
(Pop.: 112 – 152m NN)
Wenn der zweistündlich verkehrende Triebwagen der Kohlbahn auf dem Bahnsteig von Argeno zum Stehen kommt, rührt sich meist nichts als das leise Zischen der Druckluftbremse. Kein Automat, keine Lautsprecheransage – nur ein einziges Wartehäuschen und jenseits des geschotterten Vorplatzes die erleuchteten Fenster einer Kneipe. Sie heißt »Zur letzten Schicht« und ist seit Jahrzehnten der eigentliche Treffpunkt des Ortes. Wer hier aussteigt, tut es entweder mit einem klaren Ziel vor Augen oder aus purer Neugier: Argeno, 112 Einwohner, 152 Meter über dem Meeresspiegel, eingeklemmt zwischen sattgrünen Weideflächen und den stummen Relikten eines Industriezeitalters, das man in den meisten Teilen des Landes längst abgeräumt hat.
Das Dorf liegt am südlichen Ausläufer des Kohlgebirges, nur drei Kilometer östlich des Sturmseebades Strandstedt, und gehört zum Landkreis Kohlaschleuße. Die Insellandschaft Landauris, zu deren Ländern Kohlonia zählt, ist an vielen Küstenstreifen von einer rauen See geprägt. Hier im Binnenland aber, wo sich die Hügelketten sanft in Richtung der Kreisstadt Kohlaschleuße hinaufziehen, dominieren Viehweiden und kleine Gehölze das Bild – durchsetzt von halb eingesunkenen Fördergerüsten, verrosteten Gleisen und gemauerten Schornsteinen, um die heute der Efeu wuchert. Es ist diese sonderbare Mischung aus bukolischer Idylle und stillgelegtem Bergbau, die Argeno seinen eigentümlichen Reiz verleiht.
Seinen Namen verdankt der Ort einer Flurbezeichnung, die schon in kirchlichen Steuerlisten des späten 17. Jahrhunderts auftaucht. Der Legende nach soll ein aus dem Westmassiv eingewanderter Hüttenmann namens Argenow hier den ersten Hof errichtet haben. Geschichtlich fassbar wird Argeno jedoch erst mit dem Beginn des Kohleabbaus. Die Grube Argeno förderte ab 1892 eine stark schwefelhaltige, aber energiereiche Steinkohle, die über die neu errichtete Kohlbahn in die Hauptstadt Kohla und zum Hafen von Boxbucht transportiert wurde. Noch heute erinnert die massive Eisenbrücke über den Mahlbach an jene Jahre, in denen an dieser Stelle täglich zwanzig vollbeladene Loren rumpelten. Die Grube prägte das Dorf, und sie bestimmt noch immer seinen Rhythmus, obwohl die Förderung 1987 eingestellt wurde. Anders als die ebenfalls stillgelegte Zeche Zusma II, deren Übertageanlagen man zurückgebaut hat, wurde Argeno in einem bemerkenswerten politischen Beschluss der kohlonischen Landesregierung nicht abgewickelt, sondern konserviert. Die Schächte sind verwahrt, die Maschinen mit einem fettigen Film aus Korrosionsschutz überzogen, die Tagesanlagen versiegelt. Argeno dient als nationale Reserve – ein eingemotteter Bergbaustandort, der im Fall einer erneuten Kohleknappheit reaktiviert werden könnte. Dieses Schicksal teilt der Ort mit keinem zweiten in ganz Kohlonia, und es verleiht der Anlage eine fast museale Aura, die jedoch ohne Vitrinen und Eintrittskarten auskommt.

