(Pop.: 58 – 72m NN)

Es gibt Orte, die kein lautes „Seht her!“ von sich geben. Sie liegen einfach da, eingebettet in die Landschaft, als hätte die Zeit vergessen, sie mitzunehmen. Einer dieser Orte ist Südort, ein Weiler aus neun Höfen, 58 Einwohnern und 72 Metern Höhe über dem Spiegel der nahen Sturmsee. Südort hat keinen Ortskern, keinen Marktplatz, kein eigenes Gotteshaus mit Turm und Glocke. Stattdessen reihen sich die neun Gehöfte wie aufgereihte Perlen an der östlichen Straßenseite auf, während auf der Westseite das glitzernde Band des Flusses in der Morgensonne funkelt.

Der Name des Ortes ist Programm. Südort ist der südlichste bewohnte Flecken im Landkreis Kohlatal, und man erzählt sich, dass die ersten Siedler nach 1648 von Nordort aus den Fluss hinabzogen und einfach dort Halt machten, wo der fruchtbare Auenboden in die ersten Ausläufer der Kohlsteppe übergeht. „Jetzt sind wir weit genug im Süden“, soll einer von ihnen gesagt haben – und der Name blieb. Ob die Geschichte stimmt, weiß heute niemand mehr; die Hofbesitzer zucken mit den Schultern und lächeln milde. Geschichte ist in Südort eine mündliche Angelegenheit, bewahrt von Generation zu Generation, ohne dass je viel darüber geschrieben wurde.

Das Herz des Weilers schlägt an der Kreuzung. Wo die Bundesstraße 301 auf die Landstraße K 302 trifft, steht das Gasthaus „Zum Auenwald“, ein weiß getünchtes Fachwerkhaus von 1802, das sich mit seinem schiefergedeckten Krüppelwalmdach und den grünen Fensterläden schon von weitem als letzte Bastion der Zivilisation vor dem Übergang in die Hügellandschaft der Goldküste zu erkennen gibt. An klaren Tagen reicht der Blick von der Bank vor dem Haus weit über das Kohla-Tal; an nebligen Morgen im Oktober, wenn die Schwaden aus dem nahen Auenwald aufsteigen, scheint das Gasthaus wie ein Schiff auf einem stillen, weißen Meer zu treiben. Die Wirtin Almut Lohberg, eine Frau in den Fünfzigern mit vom Herdfeuer geröteten Wangen, braut nach einem Rezept, das seit vier Generationen in ihrer Familie gehütet wird, ein eigenes Schwarzbier. Es ist tiefdunkel, fast schwarz, mit einer malzigen Süße und einer bitteren Note, die an die Kräuter des Auenwaldes erinnert. Reisende, die aus dem Westen über die Hügel kommen, machen hier gern Rast; die Flasche mit dem handgeschriebenen Etikett, das eine stilisierte Eule zeigt, findet ihren Weg bis in die Hauptstadt.

Von der Kreuzung aus führt die K 302 nach Osten, vorbei am gemauerten Stauschütz des Kanal B, der den Kohla-Fluss mit dem großen Kohlwüsten-Randkanal verbindet. Das Bauwerk von 1873 ist ein stilles Denkmal der Ingenieurskunst: Rötlicher Sandstein, gefügt ohne Mörtel, ein schweres hölzernes Schütz, das auch heute noch von Hand bedient wird. Der Kanal selbst, 31 Kilometer lang, 4,20 Meter breit und 1,80 Meter tief, zieht sich wie ein künstlicher Lebensfaden durch die östliche Talsenke und scheidet das bewässerte Gartenland von der beginnenden Kohlsteppe. Wer im Hochsommer hier entlanggeht, hört das leise Plätschern des Wassers, das die Gärtnereien am Ostufer mit dem begehrten Nass versorgt, und riecht den würzigen Duft des Kohls, der dem ganzen Landstrich seinen Namen gab. Im Winter liegt der Kanal still; dann werden die Einlaufbauwerke geschlossen, um die Böschungen vor Frostdruck zu schützen, und das gemauerte Stauschütz steht einsam in der Kälte wie ein vergessener Wächter.

