(Pop.: 3.257 – 101m NN)

Wer Tretwitz zum ersten Mal besucht, dem fällt vielleicht als Erstes das leise Rauschen auf. Nicht die Scalsa ist es, die hier hörbar ihren Weg durch die Blumenthal-Ebene sucht – dafür ist sie viel zu gemächlich und verschlafen. Nein, es ist das gleichmäßige, fast meditative Surren der großen Biogasanlage der Landwirtschaftlichen Kooperation, die am südlichen Ortsrand, direkt vor dem Wäldchen Regnskog, ihre silbernen Kuppeln in den Himmel streckt. Dieses Geräusch ist der Herzschlag von Tretwitz, ein Dorf mit 3.257 Seelen, das sich auf 101 Metern Höhe in die sanfte Hügellandschaft schmiegt, als wäre es schon immer dort gewesen. Und vielleicht ist es das auch: Die Siedlung wirkt, als hätte sie sich organisch aus dem Ton entwickelt, der hier so reichhaltig im Boden steckt, dass man an manchen Tagen seinen erdigen, leicht metallischen Duft bis in die Hauptstraße hinein riechen kann.

Dabei hätte Tretwitz durchaus das Zeug zum lauten, selbstbewussten Städtchen gehabt. Die spätgotische Kirche, die das Dorfbild dominiert, ist ein Bau von geradezu stolzer Erhabenheit. Errichtet aus hellem Sandstein, der vermutlich aus den nahen Steinbrüchen bei Waldfels stammt, ragt ihr Turm weithin sichtbar über die Dächer der umliegenden Fachwerkhäuser. Das Innere jedoch birgt einen Schatz, der selbst in den großen Kathedralen Novas für Aufsehen sorgen würde: den Flügelaltar. Gefertigt von einem unbekannten Meister der Spätgotik, zeigen seine geschnitzten Szenen eine solche Detailverliebtheit, dass man meinen könnte, die Holzfiguren atmen. Pfarrerin Johanna Sommerfeldt, die das geistliche Leben im Dorf seit über fünfzehn Jahren prägt, erzählt gerne, dass der Altar in den Wirren der Landaurischen Reformation von einer frommen Tretwitzer Familie unter dem Fußboden eines Scheunenanbaus versteckt worden sei – und so seinem Schicksal entging.

Vom Kirchturm aus schweift der Blick über den Marktplatz, der an Markttagen, immer mittwochs, zum bunten Treffpunkt wird. Dann verwandelt sich das Kopfsteinpflaster in ein Meer aus Ständen, auf denen Gemüse aus den umliegenden Höfen, selbstgebackenes Brot und natürlich die Keramik der ortsansässigen Töpfereien angeboten werden. Die Töpfereien sind das eigentliche Rückgrat des Dorfes. In Werkstätten wie der Töpferstube am Scalsa-Ufer von Meisterin Klaudia Böhmer oder der Irdener Krug von Lena Weber entsteht aus dem feinkörnigen, eisenhaltigen Ton des Tales Gebrauchskeramik, die durch ihre warmen, erdigen Ockertöne besticht. Wer einen Blick in die Werkstätten wirft, sieht oft die Chemikerin Ronja Westphal. Sie ist nicht nur eine der klügsten Köpfe des Ortes, sondern auch eine Liebhaberin dieser traditionellen Handwerkskunst. Zusammen mit Dr. Sofia Ivanova vom NeuroWissenschaftsZentrum – das seinen Sitz in einem umgebauten Speicher in der Scalsa-Straße hat – untersucht sie die molekularen Eigenschaften des Tons. Während Ivanova ergründet, warum bestimmte Düfte tief vergrabene Erinnerungen wecken, sucht Westphal nach den mineralischen Geheimnissen, die den Tretwitzer Ton so formbar und zugleich stabil machen.

