
(Pop.: 7 – 703m NN)
Das erste Haus von Boxahüttel sieht man erst, wenn man beinahe davorsteht. Der Boxatalweg steigt von Boxaquell vier Kilometer durch einen feuchten Tannenmischwald an, zieht um einen Felsrücken und endet auf einer kleinen, kaum geneigten Lichtung. Dort stehen drei Häuser, eine Wegkapelle und ein niedriger Holzschuppen. Hinter ihnen ragt dunkler Fels aus dem Hang. An seinem Fuß tritt der Boxabach aus einer gefassten Quelle hervor, so klar, dass selbst die feinsten Kiesel auf dem Grund scharf zu erkennen sind. Das Wasser ist auch im Hochsommer eiskalt.
Der Name Boxahüttel führt Reisende gelegentlich in die Irre. Eine einzelne Hütte bildet der Ort schon lange nicht mehr, doch größer als ein Weiler wurde er nie. Nach örtlicher Überlieferung bezeichnete „Hüttel“ ursprünglich ein Schutzhaus für Waldarbeiter, die am Oberlauf der Boxa Holz schlugen. Später kamen ein steinernes Wohnhaus und ein kleiner Stall hinzu. Aus dem Arbeitslager entstand ein dauerhaft bewohnter Ort, dessen verkleinernde Namensform zu seiner tatsächlichen Größe bis heute erstaunlich gut passt.
Das älteste Gebäude ist das sogenannte Quellhaus. Sein gemauertes Erdgeschoss lehnt sich mit der Rückwand unmittelbar gegen den Fels. Darüber sitzt ein mit dunklen Lärchenschindeln gedecktes Holzgeschoss. Im Winter wohnt hier Mikhail Sokolov, der einzige Maurer im oberen Boxatal. Er kam vor zwölf Jahren aus der Hauptstadt Kohla ins Gebirge, nachdem er mehrere Sommer an der Sicherung alter Stützmauern gearbeitet hatte. Mikhail Sokolov besitzt keinen Betrieb im herkömmlichen Sinn. Sein Werkzeug lagert in einer Kammer hinter der Küche, Material bestellt er gemeinsam mit der Gemeinde Boxaquell. Im Frühjahr setzt er ausgewaschene Bachmauern instand, im Sommer repariert er Schornsteine und Feldsteinfassaden, im Herbst kontrolliert er die Quellfassung. Für größere Aufträge geht er zu Fuß oder fährt mit seinem alten Lastendreirad talwärts. Besonders geschickt ist er im Trockenmauern. Statt Steine mit viel Mörtel festzusetzen, wählt er sie nach Form und Gewicht aus und verkeilt sie so, dass Regenwasser ablaufen kann. Mehrere Stützmauern am Boxatalweg tragen seine schlichte Ritzmarke, ein kleines „MS“ neben einem Dreieck.
Die gefasste Boxaquelle ist kein aufwendig gestaltetes Denkmal. Zwei niedrige Seitenmauern leiten das Wasser in ein steinernes Becken, aus dem es über eine breite Rinne abfließt. Mikhail Sokolov ersetzte die frühere Betonrinne durch behauenen Granit und ließ neben dem Becken eine flache Stelle zum Füllen von Flaschen frei. Eine Metalltafel bittet Gäste, weder Seife noch Lebensmittel ins Wasser zu bringen. Wer die Hand länger als einige Sekunden unter den Auslauf hält, versteht den Hinweis der Einheimischen, das Quellwasser langsam zu trinken.

Oberhalb der Quelle steht die Wegkapelle St. Thekla. Sie ist kaum größer als ein Geräteschuppen und besitzt weder Turm noch Glocke. Ein schlichtes Holzkreuz auf dem Schindeldach und zwei schmale Fenster geben ihr von außen das Aussehen eines Forsthauses. Im Inneren hängen sieben ungleiche Stühle an Haken, damit der Fußboden bei feuchtem Wetter leichter gereinigt werden kann. Das kleine Altarbild zeigt einen Bach, der unter einem Felsen hervortritt. Einmal im Monat kommt Alina Bergström aus Boxaquell herauf und hält eine Andacht. Im Juni findet der Gottesdienst meist im Freien statt, weil dann mehr Imker und Wanderer als Einwohner anwesend sind. In diesem Monat verändert sich Boxahüttel merklich. Die Imker aus Steinfeld bringen ihre Bienenvölker in die Tannenmischwälder rund um den Weiler. Hannah Vogler koordiniert die wechselnden Standorte, während Rolf Vogler die Beuten mit Traktor und Anhänger durch das Gebirge fährt. Für den Juni sind ausdrücklich die Wälder bei Boxahüttel vorgesehen. Dort sammeln die Bienen Honigtau von Tannen und besuchen die Blüten der Waldlichtungen. Der so gewonnene Waldhonig wird in Steinfeld von Hand verarbeitet und direkt verkauft.

