(Pop.: 106 – 374m NN)

Es gibt Dörfer, die man nicht zufällig findet. Zusma, ein Ort mit 106 Einwohnern auf 374 Metern Höhe im oberen Kohlatal des Kohlgebirges, gehört dazu. Ein paar Dächer ducken sich zwischen den kahlen Hängen entlang der B301. Vom Tal aus schiebt sich der dunkle Wald des Kohlgebirges bis an die Dorfränder heran.

Tritt man aus dem Schatten der Bäume heraus, fällt der Blick sofort auf den weithin sichtbaren Schornstein der Brikettfabrik, die 1958 erbaut wurde und bis heute in Betrieb ist. Über ihr, ein Kilometer südlich des Dorfes, dort wo der Zusmabach aus dem Wald tritt und wenig später in die Kohla mündet, liegt die Grube Zusma I – neben jener in der Kreisstadt die einzige noch aktive Steinkohlenzeche des Landkreises. Täglich fahren hier zwei Schichten ein. Das Förderband, das die Kohle direkt in die Brikettfabrik transportiert, ist die Lebensader des Ortes. Wer morgens um halb sechs durch Zusma geht, hört das Stampfen der Pressen und riecht den feinen Kohlestaub, der sich wie ein grauer Schleier über die wenigen Straßen legt.

Der Ort selbst besteht aus kaum mehr als einer Handvoll Häusern entlang der Dorfstraße. Manche sind aus dunklem Gebirgsstein gefügt, andere verputzt und mit kleinen Gärten versehen, in denen Kohlköpfe und Kartoffeln wachsen. Eine Tankstelle sucht man vergebens, ebenso eine Bankfiliale oder eine Arztpraxis – wer zum Einkaufen oder zum Doktor muss, fährt nach Kohlaschleuße. Geblieben ist, was ein Dorf dieser Größe im Innersten zusammenhält: die kleine Ursula-Kapelle von 1892 und das Wirtshaus „Zum Steiger“.

Die Ursula-Kapelle, ein schlichter Bruchsteinbau mit einem kleinen Glockenturm, steht am oberen Ende der Dorfstraße. 1892 von den Bergleuten der Region errichtet, ist sie der heiligen Ursula geweiht, der Schutzpatronin der Bergleute, die in der kohlonischen Volksfrömmigkeit eine besondere Rolle spielt. Jeden Sonntag um neun Uhr läutet die einzige Glocke zum Gottesdienst, den abwechselnd Pfarrerin Nina Svensson aus Kohlaschleuße oder ein ehrenamtlicher Lektor hält. An St. Ursula, dem 21. Oktober, kommen auch Leute aus Feltal und Kolaquell herüber; dann ist die Kapelle mit ihren zwanzig Bänken tatsächlich gefüllt, und die alte Gertrud Melchior, 78 Jahre alt und seit über fünfzig Jahren Mesnerin, holt die schweren Messingleuchter aus dem Schrank, die sonst nur zu Weihnachten brennen.

Direkt gegenüber der Kapelle liegt das Wirtshaus „Zum Steiger“. Es ist der einzige Gasthof im Dorf, und man könnte sagen: der eigentliche Mittelpunkt Zusmas. Betrieben wird es von Andreas „Andi“ Kowalski, einem ehemaligen Hauer, der nach einem Unfall unter Tage vor zwölf Jahren den Wirt machte. Über der Theke hängen Grubenlampen und ein verblasstes Foto der Belegschaft von 1963. Hier trifft sich nach der Schicht, wer von der Grube I kommt; an den blankgescheuerten Holztischen sitzen Kumpel und gelegentliche Touristen, meist Wanderer, die das Kohlgebirge durchqueren. Andis Frau Marta kocht eine deftige Kohlsuppe nach altem Bergmannsrezept, und donnerstags gibt es das „Steigerpfännchen“ – Bratkartoffeln mit Speck und Spiegelei, serviert in einer gusseisernen Pfanne, die so schwer ist, dass man sie kaum einhändig heben kann. Wer Glück hat, hört an solchen Abenden den alten Karl-Heinz Felber, der mit 74 Jahren noch immer von der großen Flözfund-Theorie erzählt, die ihn sein Leben lang nicht losgelassen hat.

