Hauke Thomsen erblickte am 14. März 1968 das Licht der Welt in einem kleinen, windschiefen Haus am Hafen von Kleinstrand, das sein Großvater einst aus dem Holz eines gescheiterten Frachters gezimmert hatte. Die ersten Geräusche, die er bewusst wahrnahm, waren nicht die Rufe der Hebamme, die seiner Mutter beistand, sondern das Knarren der Dalben und das Schlagen der Wellen gegen die Granitmolen, die der Gutsherr von Kohlfähre fast zweihundert Jahre zuvor hatte errichten lassen. Seine Mutter Greta, eine gelernte Netzflickerin aus Goldstrand, starb an einer Lungenentzündung, als er sechs Jahre alt war; sein Vater Jann, ein Fischer, der nie ein Wort zu viel sagte, zog ihn und seine zwei älteren Schwestern, Beke und Marret, auf. Die Schule in Kleinstrand, eine ehemalige Küstenschmiede, besuchte er bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr. Das Klassenzimmer bestand aus einem einzigen Raum, in dem die Kinder aller Jahrgänge gemeinsam unterrichtet wurden. Der Lehrer, ein alter Mann namens Broder Jensen, der schon vor dem Krieg das Amt bekleidet hatte, vermittelte das Nötigste: Rechnen, Schreiben, Lesen und ein wenig Geschichte der Region, die er mit Geschichten über Strandräuber und gescheiterte Adelsgeschlechter würzte. Mehr als die Grundfertigkeiten und die Gewissheit, dass der Kreishauptmann in Goldstrand nicht der König von Seeland war, lernte Hauke dort nicht. Sein eigentlicher Lehrmeister war die See – und sein Vater, der ihn schon als Zehnjährigen mit auf die Kutter nahm und ihm beibrachte, wie man einen Dorsch ausnimmt, bevor der erste Morgennebel sich verzog. Nachdem sein Vater 1987 bei einem Sturm vor Silberstrand über Bord ging und nicht wiederkehrte, übernahm Hauke mit neunzehn Jahren den elterlichen Kutter, eine hölzerne „Meermöwe“ von 1949. Seine ältere Schwester Beke, damals zweiundzwanzig, war bereits nach Goldstrand gezogen und arbeitete als Schreibkraft im Kreiskulturhaus. Marret, die mittlere, zwanzig Jahre alt, heiratete noch im selben Jahr einen Händler aus Kohla und zog in die Hauptstadt, wo sie eine kleine Bäckerei eröffnete.

Hauke blieb allein in Kleinstrand zurück, mit dem Haus, dem Kutter und den Erinnerungen. Eine formale Ausbildung zum Schiffsführer absolvierte er nie. Was er weiß, hat er sich in drei Jahrzehnten auf See zusammengereimt: wie man einen Leck in der Bordwand mit einem Stück Teerpappe und einem kräftigen Schlag flickt, wie man die Laichwanderungen der Flunder vorhersagt, ohne ein einziges Buch über Meeresbiologie gelesen zu haben, und wie man bei Nebel den Heimweg findet, wenn das Funkgerät streikt. Sein Beruf ist der des Fischers, aber wer ihn dabei beobachtet, wie er mit ruhiger Hand die Netze auswirft oder den Dieselmotor der „Meermöwe“ mit einem Ohr abhört, das jedes ungewöhnliche Klopfen registriert, erkennt schnell, dass dieser Mann mehr ist als ein einfacher Kutterkapitän. Er ist der heimliche Bürgermeister des Hafens, derjenige, an dem kein Knoten, keine Wetterlage und kein Streit zwischen den Fischern vorbeigeht, ohne dass er sein Wort dazu verliert.

Seine engste Freundschaft verbindet ihn mit Mareike Bornemann, die die Fischsemmelbude „Smuttje’s Ecke“ am Hafen betreibt. Sie ist zehn Jahre jünger als er, stammt ursprünglich aus Kohla und kam vor gut zwanzig Jahren als Urlaubsgast nach Kleinstrand – und blieb, weil sie den Geruch von Teer und Salz dem der hektischen Hauptstadt vorzog. Zwischen den beiden herrscht eine Vertrautheit, die keine großen Worte braucht. Morgens um fünf, wenn Hauke mit seinem Becher Kardamomtee auf der östlichen Mole steht und den Horizont absucht, stellt Mareike ihm eine zweite Tasse an den hinteren Ausgang ihrer Bude, für den Fall, dass der Wind zu scharf wird. Abends, wenn der Fang verkauft und die Netze geflickt sind, sitzen sie oft gemeinsam am hölzernen Steg, die Beine über das Wasser baumeln lassend, und schweigen oder tauschen Bemerkungen über die Launen der Sturmsee aus.

Thomsens Hände sind nicht nur zum Steuern und Netzflicken geschaffen. In den langen, dunklen Winterabenden, wenn die Sturmsee zu unberechenbar ist, um auszulaufen, sitzt er in seiner Wohnstube über einem Stück blauem Segeltuch, das er mit grober Nadel und starkem Zwirn zu neuen Fenderbezügen oder Taschen vernäht. Das Nähen hat er von seiner Mutter gelernt, bevor sie starb, und es ist für ihn mehr als ein Zeitvertreib: Es ist eine Art Meditation, bei der die raue Außenwelt für ein paar Stunden zur Ruhe kommt. Seine Nähte sind nicht schön, aber sie halten, was sie versprechen – ein Prinzip, das er auf fast alles im Leben anwendet.

Sein eigentliches Hobby jedoch, das ihn in der ganzen Region bekannt gemacht hat, ist das Bierbrauen. In einem kleinen Schuppen hinter seinem Haus, zwischen alten Fässern und vergilbten Rezepten, braut er seit über zwanzig Jahren sein eigenes Bier. Es ist ein dunkles, malziges Küstenbier, das er mit einem Schuss Kardamom und einer Prise getrocknetem Seetang verfeinert – eine Zutat, die er für den besonderen, leicht salzigen Abgang verantwortlich macht. Die anderen Fischer nennen es spöttisch „Thomsens Tran“, aber sie trinken es, wenn er nach einem guten Fang ein Fass anrollt. Das Brauen ist für ihn ein Akt der Geduld und der Präzision, Eigenschaften, die ihm auf dem Wasser das Überleben gesichert haben. Er kontrolliert die Temperatur der Maische mit einem Thermometer, das sein Großvater noch aus einer alten Destille gerettet hatte, und er notiert jede Veränderung des Rezepts mit Bleistift auf den Rückseiten alter Seekarten. Wenn er im Sommer nach einem langen Tag auf See sein selbst gebrautes Bier trinkt, während die „Meermöwe“ sanft im Hafen von Kleinstrand dümpelt, dann wirkt er für einen kurzen Moment fast entspannt – ein seltener Anblick für diejenigen, die ihn sonst nur als den wachsamen Mann auf der Mole kennen.