Dass dieses kleine Dorf im Nordosten des Landkreises Novafurt eine solche Ansammlung von Gelehrten und Kreativen beherbergt, ist einem Zufall der Geschichte geschuldet. Der Bau der Eisenbahnlinie 111 im späten 19. Jahrhundert brachte nicht nur Reisende, sondern auch Ideen nach Tretwitz. Der kleine Bahnhof, ein charmantes Backsteingebäude aus der Gründerzeit, ist noch heute der Nabel der Welt für viele Bewohner. Ihm gegenüber liegt die Bahnhofsgaststätte „Zum letzten Halt“ – ein rustikaler Laden, der von Wirtin Helga Mertens mit einer Mischung aus herzhafter Küche und trockenem Humor geführt wird. Ihr Schnitzel mit Pilzrahmsauce ist legendär, und an den Abenden, wenn der letzte Zug um 21:39 nach Drosen verschwunden ist, sitzen hier oft diejenigen zusammen, die keine Eile haben. Einer von ihnen ist Cyril Gagnon, der Dorfanwalt. Der gebürtige Bierländer mit dem melodischen Akzent hat vor einigen Jahren die Kanzlei in der Ringstraße übernommen und ist inzwischen so etwas wie der heimliche Bürgermeister von Tretwitz – eine Rolle, die er mit stoischer Ruhe und einem Schuss Ironie ausfüllt. Er weiß nicht nur über jedes Grundstücksgeschäft Bescheid, sondern auch über die Befindlichkeiten der Dorfgemeinschaft, was ihn oft zum gefragten Schlichter bei kleinen und großen Streitigkeiten macht.

Ein wenig abseits, in Richtung des Wäldchens Regnskog, befindet sich die Hölzerne Harmonie Schreinerei von Elias Bruckner. Bruckner ist ein Meister seines Faches, der aus heimischen Hölzern wie Eiche und Buche Möbel fertigt, die so klar und puristisch sind, dass sie selbst in den modernen Villen der Hauptstadt Nova bestehen könnten. Sein Geselle, Finn Olesen, der früher in Scalso lebte, hat die ruhige, konzentrierte Arbeitsatmosphäre der Schreinerei zu schätzen gelernt – auch wenn er zugeben muss, dass die Tretwitzer manchmal ein bisschen zu sehr in ihrer eigenen Welt leben.

Das sieht man auch an den alltäglichen Einrichtungen: Der „Scalsa-Markt“ von Familie Kowalski in der Hauptstraße ist der zentrale Anlaufpunkt für Lebensmittel, und die Bäckerei „Zum süßen Nova“ von Thomas Riedel liefert das knusprigste Brot weit und breit.

Für ein Glas Wein oder einen Abend mit Freunden zieht es die Tretwitzer hingegen ins Gasthaus „Zur Scalsa“, wo Wirt Felix Hagen eine gutbürgerliche Küche mit regionalen Spezialitäten serviert – besonders empfehlenswert ist der Scalsa-Fisch, frisch gefangen und mit Kräutern aus dem eigenen Garten zubereitet.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 111 (BZF Bierona-Zentravia-Ferrovia) stündlich 6:09-21:09 nach Novafurt Hbf, 6:39-20:39 über Drosen nach Zentro Hbf, 21:39 nach Drosen
Straße: Autobahn A1 (W: Zentro, O: Nova); B6 (NW: Scalso 4km, SO: Nassau 15km); L5 (S: Waldfels 11km, NO: Leisen 6km); Feldwege (SW: Babybach 9km, NO: Tretkreuz 6km, N: Windelmühle 11km)

LandBlumenland
LandkreisNovafurt
Gemeinde: B-2110 Tretwitz
Orte: B-2110 Tretwitz, B-2111 Tretkreuz, B-2112 Tretufer


Zu Tretwitz gehören:

Tretkreuz (Pop.: 14 – 84m NN) …

Tretufer (Pop.: 12 – 68m NN) …