Eine eigene Kirche besitzt Südort nicht; die Gläubigen des Weilers pilgern seit jeher sonntags die wenigen hundert Meter zur kleinen Kapelle St. Koloman, die 1784 von den Bauern der Umgebung in mühevoller Eigenleistung aus unbehauenem Bruchstein errichtet wurde. Das Schiff fasst etwa dreißig Personen; an der Fassade ist eine schlichte Steintafel eingelassen, die in verwitterter Schrift die Namen der Erbauerfamilien trägt – Namen wie Brandstetter, Huber, Aichinger und Kogler, die noch heute in den Höfen ringsum zu finden sind. Im Inneren empfängt den Besucher eine fast karge Stille: ein einfacher Holzaltar, geschnitzte Betbänke, an den Wänden die Stationen eines Kreuzwegs, die der Nordorter Künstler Gottfried Unseld 1821 aus heimischem Lindenholz fertigte. An hohen Feiertagen, wenn Pfarrerin Margarete Lübke aus Nordort den Gottesdienst hält, wird es eng in der Kapelle; dann stehen die Besucher bis vor die Tür, und der Duft von Weihrauch mischt sich mit der kühlen Luft, die aus dem nahen Auenwald herüberweht.

Das Leben in Südort folgt dem Rhythmus der Jahreszeiten. Im Frühjahr, wenn das Wasser der Kohla durch die Kanäle auf die Felder strömt, beginnen die Hofbesitzer mit der Aussaat. Im Sommer brummen die Melkmaschinen in den Ställen, und die Rinder der Rasse „Goldküstner“ mit ihrem dunkelbraunen Fell suchen Schutz unter den alten Eichen am Waldrand. Der Herbst bringt die Kohlernte und das alljährliche Erntedankfest, zu dem die gesamte Einwohnerschaft – alle 58 – auf dem Hof der Familie Aichinger zusammenkommt; es gibt selbstgebackenes Brot, geräucherte Forelle aus der Kohla und dazu das Schwarzbier von Almut Lohberg. Im Winter endlich kehrt Ruhe ein, die Felder liegen brach, nur das ferne Tuckern der Diesellokomotiven auf der Kohlatalbahn, deren nächster Halt sich im 13 Kilometer entfernten Viellam befindet, unterbricht zuweilen die vollkommene Stille.

Es gibt keine Schule, kein Rathaus, kein Theater in Südort. Aber es gibt die Menschen, die diesen Ort prägen. Da ist Lukas Brandstetter, 64, der jeden Morgen um sechs Uhr zum Stauschütz am Kanal B geht, um den Wasserstand zu prüfen – ein Amt, das sein Urgroßvater 1875 übernahm. Da ist Inge Kogler, die seit dreißig Jahren die Blumen vor der Kapelle pflanzt und jeden Freitag frische Kerzen aufstellt. Und da ist der zehnjährige Felix, Sohn des Huber-Hofs, der mit seinem Fahrrad über die K 302 nach Osten saust, um den Sonnenuntergang über der Steppe zu beobachten, bevor er ins Gasthaus zurückkehrt und sich eine Limonade bestellt, während die Erwachsenen am Stammtisch die Weltpolitik verhandeln. Südort mag der kleinste Ort des Kreises sein, aber er hat, wie es die Einheimischen mit einem Augenzwinkern formulieren, „die größte Ruhe“. Und genau das macht seinen stillen, unwiderstehlichen Reiz aus.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Kohlatalbahn – Linie 14 (Kohlbahn) stündlich 6:26-21:26 nach Kohla, 6:39-21:39 nach Kohlaschleuße, aller 2 Stunden 6:39-20:39 weiter nach Kolaquell
Straße: B301 (NW: Nordort 16km, S: Viellam 13km); K302 (W: Sommereck 16km, O: Winterburg 12km)

LandKohlonia
LandkreisKohlatal
Postleitzahl: K-9150 Südort