(Pop.: 97 – 482m NN)

Wer den Fel-Gurkenkanal I entlangwandert, von Noskau her kommend, dem schlägt schon nach wenigen hundert Metern ein feiner, säuerlicher Duft entgegen. Es ist der Geruch von Sole, Dill und jahrzehntelanger Handarbeit, der sich hier im Feltal über alles legt. Und dann sieht man ihn auch schon: den achteckigen Turm der St.-Felicitas-Kirche, der wie ein steinernes Fragezeichen über den Dächern von Felmarn thront. 97 Menschen, 482 Meter über dem Meer, bilden diesen Übergang vom Bergtal ins flache Vorland.

Die St.-Felicitas-Kirche thront auf einer leichten Anhöhe über den Dächern. Ihr Baujahr 1866 verrät sie als einen vergleichsweise jungen Sakralbau, doch was sie auszeichnet, ist der Turm. Achteckig, massiv, ein Turm wie ein Wachtposten. Für die Region, die sonst auf einfache, gedrungene Kirchtürme setzt, ist diese Form eine kleine architektonische Überraschung. „Der achteckige Turm sollte zeigen, dass wir hier im Feltal nicht irgendwo hinten dran sind“, sagt Grete Mühlstedt, die als Mesnerin seit über zwanzig Jahren die Schlüssel zu diesem besonderen Gotteshaus verwaltet. Der Innenraum ist schlicht, fast puritanisch, denn die Gemeinde von Felmarn hatte nie Geld für großen Schnickschnack. Dafür sitzt man in den Holzbänken und blickt durch die hohen Rundbogenfenster hinaus in eine Landschaft, die sich sanft zu den Gurkenfeldern des Tals hinabsenkt.

Aber was wäre Felmarn ohne seine Gurken? Nirgendwo wird das deutlicher als in der Gurkenverarbeitungsgenossenschaft, die hier 1932 von zwölf Bauern gegründet wurde. Ein paar Holzschuppen, ein alter Pferdestall, und dann fingen sie einfach an, die Gurken in Holzfässern einzulegen. Heute, knapp ein Jahrhundert später, liefert die Genossenschaft unter dem Markennamen „Felmarnsaure“ mehrere Tonnen Gurken pro Jahr in ganz Kohlonia aus. Es sind diese knackigen, würzig-herben Gurken, die man in keiner Kneipe und auf keinem Markt der Region vermissen möchte. In der Erntezeit, wenn die Felder im Tal sich gelb färben, sind bis zu zwanzig Saisonarbeiter aus den umliegenden Dörfern – viele kommen mit dem Fahrrad aus Feltal oder Noskau – damit beschäftigt, die Einlegefässer zu füllen. Olaf Tetzner, der alte Meister der Genossenschaft mit seinen runzligen, von Sole gezeichneten Händen, schwört auf sein Geheimrezept: „Der Dill muss aus dem Garten von Marta Feierabend aus Feltal stammen, sonst wird das nichts. Und der Essig? Der kommt von niemand anderem als dem alten Weingut Kohlaschleuße.“ Und tatsächlich, wer einmal eine Felmarnsaure probiert hat, die auf einem Stück Roggenbrot im „Nassen Heinrich“ liegt, der riecht sofort den Unterschied.

Die Dorfkneipe „Zum nassen Heinrich“ liegt genau dort, wo die K301 nach einer sanften Kurve am Gurkenkanal entlangläuft. Ein wuchtiger Bau aus Feldsteinen, mit einer Theke aus dunklem Eichenholz, die schon bessere Zeiten gesehen hat, und einem Wirt namens Jochen Barsch, der mit einem schwarzen, in Gurkensole getränkten Tuch die Gläser wischt. Sein Bier ist kühl und herb, das ist klar. Aber die eigentliche Sensation ist seine sagenhafte Bratkartoffelplatte. Eine Mischung aus knusprigen Scheiben, durchzogen von Zwiebeln, durchwachsenem Speck und – natürlich – ein paar Felmarnsauren, die er kurz vor dem Servieren in die Pfanne wirft. Jochen, der einst Buchhalter in der Kreisstadt war, bevor er der Großstadt Lebewohl sagte und dieses Wirtshaus übernahm, ist ein wortkarger Typ. Aber wenn er merkt, dass jemand seine Bratkartoffelplatte wirklich zu schätzen weiß, dann öffnet er sich. Er erzählt dann von dem „nassen Heinrich“, einem Geist, der angeblich jede Nacht die Ufer des Kanals entlangschwebt. „Es ist der Geist eines alten Fährmanns“, flüstert Jochen, „der hier vor Jahrhunderten ertrunken ist. Manche haben ihn gesehen, mit nassen Klamotten und einer Laterne in der Hand, auf der Suche nach seiner verschwundenen Braut.“ Ob es stimmt, weiß keiner, aber es ist eine gute Geschichte zu einer guten Bratkartoffel.

Das Leben in Felmarn spielt sich vor allem zwischen Genossenschaft, Kirche und Kneipe ab. Kinder gibt es hier kaum noch; wer zur Schule geht, muss ins benachbarte Feltal, wo Lehrerin Helena Bornmann in der kleinsten Schule des Landkreises die Klassen 1 bis 4 unter einem Dach vereint. Ältere Semester wiederum treffen sich jeden Dienstag im Gemeindehaus neben der Kirche zum Seniorentanz, angeführt von Rentner Kurt Wiesenthal, der einst Ingenieur im Steinkohlebergbau von Zusma war. Wenn er das Akkordeon zückt, tanzen selbst die uralten Gemüsefrauen aus dem Tal noch einen flotten Walzer. Von Felmarn aus sind die Wege kurz: Die K301 führt im Südosten nach Feltal, im Nordwesten nach Felfurt, dem nächstgelegenen Dorf, das auf 626 Metern mit gerade einmal 42 Menschen noch einsamer liegt als Felmarn. Und wer in die Kreisstadt möchte, der folgt einfach dem Fel-Gurkenkanal I auf einer sandigen Straße ostwärts sechs Kilometer lang nach Noskau, von wo die B302 schnurgerade nach Kohlaschleuße führt.

Man könnte meinen, in einem so kleinen Dorf wäre nichts los. Aber das wäre ein Irrtum. Jedes Jahr im Spätsommer, wenn die letzte Gurke eingefahren ist, findet das „Säuerungsfest“ statt. Dann stellen die Bauern ihre größten Fässer auf der Dorfwiese auf, es gibt Livemusik – meist ein paar Männer mit Gitarre und Schlagzeug aus Feltal – und die gesamte Bevölkerung von Felmarn kocht auf. „Da kommen sogar die Leute aus der Stadt extra hierher“, lacht Grete Mühlstedt, die mit ihrem uralten Traktor immer die Fässer antransportiert. „Die wollen wissen, wo ihre Gurken herkommen.“ Wenn dann in der Abenddämmerung der achteckige Turm von St. Felicitas sich langsam rosa färbt und der „nasse Heinrich“ seine Gäste mit einer letzten Runde Bier versorgt, dann weiß man: Felmarn, das kleine Dorf am Übergang, ist ein Ort, der sich nicht verstecken muss.


Verkehrsverbindungen:
Straße: K301 (SO: Feltal 2km; NW: Felfurt 5km); Straße am Fel-Gurkenkanal I (O: Noskau 6km); andere Feldwege (SW: Zusma 12km)

LandKohlonia
LandkreisKohlaschleuße
Ort: K-2160 Felmarn