(Pop.: 5.421 – 119m NN)

Mit über fünftausendvierhundert Einwohnern ist Wittstock die zweitgrößte Gemeinde des Landkreises Komerz, doch von hektischem Treiben ist hier nichts zu spüren. Es ist die Ruhe, die einen beim ersten Schritt auf das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße umfängt, und der Blick, der über die Dächer hinweg zu den sanften Hügeln im Westen schweift. Wittstock liegt eingebettet in eine Landschaft, die von Gegensätzen lebt: südlich und östlich des Dorfes erstrecken sich weite, goldene Felder, die im Sommer vom Wind in sanfte Wellen gelegt werden. Westlich und nördlich hingegen beginnt der Wittstocker Wald, ein etwa vier mal sieben Kilometer großes Areal, das mit seiner Stille und dem hohen Baumbestand zu ausgedehnten Spaziergängen einlädt. Hier, auf dem mit 201 Metern höchsten Punkt des Kreises, dem Hügel Comerz, entspringen die Glanzrinne und die Dimholj. Beide Bäche schlängeln sich nach Süden, um nach etwa zwölf Kilometern bei Sasnitz in das Mare Internum zu münden. An einem warmen Sommertag, wenn die Sonne durch das Blätterdach des Waldes fällt, wird der Spaziergang zum Erlebnis – und man versteht, warum die Komerzer so stolz auf ihre Region sind. Vielleicht trifft man dabei auf Förster Ralf Baumgart, der nicht nur die Pfade kennt, sondern auch die eine oder andere Geschichte über den Berg Comerz zu erzählen weiß. Er wird berichten, dass die Glanzrinne ihren Namen nicht von ungefähr trägt: Bei bestimmten Lichtverhältnissen, wenn die Sonne tief steht, soll das Wasser des Baches wie flüssiges Silber über die Steine fließen.

Das Herz des Dorfes bildet die Kirche St. Maria zur Stillen Einkehr, ein schlichter, aber eindrucksvoller Bau aus hellem Sandstein, der am Dorfplatz gegenüber dem alten Schulhaus steht. Erbaut im späten 18. Jahrhundert, besticht sie durch ihr schlichtes, klassizistisches Portal und den schlanken, weiß verputzten Turm, der weithin sichtbar ist. Das Besondere an dieser Kirche ist jedoch ihr Innenraum: Eine hölzerne Kassettendecke, die von Hand geschnitzt wurde, spannt sich über die Bänke, und das Licht fällt durch hohe, schmale Buntglasfenster, die Szenen aus dem Leben der Heiligen Cäcilia zeigen. Der Legende nach soll der Wittstocker Baumeister Konrad Färber bei der Errichtung des Turmes so tief gegraben haben, dass er auf eine unterirdische Quelle stieß – weshalb der Grundstein der Kirche heute auf einem feuchten Fels ruht, und im Sommer ein kühler Hauch aus dem Altarraum strömt. Pfarrerin Dr. Johanna Lichtenberg, eine gebürtige Komerzerin, feiert hier jeden Sonntag um zehn Uhr einen Gottesdienst, der für seine besinnlichen Predigten und den hervorragenden Kirchenchor bekannt ist. Die Gemeinde ist lebendig: Die Frauenhilfe trifft sich dienstags im Gemeindehaus, und das alljährliche Erntedankfest im Oktober, bei dem die Felder rund um Wittstock gesegnet werden, zieht Besucher aus dem gesamten Landkreis an.

Doch Wittstock wäre nicht Wittstock ohne seine Handwerker und Tüftler. Gleich gegenüber der Kirche, in der Hauptstraße 17, befindet sich der Betrieb „Der Tapetenwechsler“. Hier hat Meisterin Elena Schmidhuber ihre Werkstatt, die sich auf die aufwendige Restaurierung historischer Wandbespannungen spezialisiert hat. Wer durch das Schaufenster blickt, sieht Musterbücher mit vergilbten Papiertapeten, prachtvolle Stoffbahnen und Werkzeuge, die aus der Zeit ihrer Großmutter stammen könnten. Elena Schmidhuber ist nicht nur Handwerkerin, sondern auch eine leidenschaftliche Sammlerin von Wandverzierungen aus fünf Jahrhunderten. Sie erzählt gerne von der aufwendigen Restaurierung der Wandbespannung im Landschloss Hohenstein in der Kreisstadt Komerz, einem ihrer größten Projekte.

