(Pop.: 121 – 52m NN)

Wer mit der Kohlatalbahn anreist, spürt den Unterschied zu dem südlicher gelegenen Kohlfähre schon beim Aussteigen. Der Bahnsteig von Viellam – kaum mehr als ein gepflasterter Streifen mit einem hölzernen Unterstand, auf den jemand in sorgfältiger Handschrift „K-9140 Viellam – 52 m NN“ gemalt hat – liegt auf der Westseite des Flusses. Vom Zugfenster aus hat man kurz zuvor die Burgruine Stollenfels auf ihrem Felssporn gesehen, und während der Zug in der Ferne verhallt, hört man nichts als das leise Glucksen des Wassers der Kohla und im Nudelbach-Kohla-Verbindungskanal, der hier am südlichen Ortsrand auf der Ostseite der Kohla seinen Anfang nimmt. Es ist diese Ruhe, die den 121-Seelen-Ort prägt, und doch steckt in Viellam mehr Geschichte und Handwerk, als der erste Eindruck vermuten lässt.

Der Ortsname klingt, als wollte er eine Geschichte erzählen, und das tut er auch. Viellam entstand als Rastplatz der Kohltransporteure, die auf dem Kohla-Fluss Steinkohle von den Bergwerken um Kohlaschleuße hinunter zur Hauptstadt Kohla verschifften. Wo sich heute die Dorfstraße am östlichen Ufer entlangzieht, machten einst die Treidler ihre Taue fest, ruhten sich aus und warteten auf günstiges Wasser. Dass aus diesem simplen Haltepunkt ein festes Dorf wurde, verdankt Viellam seiner Lage: Der Fluss teilt den Ort in zwei Hälften, und noch heute spannt sich eine steinerne Brücke aus dem späten 19. Jahrhundert über die Kohla, die beide Ufer verbindet. Westlich des Flusses steigt das Gelände sanft zu einer trockenen, steinigen Hügellandschaft an, während östlich die weite, baumlose Kohla-Steppe beginnt – ein Kontrast, der dem Tal seine charakteristische Weite verleiht.

Das Ortsbild wird dominiert von der barocken St.-Barbara-Kirche, die 1756 errichtet wurde und deren schlanker, verschieferter Turmhelm schon von weitem grüßt. Der Sakralbau ist der Schutzpatronin der Bergleute und Kohleträger geweiht, und dass man sich in Viellam ausgerechnet für die Heilige Barbara entschied, ist kein Zufall: Es war der Kohlhandel, der dem Ort einst Wohlstand und Bedeutung brachte. Im Inneren birgt die Kirche einen geschnitzten Altar, der die Heilige mit Kelch und Schwert zeigt – ein Werk eines unbekannten Meisters aus der Region, dessen ausdrucksstarke Figuren noch heute die wenigen Gottesdienstbesucher in den Bann ziehen. Pfarrerin Margarete Lübke, die von Nordort aus auch Viellam betreut, hält hier einmal im Monat den Sonntagsgottesdienst, und an den hohen Feiertagen füllt sich das kleine Kirchenschiff mit Menschen aus den umliegenden Weilern. Küsterin Elisabeth Kranz, eine rüstige Frau von 76 Jahren, sorgt seit drei Jahrzehnten dafür, dass die Kerzen brennen und die alten Eichenbänke blank poliert sind. Sie weiß zu berichten, dass der Altar die Flut von 1847 wie durch ein Wunder unbeschadet überstand, während das Wasser in der Kirche knöcheltief stand.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, nur durch die schmale Uferstraße getrennt, erhebt sich die ehemalige Kornmühle von 1689. Der mächtige, zweigeschossige Bruchsteinbau mit seinem hohen, schiefergedeckten Dach war bis 1952 in Betrieb, angetrieben von einem unterschlächtigen Wasserrad, dessen Reste noch im Mühlgraben zu erkennen sind. Heute beherbergt das Gebäude das Heimatmuseum des Kreises Kohlatal, das eine kleine, aber feine Sammlung zur Siedlungsgeschichte, zum Kohletransport und zum Kanalbau zeigt. Museumsleiterin Ingrid Fuhrmann, eine studierte Historikerin, die vor zwölf Jahren aus Kohla hierher zog, hat mit viel Liebe zum Detail alte Frachtbriefe, Schiffsmodelle und historische Vermessungskarten zusammengetragen. Besonders eindrucksvoll ist das große Diorama, das den Kohla-Fluss mit seinen Treidelpfaden und Anlegestellen um 1780 zeigt. Geöffnet ist das Museum von Mai bis September jeden ersten Sonntag im Monat; in dieser Zeit duftet es im alten Mühlenraum nach Bohnerwachs und frischem Kaffee, den Frau Fuhrmann den Besuchern gern anbietet.