Touristen kommen selten nach Zusma, aber sie kommen. Meist sind es Industriefotografen auf dem Weg nach Zusma II. Sieben Kilometer östlich des Dorfes liegt das stillgelegte Zechengelände, 1982 geschlossen. Der Förderturm steht noch, das Fördergerüst rostet vor sich hin, die Waschkaue ist leer. Ein Zaun hält Besucher fern, doch von der Straße aus bietet sich ein eindrucksvolles Motiv – die Silhouette des Turms vor dem grauen Himmel des Kohlgebirges hat etwas Mahnendes, das an die große Zeit erinnert, als hier über tausend Mann einfuhren. Die Fotografin Elena Markwart, die seit Jahren die Lost Places des Landes dokumentiert, hat Zusma II mehrfach besucht und sagt, die Stille dort sei „von einer ganz anderen Qualität als anderswo – als ob die Maschinen noch atmen“.

Doch es sind nicht nur Fotografen, die den Weg hierher finden. Manche kommen mit der Kohlatalbahn, der Linie 14 der Kohlbahn, die Kohla mit Kolaquell verbindet und alle zwei Stunden in Zusma hält. Von Kohla aus tuckert der Zug in knapp anderthalb Stunden durch das Kohlatal, vorbei an Kohlaschleuße, und wer ausstiege, würde einen winzigen Haltepunkt vorfinden: ein hölzernes Wartehäuschen, eine Bank, ein Fahrplan hinter Glas. Von hier sind es zehn Minuten zu Fuß ins Dorf, vorbei an einem verwilderten Schrebergarten, in dem der pensionierte Bergmann Viktor Krummheuer jeden Morgen seine Tauben füttert.

Im Ort selbst gibt es kein Museum und kein Theater, aber es gibt ein Handwerk, das überlebt hat: der Schuster Friedrich „Fritz“ Hallermeyer betreibt in einem Anbau seines Wohnhauses eine kleine Werkstatt und repariert das Schuhwerk der Umgebung. Seine Kundschaft kommt aus dem ganzen oberen Kohlatal – Wanderschuhe, Arbeitsstiefel, die schweren Schnürstiefel der Bergleute, die noch immer in der Grube I getragen werden. Wer am Vormittag bei ihm vorbeischaut, sieht ihn über den Leisten gebeugt, die halbe Brille auf der Nase, während das Radio leise einen altertümlichen Schlager spielt. Fritz, 66, hat nie woanders gelebt. Sein Vater war Schuster, sein Großvater war Schuster, und dass der Beruf in Zusma noch gebraucht wird, betrachtet er nicht als Nostalgie, sondern als Selbstverständlichkeit.

So lebt Zusma: zwischen dem Takt der Züge, dem Summen des Förderbands und dem Klang der Glocke von St. Ursula. Wer Ruhe sucht und ein Stück kohlonische Arbeitsgeschichte atmen will, ist hier richtig – vorausgesetzt, er bestellt rechtzeitig ein Zimmer. Denn das Dorf hat keine Pension, und Andi Kowalski vermietet die einzige Gästekammer nur auf vorherige Anfrage unter der Theke des „Steiger“ hervor.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 14 (Kohlbahn) aller 2 Stunden 6:45-20:05 nach Kohla, 7:22-21:22 nach Kolaquell
Straße: B301 (W: Kolaquell 5km, O: Kohlaschleuße 12km); Industriestraßen zu den Gruben Kolatal, Zusma I und Zusma II; Feldweg nach Feltal

LandKohlonia
LandkreisKohlaschleuße
Ort: K-2150 Zusma