
(Pop.: 7 – 374m NN)
Wer die Westflußmühle sucht, der sollte sich auf einen beschwerlichen Weg gefasst machen. Fünf Kilometer flussaufwärts von Westmünde entfernt, wo der Westfluss sich durch enge Schluchten zwängt und das Rauschen des Wassers das einzige Geräusch ist, das die Stille durchbricht, liegt sie auf 374 Metern Höhe – eine verlassene Holzmühle, die wie ein vergessenes Relikt einer anderen Zeit in den Hang des Kohlgebirges geklemmt ist. Der Weg dorthin ist kein einfacher Spaziergang; wer ihn zu Fuß bewältigt, folgt dem Westflußweg, der sich rechts vom Bach steil den Berg hinaufwindet und an manchen Stellen kaum mehr als ein Trampelpfad ist. Doch die Mühe des Aufstiegs wird belohnt, denn oben angekommen öffnet sich ein Panorama, das den Atem raubt: Das Tal liegt zu Füßen, der Blick schweift über die Baumkronen bis hin zum flimmernden Blau des Westmeers, das am Horizont mit dem Himmel verschmilzt. Und dann geht es wieder hinab ins Tal, da wo am Bach die Westflußmühle steht.
Die Westflußmühle selbst ist ein Bauwerk von ergreifender Schönheit und Verlassenheit. Ihr Holz ist grau verwittert, von unzähligen Wintern gebleicht, und der Zahn der Zeit hat tiefe Furchen in die Balken gefräst. Das große Mühlrad, einst das Herz des Gebäudes, steht still und ist von Moos und Flechten überwuchert. Es dreht sich nur noch, wenn der Wind oder der ungestüme Fluss es gelegentlich in eine sanfte Bewegung versetzen, und dann ächzt es so klagend, als wolle es seine eigene Geschichte erzählen – die Geschichte von Mehl, das hier gemahlen wurde, von Bauern, die aus den umliegenden Weilern kamen, und von einer Zeit, als das Tal noch von geschäftigen Menschen bewohnt war. Die Sage will es, dass die Mühle im 18. Jahrhundert von einem Müller namens Baldur Steinfeld erbaut wurde, der aus dem fernen Kohlatal hierher zog, um dem Lärm und den Intrigen der großen Städte zu entfliehen. Er soll ein stiller, gottesfürchtiger Mann gewesen sein, der seine Tage damit verbrachte, das Korn der Bergbauern zu mahlen, bis eine verheerende Flut im Winter des Jahres 1847 das Mühlrad zerstörte und den Betrieb für immer lahmlegte. Seitdem steht sie verlassen, ein Denkmal der Vergänglichkeit, das nur noch von den sieben Menschen bewohnt wird, die sich hier im tiefsten Abseits niedergelassen haben.

Diese sieben Bewohner der Westflußmühle sind eine eigenwillige Gemeinschaft, zusammengewürfelt aus Individualisten, die alle auf ihre Weise der Gesellschaft den Rücken gekehrt haben. Da ist zum einen der alte Markus Tiedemann, ein ehemaliger Bibliothekar aus Kohla, der vor zwanzig Jahren seinen Posten aufgegeben hat, um hier oben seine Tage mit dem Studium alter Karten und Sternenkarten zu verbringen. Er ist der älteste der Sieben und gilt als der Hüter der Mühlengeschichte; wer ihn zum Reden bringt, erfährt Geschichten von versunkenen Schätzen im Fluss und von Geistern, die nachts über die Mühlenplanken wandeln sollen. Dann gibt es die junge Tordis Falk, eine Malerin aus dem Süden aus Butha, die die Einsamkeit sucht, um ihre Bilder von der rauen Landschaft zu schaffen. Sie bewohnt den ehemaligen Getreidespeicher, den sie mit bunten Tüchern ausgekleidet hat, und ihre Leinwände zeigen die Westküste in all ihren Stimmungen – im Nebel, im Sturm und im goldenen Licht des Sonnenuntergangs. Die anderen Bewohner sind ein ehemaliger Koch, der sich hierher zurückgezogen hat, um ein Buch über die Wildkräuter der Region zu schreiben, ein pensionierter Bergmann, der noch immer das Gestein des Kohlgebirges nach verborgenen Mineralien absucht, und eine junge Familie mit zwei Kindern, die dem Lärm der Hauptstadt entflohen ist und hier oben eine kleine Selbstversorgerwirtschaft betreibt.