Zugang erhält nur, wer sich vorher anmeldet. Der Pförtner heißt Arthur Klinker, ein schweigsamer Mann mit kohlestaubverschmierten Händen, der drei Jahrzehnte unter Tage verbracht hat und heute das Gelände hütet, als wäre der nächste Fördertag schon morgen. Er führt kleine Gruppen über das umzäunte Areal: vorbei am Förderturm, dessen Seilscheiben blank poliert sind, hinein in die Kaue, wo die Lederhelme noch an den Haken hängen, und bis vor die verplombten Tore der Maschinenhalle. Das Gefühl, das sich dort einstellt, beschreiben Besucher als fast greifbare Stille – kein Vogel singt unter dem Hallendach, kein Wind rührt die staubigen Scheiben. Nur der feine Geruch von Maschinenöl und Gestein liegt in der Luft. Klinker erzählt dann von den Männern, die hier arbeiteten, von Willi Grubke, der am 30. Juni 1987 die letzte Lore zog, und von den Plänen, die längst in den Schubladen von Kohla bereitliegen, falls die Rohstoffpreise wieder in ungeahnte Höhen schnellen.

Das Dorf selbst zählt heute kaum mehr als vierzig Häuser, entlang der Bundesstraße 302 aufgereiht, die von Strandstedt nach Kohlaschleuße führt, und der kurzen Stichstraße, die sich zur alten Schmiede hinaufwindet. Dieses Gebäude, ein roter Ziegelbau mit der Jahreszahl 1889 im Giebel, ist eine der ersten Adressen für Kunstschmiedearbeiten im gesamten Landkreis. Elsbeth Hammerschmidt hat den Betrieb von ihrem Vater übernommen und fertigt mit ihrem Gesellen Tobias Wenzel Wetterfahnen, Kerzenhalter, Türbeschläge und filigranen Grabschmuck. Die meisten Stücke entstehen in Handarbeit, und wer ein besonderes Andenken an die Kohleregion sucht, kann hier einen Brieföffner in Form einer Grubenlampe erwerben oder einen Schlüsselanhänger, der die Silhouette des Förderturms nachbildet. Am zweiten Samstag im Monat feuert Hammerschmidt den großen Essehammer an und lässt sich über die Schulter schauen – ein Ereignis, zu dem sogar aus Sommereck an der Goldküste Besucher mit dem Fahrrad anreisen.

Nur ein paar Schritte entfernt, im umgebauten Stall eines ehemaligen Milchhofes, hat Felix Richter seine Glaserwerkstatt eingerichtet. Richter, ein schmaler Mann in den Fünfzigern, der früher in der Kreisstadt Kohlaschleuße eine florierende Fensterbau-Firma führte, kam vor zehn Jahren nach Argeno, um sich ganz der Restaurierung alter Bleiglasfenster zu widmen. Zwischen Schleifbank und Diamantsäge stehen bei ihm Kisten voller mundgeblasener Gläser aus zentravischen Manufakturen und solche aus der nahegelegenen Glashütte Boxbucht. Wer seine Werkstatt betritt, dem erklärt Richter bereitwillig den Unterschied zwischen Kathedralglas und Antikglas, und nicht selten endet das Gespräch bei einem Glas selbstgebrauten Mosts auf der kleinen Terrasse hinter dem Haus.

Öffentliches Leben findet in Argeno beinahe ausschließlich in der bereits erwähnten Gaststube »Zur letzten Schicht« statt. Der Wirt Hubert Brösel – Nachfahre eines Bergmanns, der 1908 aus dem Ruhrgebiet einwanderte – betreibt sie gemeinsam mit seiner Tochter Lena. Das Mobiliar ist zusammengewürfelt, die Wände zieren Grubenlampen aller Epochen, und an kalten Abenden bullert ein gusseiserner Ofen, den Elsbeth Hammerschmidts Großvater einst geschmiedet haben soll. Serviert werden drei Sorten Fassbier, ein kräftiger Eintopf mit Rauchfleisch und immer donnerstags frische Reibekuchen. Gegenüber vom Bahnhof gelegen, ist die Kneipe gleichzeitig Postannahmestelle, Fundbüro und inoffizieller Warteraum für die Züge der Linie 13. Wer auf den späten Regionalzug nach Boxbucht wartet, kann sich am Tresen einen Kaffee geben lassen und dabei den Geschichten des alten Willi Grubke lauschen, der so gut wie jeden Abend auf seinem Stammplatz sitzt und von der großen Kohlenstaubexplosion von 1965 zu berichten weiß.