Etwa einen Kilometer nördlich des Dorfes, auf einem niedrigen Felssporn über dem Fluss, liegen die Ruinen der Burg Stollenfels. Die Burg wurde um 1380 von den Wikingern aus Western als Außenposten errichtet – ein kurioses Kapitel in der ohnehin bewegten Geschichte Landauris. Wer die Wikinger bisher nur aus den Erzählungen über die Zerstörung Kohlas im Jahr 847 kannte, mag überrascht sein, dass sie fast sechs Jahrhunderte später hier noch einmal bauten. Die kleine Festung diente vermutlich der Sicherung eines alten Handelswegs, der von der Küste ins Hinterland führte. 1622, während eines lokalen Aufstandes gegen die Herrschaft der Fürsten von Seeland, inzwischen eine provinz im Königreich Storcha, wurde die Burg niedergebrannt und nie wieder aufgebaut. Erhalten sind die Grundmauern des Bergfrieds, Teile der Ringmauer und ein tonnengewölbter Keller, der bei trockenem Wetter begehbar ist. Von der Plattform des Bergfrieds bietet sich ein weiter Blick über das gesamte mittlere Kohla-Tal, und an klaren Tagen reicht die Sicht bis zu den Gipfeln des Kohlgebirges. Eine örtliche Legende erzählt, dass der letzte Burgherr, ein gewisser Ritter Harald von Stollenfels, seinen Schatz im Keller versteckte, bevor die Aufständischen die Mauern stürmten. Gefunden wurde bis heute nichts, aber die Kinder Viellams suchen noch immer.

Wirtschaftlich ist Viellam heute vor allem durch einen traditionsreichen Handwerksbetrieb geprägt: die Seilerei Falkenhagen, gegründet 1847. Ursprünglich stellte die Seilerei Taue und Schiffstaue für die Kohleschiffe her, die auf dem Fluss verkehrten. Heute hat sich der Betrieb auf Spezialseile für die Bauwirtschaft spezialisiert, die in ganz Kohlonia und darüber hinaus gefragt sind. Die Werkstatt mit ihren beeindruckenden hölzernen Spinnmaschinen aus dem 19. Jahrhundert, die noch immer von Hand bedient werden, liegt am nördlichen Ortsrand in einem langgestreckten Fachwerkbau. Inhaber Hendrik Falkenhagen, ein ruhiger Mann mit kräftigen Händen, führt das Unternehmen in fünfter Generation. Nach Voranmeldung zeigt er Besuchern gern die alte Flechttechnik und erzählt, wie sein Ururgroßvater einst die Taue für die fürstlichen Lastkähne lieferte. Aus der Seilergasse, in der die Familie seit jeher wohnt, dringt an Werktagen das rhythmische Surren der Maschinen – ein Geräusch, das zu Viellam gehört wie das Plätschern des Flusses.

Ein bauliches Kuriosum von landesweiter Bedeutung ist der Nudelbach-Kohla-Verbindungskanal, der am nördlichen Ortsrand seinen Ausgang nimmt. Einst als schiffbarer Kanal geplant, der eine durchgehende Wasserstraße zwischen dem Kohla-Fluss und dem Nudelbach im benachbarten Nudelland schaffen sollte, wurde das Vorhaben bald wieder eingedampft: Es gab schlicht nicht genug Wasser, um einen Kanal von ausreichender Tiefe zu speisen. Stattdessen baute man ihn als Bewässerungskanal aus, der sich über 65 Kilometer nach Osten und dann nach Norden durch die Kohlsteppe zieht und der kargen Landschaft fruchtbares Ackerland abringt. Auf den so gewonnenen Flächen gedeiht heute der berühmte Kohlanbau, der dem Land seinen Namen gibt. Wer im Frühjahr über die Kanalbrücke am Ende der Kanalstraße geht, sieht die grünen Felder, die sich schnurgerade in die Ferne ziehen – ein Bild, das man in dieser wasserarmen Region nicht erwartet hätte.