Ein paar Häuser weiter, in der Gartenstraße 3, hat die junge Landwirtin Mira Kolbe den UrbanGrow Gartenbau gegründet – eine Form der städtischen Landwirtschaft, die auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint. Auf einem ehemaligen Hinterhof kultiviert sie in Hochbeeten und vertikalen Türmen Kräuter, Microgreens und essbare Blüten, die sie an die lokalen Gastronomen liefert. Ihr Ansatz ist so einfach wie überzeugend: Frische, Nachhaltigkeit und ein Stück grüne Lunge mitten im Dorf. Mira Kolbe bietet auch Führungen an, bei denen sie erklärt, wie man auf kleinstem Raum Gemüse zieht – ein Konzept, das in den letzten Jahren viele Nachahmer gefunden hat.

Für das leibliche Wohl ist in Wittstock ebenfalls bestens gesorgt. Das Restaurant Lumière des Alpes in der Bahnhofstraße 9 ist ein Ort, an dem die Küche der Berge auf die Leichtigkeit des Blumenlandes trifft. Inhaber und Koch Christoph Maurer, ein ehemaliger Sternekoch aus Nova, hat sich hier seinen Traum erfüllt. Seine Speisekarte ist eine Hommage an die Alpen: Käsespätzle mit Röstzwiebeln, zartes Wiener Schnitzel, aber auch leichte Gerichte mit Kräutern aus dem UrbanGrow-Garten. Im Sommer lockt der große Biergarten unter uralten Kastanien, im Winter flackert im Kamin ein Feuer, und der Duft von geschmolzenem Käse und frisch gebackenem Brot liegt in der Luft.

Direkt nebenan, in der Bahnhofstraße 11, befindet sich das Brauhaus Felsentor. Hier braut Braumeister Thomas Weniger seit über zwanzig Jahren sein eigenes Bier. Das Felsentor-Bier ist ein kräftiges, untergäriges Dunkel, das nach Karamell und einem Hauch von Waldhonig schmeckt – eine Referenz an den nahen Wittstocker Wald. Wer das Glück hat, an einem Freitagabend vorbeizukommen, erlebt den kleinen Brauereiausschank, wenn Thomas Weniger persönlich hinter dem Tresen steht, sein Bier zapft und Anekdoten aus seiner Lehrzeit in Bierona zum Besten gibt.

Ein echter Geheimtipp ist die Bar Goldene Spirale in der Mühlgasse 2 – ein schummrig beleuchtetes Kleinod, das von der Künstlerin und Barkeeperin Livia Pflug geführt wird. Die Bar ist bekannt für ihre außergewöhnlichen Cocktails, die mit selbstgemachten Sirupen und Tinkturen zubereitet werden. Der „Wittstocker Waldmeister“ – ein erfrischender Mix aus Wodka, Waldmeisterlikör, Zitrone und einem Hauch von Minze – ist längst zur lokalen Legende geworden. Livia Pflug mischt nicht nur Getränke, sie sammelt auch die Kräuter für ihre Kreationen selbst im Wald.

Ein Ort von besonderer Bedeutung für das tägliche Leben ist die Zahnarztpraxis von Dr. med. dent. Florian Berger in der Schulstraße 5. Seine Praxis ist bekannt für ihre moderne Ausstattung und die entspannte Atmosphäre – ein Umstand, der in einem so kleinen Ort nicht selbstverständlich ist. Dr. Berger, der vor zehn Jahren aus Nova hierherzog, hat sich auf ästhetische Zahnmedizin spezialisiert und behandelt nicht nur die Wittstocker, sondern auch viele Patienten aus den umliegenden Dörfern. Für die ganzheitliche Gesundheit der Einwohner sorgt zudem die Heilpraktikerin Anna Schubert, die in der Ringstraße 12 ihre Praxis betreibt. Mit sanften Methoden, darunter klassische Homöopathie und Traditionelle Chinesische Medizin, behandelt sie vor allem chronische Beschwerden. Ihr besonderes Interesse gilt der Kräuterheilkunde: Sie führt regelmäßig Kräuterwanderungen in den Wittstocker Wald durch, bei denen sie zeigt, wo der Bärlauch wächst und wie man aus Spitzwegerich eine wirksame Salbe herstellt.