Einen Supermarkt oder Dorfladen sucht man in Argeno vergebens. Zwei Mal wöchentlich hält der Lieferwagen der Landbäckerei Tiedemann aus Kohlaschleuße, mittwochs kommt ein Fischhändler von der Sturmseeküste, und einmal im Monat richtet die örtliche Jägerschaft einen kleinen Wildverkauf auf dem Platz vor der Feuerwehr aus. Die Freiwillige Feuerwehr Argeno, mit ihren neun Aktiven unter der Leitung von Brandmeisterin Katrin Brecht, nutzt ein altes Werkstattgebäude am Grubenweg; ihr Tragkraftspritzenfahrzeug ist eines der ältesten im ganzen Landkreis, aber tadellos instand gehalten.
Die Anbindung an die Umgebung ist für einen Ort dieser Größenordnung erstaunlich solide. Neben der schon erwähnten Bahnlinie, die in östlicher Richtung nach Boxbucht und in westlicher Richtung nach Strandstedt führt, kreuzen sich in Argeno zwei Bundesstraßen: die B 302, die von Strandstedt kommend über Kohlaschleuße bis hinauf zur Landauri-Autobahn zieht, und die B 303, die in südöstlicher Richtung in das malerische Sommereck mit seinen Sandstränden führt. Diese Straßenlage war einst ausschlaggebend für den Bau der Grube, und noch heute rauscht am nördlichen Ortsrand ein beständiger, aber nie übermäßiger Verkehr vorbei.
Die Kreisstadt Kohlaschleuße ist vierzehn Kilometer entfernt und mit ihren baumbestandenen Plätzen, dem roten Backstein-Rathaus und dem kleinen Stadtmuseum durchaus einen Tagesausflug wert. Strandstedt dagegen, das unmittelbar an der oft aufgewühlten Sturmsee liegt, lockt mit Salzwasser und einem Sandstrand, der bei Westwind einen guten Strandsegelschlag verspricht. Argeno selbst aber bietet weder große Attraktionen noch spektakuläre Aussichten. Was es seinen Gästen schenkt, ist etwas weitaus Selteneres: den Blick in ein stillgelegtes Industrierevier, das nicht abgerissen, sondern schlafend auf den nächsten Morgen wartet, und eine dörfliche Gemeinschaft, die sich mit bemerkenswerter Zähigkeit zwischen den ruhenden Fördertürmen behauptet.
Übernachtungsgäste sind in Argeno gern gesehen. Ein Zimmer mit Frühstück vermietet Familie Richter direkt oberhalb der Glaserwerkstatt, und auch Elsbeth Hammerschmidt hat in der alten Schmiedegesellenwohnung zwei Betten eingerichtet. Der Fremdenverkehrsverein Kohlgebirgsrand hält eine Liste mit weiteren Quartieren bereit. Vor allem aber empfiehlt es sich, an einem jener lauen Sommerabende zu kommen, an denen die Sonne hinter dem Förderturm versinkt und aus der offenen Tür der »Letzten Schicht« die Stimmen der Einheimischen dringen. Dann kann es passieren, dass Arthur Klinker seinen Schlüsselbund an den Gürtel hängt und schweigend ein Bier bestellt, und dass Willi Grubke zum dritten Mal ansetzt, um die Geschichte der Grube Argeno zu erzählen – so lange, bis der letzte Zug durch das Abendlicht rollt und das Signal auf Rot fällt.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 13 (Kohlbahn) aller 2 Stunden 6:45-20:45 nach Boxbucht, 7:14-21:14 nach Strandstedt
Straße: B302 (W: Strandstedt 2km, NO: Kohlaschleuße 14km); B303 (SO: Sommereck 8km); Industriestraße zur Grube Argeno
Land: Kohlonia
Landkreis: Kohlaschleuße
Ort: K-2140 Argeno