Das öffentliche Leben Viellams ist überschaubar, aber es pulsiert an den richtigen Stellen. Mittelpunkt des sozialen Geschehens ist das Gemeindehaus in der Mühlenstraße, ein umgebauter ehemaliger Stall, in dem die Freiwillige Feuerwehr ihre Gerätschaften lagert, der Heimatverein seine Sitzungen abhält und einmal im Monat ein Filmabend stattfindet. Der Vorsitzende des Heimatvereins, der pensionierte Lehrer Werner Blankenburg, zeigt bei diesen Gelegenheiten mit Vorliebe alte Schwarzweißfotografien und hält die Erinnerung an die Zeit wach, als Viellam noch ein wichtiger Umschlagplatz für Kohle war. Einmal im Jahr, am ersten Samstag im September, richtet die Feuerwehr das traditionelle „Barbara-Fest“ aus, zu dem auch Besucher aus Kohlfähre und Frühlingsdorf anreisen. Dann wird auf dem Platz vor der Kirche gegrillt, die örtliche Blaskapelle spielt auf, und die Kinder führen ein kleines Theaterstück auf, das die Legende der Heiligen Barbara erzählt.

Wer in Viellam einkehren oder übernachten möchte, findet seine Anlaufstelle im Gasthof „Zur Kornmühle“, direkt neben dem Museum. Wirtin Hannelore Schäfer, eine Frau von herzhafter Gemütlichkeit, kocht eine bodenständige Küche, in der der Kohl aus der Region eine Hauptrolle spielt – ihr Kohleintopf mit geräuchertem Schafsfleisch genießt über die Dorfgrenzen hinaus einen guten Ruf. Fremdenzimmer gibt es drei, allesamt im Obergeschoss des alten Bruchsteinbaus, mit Blick auf den Fluss. Reservierung ist in den Sommermonaten ratsam, denn dann kommen Wanderer und Geschichtsinteressierte, die das Tal erkunden. Einen Dorfladen sucht man in Viellam vergeblich; die nächste Einkaufsmöglichkeit findet sich im fünf Kilometer südlich gelegenen Kohlfähre, wohin auch der Schulbus die Kinder bringt. Medizinisch versorgt wird Viellam von Dr. Insa Bohlen, einer jungen Ärztin, die im benachbarten Frühlingsdorf wohnt und neben ihrem Heimatort auch Viellam und Silberstrand betreut. Jeden Mittwochnachmittag hält sie im Gemeindehaus Sprechstunde, und wer sie nicht antrifft, findet ihre Telefonnummer am schwarzen Brett der Kirche.

Wer Viellam verlässt, gleich ob mit der Bahn oder über die B30, die das Dorf in nordsüdlicher Richtung durchschneidet, nimmt einen eigentümlichen Eindruck mit: den eines Ortes, der seine große Zeit hinter sich hat und doch nichts Nostalgisches an sich hat. Zwischen dem schlanken Turmhelm der St.-Barbara-Kirche, den rauchenden Schornsteinen der Seilerei Falkenhagen und dem stillen Wasser des Kanals lebt Viellam in einer selbstbewussten Gegenwart, die weiß, woher sie kommt.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Kohlatalbahn – Linie 14 (Kohlbahn) stündlich 6:36-21:36 nach Kohla, 6:29-21:29 nach Kohlaschleuße, aller 2 Stunden 6:29-20:29 weiter nach Kolaquell
Straße: B30 (S: Kohlfähre 5,5km, O: Herbstplatz 7km); B301 (N: Südort 13km); K303 (W: Frühlingsdorf 12km)

LandKohlonia
LandkreisKohlatal
Postleitzahl: K-9140 Viellam