Die Bewohner nehmen die sommerliche Nachbarschaft gelassen hin. Mikhail Sokolov stellt flache Tränken auf, damit sich die Bienen nicht am Quellbecken sammeln. Greta Niemann, die Wirtin der Gastwirtschaft „Zum stillen Holz“, verwendet den frischen Honig für ein dunkles Brot, das sie zum Abendessen mit Bergkäse, eingelegten Gurken und einer heißen Pilzsuppe serviert. Das Gasthaus nimmt das größte der drei Häuser ein. Seine Gaststube besitzt vier Tische, einen eisernen Ofen und eine niedrige Decke, an deren Balken getrocknete Kräuter hängen. Eine Speisekarte gibt es nicht. Gekocht wird, was vorhanden ist. Im Obergeschoss liegen drei einfache Zimmer mit Waschschüssel, Wolldecken und kleinen Fenstern zum Wald. Wer hier übernachtet, sollte keinen Hotelbetrieb erwarten. Warmes Wasser wird abends in Kannen vor die Tür gestellt, das Frühstück besteht aus Brot, Honig, Käse und starkem Kaffee. Reservierungen erreichen Greta Niemann telefonisch über die Gemeindestelle in Boxaquell. Wanderer aus Richtung Felhütte kommen über einen befestigten, rund neun Kilometer langen Waldweg. Der Weg führt an einer verfallenen Schäferhütte und einem hölzernen Kreuz aus dem Jahr 1903 vorbei. In Felhütte beginnt er beim „Felstüberl“, das ebenfalls als abgelegene Einkehr und Wanderunterkunft dient.
Boxahüttel besitzt keine Schule, keinen Laden und keine regelmäßige Busverbindung. Versorgung, Post und Verwaltung befinden sich in Boxaquell. Der fahrbare Lebensmitteldienst von Samira El-Hassan kommt jeden zweiten Mittwoch den Boxatalweg herauf. Im Winter fällt die Fahrt bei starkem Schneefall aus. Dann helfen sich die sieben Einwohner mit Vorräten, Brennholz und dem, was im Keller eingelagert wurde. Entscheidungen über Wege, Quellschutz oder Bauarbeiten werden in der Gemeindeversammlung von Boxaquell beraten.
Der bedeutendste Weg beginnt hinter der Kapelle. Er folgt zunächst dem jungen Boxabach, wendet sich dann vom Wasser ab und steigt in mehreren steilen Kehren zum Gebirgskamm des Kohlgebirges hinauf. Der Pfad ist mit blauen Holzplättchen markiert, aber weder befestigt noch durchgehend bequem. Nach Regen liegen Wurzeln und Felspartien glatt. Am oberen Waldrand öffnet sich der Blick über die bewaldeten Hänge des Landkreises Boxbucht. Bei guter Sicht erscheint weit im Norden das Nordmeer als heller, schmaler Streifen. Der Anblick ist ähnlich eindrucksvoll wie vom Felberg, dessen Gipfel ebenfalls einen Fernblick bis zum Meer bietet. Viele Wanderer bleiben bis zum späten Nachmittag auf dem Kamm und erreichen Boxahüttel erst in der Dämmerung. Dann leuchtet meist nur ein einziges Fenster über der Gaststube. Drinnen klopft Mikhail Sokolov den Staub von seinen Stiefeln, Greta Niemann stellt die Suppe auf den Tisch, und vor dem Haus ist nichts zu hören außer dem jungen Boxabach, der hier seine lange Reise zum Nordmeer beginnt.
Verkehrsverbindungen:
Straße: Boxatalweg (O: Boxaquell 4km); Wanderwege zur Felhütte und zum Gebirgskamm
Land: Kohlonia
Landkreis: Boxbucht
Gemeinde: K-4170 Boxaquell
Ort: K-4171 Boxahüttel