Wer Erholung sucht, findet sie im Öffentlichen Schwimmbad Wittstock am Waldweg 1, direkt am Übergang zum Wald. Das Freibad, das in den Sommermonaten geöffnet hat, ist mit einem 25-Meter-Becken, einem großen Nichtschwimmerbereich und einer breiten Liegewiese ausgestattet. Das Wasser wird durch eine natürliche Quellwasseraufbereitung gespeist – ein kleines technisches Wunderwerk, das der Bademeister und ehemalige Ingenieur Klaus-Dieter Schönfeld mit Stolz präsentiert. An heißen Tagen ist das Bad der Treffpunkt für Jung und Alt, und der Kiosk verkauft nicht nur Pommes und Eis, sondern auch das erfrischende Felsentor-Bier.

Ein weiteres Juwel des Ortes ist die Manufaktur „Sanddornparadies Wittstock“, die von der Familie Brenner in der Gewerbestraße 4 betrieben wird. Was vor dreißig Jahren mit ein paar Sträuchern am Gartenzaun begann, ist heute ein bekannter Handwerksbetrieb, der aus den leuchtend orangen Beeren des Sanddorns feinste Säfte, Öle und Liköre herstellt. Die Brenners – Vater Uwe, Mutter Karin und Tochter Franziska – bewirtschaften ein etwa fünf Hektar großes Feld südlich des Dorfes, auf dem sie die robusten, dornigen Sträucher in Reih und Glied ziehen. In der kleinen Manufaktur werden die Beeren schonend gepresst und zu kaltgepressten Ölen verarbeitet, die als Delikatesse gelten. Besonders der „Goldene Tropfen“, ein Likör aus Sanddornbeeren und einem Schuss des berühmten Whiskys der Distillerie Komerz, hat sich einen Namen gemacht. Wer die Manufaktur besucht, kann nicht nur die Produkte kosten, sondern erfährt in einer Führung auch alles über die gesundheitlichen Vorzüge der kleinen Beere – sie enthält mehr Vitamin C als eine Zitrone, weiß Franziska Brenner zu berichten.

Wittstock ist ein Dorf, das durch seine Menschen lebt. Es ist der Ort, an dem der Bäcker Klaus Morgenstern in seiner Bäckerei „Zum goldenen Korn“ in der Marktstraße 2 noch jeden Morgen um vier Uhr den Ofen anheizt, und an dem die Postagentur im Kurzwarenladen von Frau Hildegard Pohl in der Bahnhofstraße 3 untergebracht ist. Die Grundschule am Wittstocker Wald in der Schulstraße 8 ist das Bildungszentrum des Ortes; ihre knapp zweihundert Schüler werden von einem engagierten Kollegium unter der Leitung von Rektorin Sabine Mertens unterrichtet. Der Sportverein SV Wittstock 1923 nutzt den Sportplatz am Ortsrand, und die Freiwillige Feuerwehr unter der Leitung von Wehrführer Jochen Abel ist das Rückgrat der dörflichen Gemeinschaft. Wer die Seele des Blumenlandes verstehen will, der sollte einen Umweg nach Wittstock machen – denn hier, im Schatten des Comerz und im Duft des Sanddorns, findet man sie noch: die Gelassenheit und die Schönheit des Einfachen.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 1003 (Stammbahn) stündlich 6:16-21:16 nach Nova, 6:38-20:38 über Wisnitz nach Bierona, 21:38 nach Wisnitz
Straße: B64 (NW: Musenstein 8km, SO: Greifenfels 7km); L7 (W: Komerz 9km, O: Papiermühle 13km)

LandBlumenland
LandkreisKomerz
Gemeinde: B-5110 Wittstock