
(Pop.: 92 – 98m NN)
Saulwitz liegt dort, wo der Saulbach nach einem beschwerlichen Lauf durch die Schluchten des Kohlgebirges endlich das offene Westmeer erreicht. Wer mit der Kohlbahn anreist, nimmt die Linie 12, die stündlich von Westmünde oder der Hauptstadt Kohla kommend den kleinen Haltepunkt des Dorfes ansteuert. Die Schienen führen direkt an der Küste entlang, und der Blick aus dem Fenster schweift über das graugrüne Westmeer, bevor der Zug inmitten einer Welt aus Salz und Schafen zum Stehen kommt. Wer das Auto bevorzugt, folgt der B3 von Westmünde aus sechs Kilometer gen Süden – eine Strecke, die vorbei an kargen Weiden und schroffen Felsküsten führt und den Besucher unvermittelt in das Herz der saulwitzischen Einsamkeit entlässt.

Denn Einsamkeit ist es, was diesen Ort auszeichnet. Mit gerade einmal 92 Einwohnern wirkt Saulwitz wie eine Welt für sich. Die Menschen hier leben von dem, was das Meer und die kargen Wiesen oberhalb des Ortes hergeben: von der Fischerei und der Schafhaltung. Doch es ist vor allem ein Geruch, der das Dorf im Winter unverwechselbar macht – der Geruch von Salz und getrocknetem Fisch. Dann, wenn die Kabeljauschwärme nah an die Küste ziehen, nimmt der zweitgrößte Betrieb für Klippfisch im Landkreis seine Arbeit auf. Der Kabeljau wird ausgenommen, gesalzen und anschließend an der frischen, windigen Luft getrocknet – eine uralte Methode der Konservierung, die hier noch in Handarbeit zelebriert wird. Der Geruch zieht durch jede Gasse, legt sich über die Dächer und wird zum stillen Begleiter des Winterlebens. Wer glaubt, sich daran gewöhnen zu können, der irrt: Dieser Geruch ist so präsent wie das Meer selbst.

Das gesellschaftliche Herz des Dorfes ist das Wirtshaus „Zur wilden Schlucht“. Es liegt nicht direkt am Meer, sondern etwas zurückversetzt, dort, wo der Saulbach aus dem Gebirge tritt. Hier versammelt sich an den langen Abenden die Trinkgemeinschaft des Ortes – Fischer, Schäfer und der eine oder andere Reisende, der den Weg hierher gefunden hat. Ihre Gastfreundschaft ist berüchtigt für ihre Zurückhaltung. Man wird nicht mit überschwänglicher Herzlichkeit empfangen, sondern mit einem knappen Nicken und einem Glas Wacholder, das wie selbstverständlich vor einem hingestellt wird. Wer sich jedoch die Zeit nimmt, still dazusitzen und zuzuhören, der wird Teil einer Gemeinschaft, die ihre Geschichten nicht laut erzählt, sondern in den Pausen zwischen den Schlucken mitschwingen lässt. Ein besonderes Kleinod verbirgt sich im Keller dieses Wirtshauses: die Wacholderbrennerei „Klippfischer“. Es ist keine große Destillerie wie die berühmte „Zum rauen Heinrich“ im benachbarten Westmünde, sondern eine kleine Manufaktur, deren gesamte Produktion ausschließlich über die Theke des Wirtshauses verkauft wird. Der Brenner, ein stiller Mann namens Henning Klaasen, hütet sein Rezept wie ein Staatsgeheimnis. Man munkelt, er gebe dem Wacholder einen Hauch von jener salzigen Meeresluft mit, die das Dorf umgibt – ein Destillat, das so klar und herb ist wie die Küste selbst. Wer ein Glas davon kostet, versteht, warum die Saulwitzer so wortkarg sind: Für Worte ist einfach keine Zeit, wenn der Geschmack so viel zu erzählen hat.
Eine Kirche besitzt Saulwitz nicht. Die Gläubigen des Dorfes machen sich sonntags auf den Weg nach Westmünde, wo die neugotische St.-Ansgarkirche aus dem Jahr 1892 thront. Dort werden die Taufen und Trauungen vollzogen, und dort findet auch der wöchentliche Markt statt, der die wenigen verbliebenen Familien des Dorfes in die Kreisstadt führt. Der Weg dorthin ist kurz – sechs Kilometer entlang der Küste –, aber er markiert eine Grenze: zwischen der stillen Welt Saulwitz‘ und dem etwas geschäftigeren Treiben Westmündes.
Für jene, die das Abenteuer suchen, hält die Umgebung eine ganz besondere Herausforderung bereit. Vom Dorf aus beginnt ein anspruchsvoller Klettersteig, der die tiefe Schlucht des Saulbachs hinauf bis zum Gebirgskamm führt. Die Route ist ungesichert und verlangt Trittsicherheit und Schwindelfreiheit; wer sie geht, ist auf sich allein gestellt. Der Pfad windet sich an senkrechten Felswänden entlang, vorbei an tosenden Wasserfällen und durch dichte, unberührte Wälder. Als Belohnung wartet oben ein Panorama, das den Atem raubt: Ein Blick, der bis zur geheimnisvollen Sturminsel reicht. Geht man dann weiter nach Osten, gelangt man nach Kolaquell – einem Ort, der im Kohlatal liegt und an die Zeit des Kohlebergbaus erinnert.
Die Bewohner Saulwitz‘ sind ein eigenes Volk für sich. Da ist etwa die alte Elke Thomsen, die mit ihrer kleinen Schafherde die kargen Wiesen oberhalb des Dorfes bewirtschaftet. Jeden Morgen steigt sie den steilen Pfad hinauf, ihr Hund immer an ihrer Seite, und kehrt erst am Abend zurück, wenn die Sonne im Westmeer versinkt. Oder Jürgen Feddersen, der Kapitän eines der kleinen Kutter, die in den Wintermonaten den Kabeljau einholen. Seine Hände sind gezeichnet von Salz und Arbeit, und wenn er im Wirtshaus erzählt, dann tut er das mit leiser Stimme und langen Pausen – als ob jedes Wort erst gegen den Wind erkämpft werden müsste.
Saulwitz ist kein Ort für Eilige. Es ist ein Dorf, das im Rhythmus der Gezeiten lebt, ein Flecken Erde, an dem die Zeit stillzustehen scheint. Wer hierherkommt, sollte bereit sein, sich diesem Rhythmus hinzugeben – und vielleicht ein Glas Wacholder mit Henning Klaasen zu trinken. Denn die wahren Geschichten dieses Ortes werden nicht erzählt, sie werden getrunken.
Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 7:08-22:08 nach Westmünde, 6:45-19:45 über Fährstedt und Silberstrand nach Kohla, 20:45 nach Silberstrand, 21:45 nach Fährstedt
Straße: B3 (N: Westmünde 6km, S: Fährstedt 9km); Wanderpfad das Saulbachtal hinauf ins Kohlgebirge und hinüber nach Kolaquell 23km

