schritt auf das Pflaster umfängt, eine Ruhe, die nur gelegentlich vom Knattern eines Traktors oder dem Kläffen eines Hofhundes durchbrochen wird. Man sagt, der Name des Dorfes gehe auf eine alte Legende zurück: Vor Jahrhunderten, so erzählt man sich, habe ein Ritter auf der Flucht vor einem Unwetter hier Rast gemacht und in den Felsen über dem Tal einen Greif erblickt, der über seine Beute wachte. Der Ritter habe an dieser Stelle eine Kapelle gelobt – und obwohl nie eine gebaut wurde, blieb der Name Greifenfels haften. Ob die Geschichte stimmt, weiß niemand so genau, aber die Greifenfelser halten eisern an ihr fest.

Das Herz des Dorfes aber ist nicht etwa eine Kirche – die gibt es hier nicht, der nächste Gottesdienst findet in Wittstock statt –, sondern ein unscheinbares Gebäude mit verwitterter Tür, in dem sich das Dorfmuseum befindet. Wer eintritt, betritt eine Welt des Kuriosen. Hier sammelt der pensionierte Lehrer Eberhard Tannhäuser seit über vierzig Jahren, was andere wegwerfen: Streichhölzer in allen erdenklichen Formen und Farben, darunter einige der berühmten Seyder Streichhölzer, Büroklammern in Dutzenden von Größen, aber auch Knöpfe, Kronkorken, leere Zigarrenkisten und ein halbes Dutzend längst vergessener Brieföffner. „Das ist keine Sammlung von Gegenständen“, pflegt Tannhäuser zu sagen, „das ist eine Sammlung von Geschichten.“ Und tatsächlich kann er zu jedem einzelnen Stück eine Anekdote erzählen – von der Büroklammer, die einst die Papiere eines Komerzer Whisky-Händlers zusammenhielt, bis zu den Streichhölzern, die in der Seyder Fabrik vor dem großen Brand von 1968 gerettet wurden. Das Museum ist nur sonntags geöffnet, aber dann strömen nicht nur Dorfbewohner, sondern auch neugierige Reisende aus der Kreisstadt herbei, um sich von Tannhäusers Sammelleidenschaft anstecken zu lassen.

Gegenüber dem Museum, etwas versteckt hinter einer hohen Hecke, befindet sich das gemeinschaftlich bewirtschaftete Gewächshaus der Greifenfelser. Ein gläserner Bau von erstaunlicher Größe für ein so kleines Dorf, in dem Tomaten, Gurken und Paprika gedeihen, aber auch exotischere Pflanzen wie Ingwer und Chili. Betrieben wird es von einer Genossenschaft, der fast jeder Haushalt des Dorfes angehört. Den Vorsitz hat die ehemalige Gärtnerin Margarete Bornholdt inne, eine Frau mit wettergegerbtem Gesicht und flinken Händen, die jeden Setzling kennt, als wäre es ihr eigenes Kind. Jeden Samstagmorgen treffen sich die Mitglieder zur gemeinsamen Ernte, und wer mitanpackt, darf sich am Ende mit Körben voller Gemüse beladen. „Das ist unser Supermarkt“, scherzt Bornholdt gern, und tatsächlich ersetzt das Gewächshaus für viele Familien den Gang zum nächsten Laden. Im Winter, wenn draußen die Felder brach liegen, leuchtet der gläserne Bau wie ein grüner Leuchtturm in der Ebene, und es ist kein seltener Anblick, wie die Dorfbewohner bei Schneetreiben in dicken Mänteln durch die Tür treten, um nach dem Rechten zu sehen.

Wer sich in Greifenfels umsieht, dem fällt bald die kleine Autowerkstatt am östlichen Ortsrand auf, die von dem gelernten Mechaniker Klaus-Dieter Wernicke betrieben wird. Drei Hebebühnen, ein Ölofen und ein Regal voller Ersatzteile – mehr braucht es nicht, um die Fahrzeuge der Umgebung am Laufen zu halten. Wernicke ist bekannt für seine Fähigkeit, jedes noch so verrostete Gefährt wieder zum Schnurren zu bringen, und sein Ruf reicht weit über die Dorfgrenzen hinaus. Es kommt vor, dass Bauern aus Opera ihre Traktoren vorbeibringen oder Pendler aus Wittstock auf dem Weg zur Arbeit einen kurzen Stopp einlegen, um den Reifendruck prüfen zu lassen. Wernicke arbeitet mit seiner Tochter Silke, die vor zwei Jahren ihre Meisterprüfung abgelegt hat und nun die elektronischen Diagnosen übernimmt – ein Generationenwechsel, der im Dorf mit Erleichterung aufgenommen wurde, denn ohne Wernickes Werkstatt wäre mancher Hof aufgeschmissen.