Das Leben an der Westflußmühle ist hart und einfach. Es gibt keinen Stromanschluss, kein fließendes Wasser in den Hütten und keine Heizung außer den knisternden Holzöfen, die mit dem Brennholz aus den umliegenden Wäldern befeuert werden. Die Bewohner sind auf sich allein gestellt; der nächste Stammtisch in „Hanneß‘ Kogge“ ist gute fünf Kilometer entfernt, und der Weg dorthin ist bei schlechtem Wetter kaum zu bewältigen. Im Winter, wenn der Schnee das Tal zudeckt und die Wege unpassierbar werden, sind sie oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Doch diese Abgeschiedenheit ist es gerade, die den Reiz der Westflußmühle ausmacht. Hier gibt es keine Nachrichten, keine politischen Debatten, keine Hetze; es gibt nur den Rhythmus der Jahreszeiten, das Rauschen des Flusses und das Rascheln der Blätter im Wind. Die sieben Bewohner haben sich eine eigene kleine Gemeinschaft geschaffen, die auf gegenseitiger Hilfe und einem stillen Einverständnis basiert: Jeder respektiert die Einsamkeit des anderen, aber in Notfällen ist man füreinander da. Wenn der Koch seine Kräutersuppe kocht, teilt er sie mit den Nachbarn; wenn der Bergmann einen besonders schönen Kristall findet, legt er ihn der Malerin vor die Tür.
Für Besucher, die den beschwerlichen Weg auf sich nehmen, ist die Westflußmühle ein Ort von fast spiritueller Kraft. Es gibt keine Gaststätte, keinen Laden, keine Übernachtungsmöglichkeit im herkömmlichen Sinne – wer hier oben bleiben möchte, muss sich mit den Bewohnern arrangieren, und manche von ihnen bieten dem ernsthaften Reisenden gegen eine kleine Spende ein Lager in einer der leerstehenden Kammern an. Die Nächte sind unvergesslich: Wenn die Dämmerung das Tal in ein tiefes Blau taucht und der Mond über den Gipfeln des Kohlgebirges aufgeht, ist die Stille so dicht, dass man das eigene Herz schlagen hört. In diesen Momenten begreift man, warum die sieben Bewohner hier geblieben sind – nicht aus Not, sondern aus freier Wahl. Sie haben die Welt gegen die Einsamkeit eingetauscht, die Hektik gegen die Ewigkeit, und wer das Glück hat, ihre Gastfreundschaft zu erfahren, der nimmt etwas von dieser Ruhe mit hinunter ins Tal.
Die Westflußmühle ist nicht einfach nur ein Ort; sie ist ein Gleichnis. Sie erzählt von der Vergänglichkeit des Menschlichen, von der Kraft der Natur, die alles, was der Mensch gebaut hat, zurückerobert, und von der Sehnsucht nach einem Leben jenseits des Trubels. Wer sie besucht, sollte keine Sehenswürdigkeiten erwarten, sondern die Bereitschaft mitbringen, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Der Weg dorthin ist steil, die Unterkunft karg, die Verpflegung einfach – aber die Erfahrung ist von einem Wert, den man in keiner Stadt der Welt kaufen kann. Es ist der Wert der Stille, der Wert der Zeit, die plötzlich wieder unendlich scheint, und der Wert der Erkenntnis, dass das Glück oft dort zu finden ist, wo man es am wenigsten vermutet: in einer verlassenen Holzmühle hoch über dem Meer, in der das einzige Geräusch das Rauschen des Flusses ist und der einzige Zeitmesser der Schatten der Sonne, der über die verwitterten Balken wandert.
Verkehrsverbindungen:
Straße: Westflußweg (S: Westmünde 5km)
Land: Kohlonia
Landkreis: Westmünde
Gemeinde: K-6000 Westmünde
Ort: K-6002 Westflußmühle