Und dann ist da noch die ZeroWaste Management KG, ein kleines, aber ambitioniertes Unternehmen, das sich der Abfallwirtschaft verschrieben hat. Gegründet wurde es vor fünf Jahren von dem Umweltwissenschaftler Dr. Henrik Vogelsang, der aus der Hauptstadt Nova nach Greifenfels zog, weil er hier, wie er sagt, „noch etwas bewegen“ könne. Die Firma hat ihren Sitz in einer umgebauten Scheune am nördlichen Dorfausgang und beschäftigt neben Vogelsang selbst drei Angestellte. Ihr Geschäftsmodell ist ebenso einfach wie genial: Sie sammelt im gesamten Landkreis Komerz Plastik, Glas und Papier ein, sortiert es und verkauft es an Recyclingbetriebe weiter. Doch was die ZeroWaste Management KG von anderen Entsorgungsfirmen unterscheidet, ist ihr pädagogischer Anspruch. Vogelsang und sein Team bieten Workshops für Schulen und Vereine an, in denen sie zeigen, wie man aus scheinbarem Müll noch Nützliches machen kann. So entstehen aus alten Plastikflaschen Blumentöpfe für das Gewächshaus, aus Glasscherben Mosaike für den Dorfplatz und aus Zeitungspapier Anzuchttöpfe für die Gärtnerei. Die Greifenfelser sind stolz auf ihr kleines Unternehmen, das ihnen nicht nur einen sauberen Ort beschert, sondern auch das Bewusstsein für Nachhaltigkeit geschärft hat.

Doch das heimliche Zentrum des gesellschaftlichen Lebens in Greifenfels ist zweifellos die kleine Küche der Köchin Zhen Liu. Sie betreibt keine Gaststätte im eigentlichen Sinne, sondern einen Catering-Service, der im ganzen Landkreis gefragt ist. Wer bei Liu bestellt, bekommt nicht einfach nur Essen geliefert – er bekommt ein Erlebnis. Die aus dem fernen Osten stammende Köchin, die vor zwölf Jahren nach Blumenland heiratete, hat es verstanden, die Aromen ihrer Heimat mit den Zutaten der Blumenthal-Ebene zu verschmelzen. Ihre Spezialität sind gefüllte Teigtaschen mit einer Füllung aus dem Gemüse des gemeinschaftlichen Gewächshauses und einer Soße, die sie aus selbst angebautem Ingwer und Chili zubereitet. Jeden Donnerstagabend öffnet sie ihre kleine Küche für das sogenannte „Liu-Dinner“ – ein Gemeinschaftsessen, bei dem die Greifenfelser und ihre Gäste an einer langen Tafel Platz nehmen und die Gerichte der Köchin probieren. Es sind diese Abende, an denen das Dorf so richtig lebendig wird, wenn sich junge und alte Bewohner, Mechaniker, Gärtner, Sammler und Umweltschützer bei einem Glas des Komerzer Whiskys zusammensetzen und Geschichten austauschen.

Wer in Greifenfels übernachten möchte, hat nur eine einzige Möglichkeit: die Pension „Zum blühenden Garten“ der Familie Krohn. Drei gemütliche Zimmer im Obergeschoss eines alten Fachwerkhauses, jedes mit Blick auf die Felder, werden von Helga Krohn geführt, einer Witwe, die ihre Gäste behandelt, als wären sie längst überfällige Verwandte. Frühstück gibt es mit Marmelade aus den Früchten ihres eigenen Gartens und frischen Brötchen vom Bäcker aus Opera. Krohn erzählt gern von den Zeiten, als Greifenfels noch ein Durchgangsort für Fuhrleute war, die hier Rast machten, bevor sie ihre Waren nach Komerz oder Nova brachten. Heute sind ihre Gäste meist Radfahrer, die die flache Ebene der Blumenthal-Ebene erkunden, oder Reisende, die dem Trubel der Kreisstadt entfliehen wollen.
Dienstleistungen sucht man in Greifenfels vergebens – es gibt keine Bankfiliale, kein Postamt, keinen Arzt. Die nächsten Einkaufsmöglichkeiten finden sich in Opera oder Wittstock. Doch das stört die Greifenfelser kaum. Sie haben ihr Gewächshaus, ihre Werkstatt, ihr Museum und ihre ZeroWaste-Manager. Sie haben die Köchin Zhen Liu, die ihnen jeden Donnerstag zeigt, dass aus einfachen Zutaten etwas Großartiges entstehen kann. Und sie haben vor allem eines: die Zeit, die hier noch ein anderes Maß hat als anderswo. Wer Greifenfels besucht, wird vielleicht zunächst irritiert sein von der Stille, von der scheinbaren Bedeutungslosigkeit dieses Dorfes in der weiten Ebene. Aber wer sich darauf einlässt, der entdeckt einen Ort, an dem das Leben noch in kleinen Kreisen verläuft – und der gerade deshalb so besonders ist.
Verkehrsverbindungen:
Straße: B4 (W: Seyde 14km, O: Zooheim 10km); B64 (NW: Wittstock 7km, S: Opera 4km)
Land: Blumenland
Landkreis: Komerz
Gemeinde: B-5180 Greifenfels

