(Pop.: 1.825 – 9m NN)

Dort, wo der Rauschenbach nach einem gemächlichen Lauf durch die ersten, sanft ansteigenden Ausläufer des Kohlgebirges die Sturmsee erreicht, liegt Strandstedt. Mit seinen 1.825 Einwohnern ist es nach der Kreisstadt die zweitgrößte Kommune im Landkreis Kohlaschleuße, und doch definiert sich der Ort weniger über seine schiere Größe als über eine eigentümliche Doppelnatur, die ihn von den Nachbargemeinden abhebt. Wer von Osten über die Bundesstraße 302 aus dem verschlafenen Sosufer kommt, sieht den Ort zunächst als eine verdichtete Silhouette aus Backstein und Schiefer vor der unruhigen, oft stahlgrauen Wasserfläche der Sturmsee liegen. Der Turm der St.-Nikolaus-Kirche, ein massiver, wehrhaft wirkender Westturm von 1704, dient dabei als unübersehbare Landmarke.

Die Historie Strandstedts ist untrennbar mit dem Boden verbunden, auf dem es steht, und mit dem, der im Hinterland abgebaut wurde. Im 17. Jahrhundert, als die Förderung der Kohle in Kohlonia einen ersten Aufschwung erlebte, erkannten findige Kaufleute den strategischen Wert dieser windgeschützten Bucht. Der Rauschenbach, damals noch wasserreicher, bot eine letzte, kurze Rinne ins Inland, und so entstand ein simpler Hafen für den Abtransport des schwarzen Goldes. Der Ort wuchs als Umschlagplatz, eine Betriebsamkeit, die sich bis heute im kollektiven Gedächtnis und im Stadtbild erhalten hat, auch wenn die großen Frachtsegler längst anderen Erwerbszweigen gewichen sind. Vom alten Hafenbecken, 1921 mit modernen Kaimauern ausgebaut, legen heute keine Kohlenkähne mehr ab. Stattdessen dümpeln hier die weißen Rümpfe der Sportschifffahrt in ihren Boxen, und an Sommerabenden liegt der Geruch von Seetang und Bootslack in der Luft. Das benachbarte, architektonisch spektakuläre Zentrum für Ozeanografie und Meeresbiologie ist dagegen ein Kind des späten 20. Jahrhunderts und hat den alten Hafen um eine neue, wissenschaftliche Facette bereichert. In seinem Foyer, das wie das Innere einer modernen Nautilus gestaltet ist, erklärt Dr. Larissa Brinkmann Besuchern anhand eines riesigen, lebenden Sturmsee-Aquariums die empfindlichen Wechselwirkungen zwischen den unterseeischen Kohleflözen und dem marinen Ökosystem der Sturmsee.

Diesem wissenschaftlichen Geist des Forschens und Nutzens der maritimen Umwelt begegnet man am südlichen Ende der Uferpromenade in ganz anderer, industrieller Form. Dort, wo früher die Kohlewaggons auf die Schiffe entladen wurden, hat sich die OceanWave Power GmbH angesiedelt. Das unscheinbare Verwaltungsgebäude, ein flacher Zweckbau aus den 1980er-Jahren, beherbergt eines der innovativsten Unternehmen Kohlonias. Hier entwickelt ein Team um den Ingenieur Henning Benthien Wellenkraftwerke, die die fast sprichwörtliche Unruhe der Sturmsee in elektrische Energie umwandeln. In der angeschlossenen, hallenden Testhalle surren und stampfen Prototypen, die später vor der Küste verankert werden. Es ist diese Mischung aus historischer Kulisse und zukunftsweisender Technik, die einen Spaziergang auf der Uferpromenade so reizvoll macht. Die Promenade selbst wird gesäumt von jenen robusten Backstein-Lagerhäusern, die einst für die Kohle errichtet wurden und deren dicke Mauern und hohen Bogenfenster heute zu den begehrtesten Immobilien des Ortes zählen. In einem dieser Häuser, mit direktem Blick auf die Mole, residiert das Hotel „Zum alten Kai“ von Judith und Malte Freese, bekannt für seine sturmfesten Fenster und ein Frühstück, bei dem der Honig vom Imker aus dem nahen Eichenhain stammt.

Das Sanatorium für Kohlebergleute, ein imposanter, wenn auch etwas in die Jahre gekommener Klinkerbaukomplex am Ortsrand, erzählt eine ganz eigene Geschichte. Errichtet zu einer Zeit, als die kohlonische Kohleindustrie ihren Zenit erreichte und die Kumpel aus dem gesamten Landkreis und darüber hinaus hier Erholung fanden, ist es heute deutlich kleiner als noch in den 1970er-Jahren. Die reduzierten Kapazitäten zwingen die Leitung jedoch nicht zum Stillstand; im Gegenteil, man hat sich geöffnet. Heute kurieren hier nicht nur kohlonische Bergleute ihre Staublungen und Gelenke aus, sondern auch Gäste aus anderen Ländern Landauris genießen die salzhaltige Luft.

Das absolute Prunkstück und Kuriosum zugleich ist der große Saunagarten. Der Architekt, ein Mann von zweifelhafter Empathie namens Alois Pfahl, hatte dereinst die fixe Idee, die einzelnen Saunakabinen als detailgetreue Nachbildungen von Bergwerksstollen zu gestalten. Rohes Holz, niedrige Decken, das gedämpfte Licht von Grubenlampen – es ist eine Saunalandschaft, die den Charme eines Strebs unter Tage versprüht. Dass ausgelaugte Kohlekumpel zur Erholung vielleicht lieber eine Sauna mit Meerblick oder zumindest ohne Abbauatmosphäre genossen hätten, ist eine Ironie, die man sich unter den Gästen gern mit einem Schmunzeln erzählt. Besonders spektakulär ist das kalte Tauchbad, das sich in einer künstlichen Tropfsteinhöhle verbirgt und an heißen Tagen für einen unvergleichlichen Kälteschock sorgt. Das Haus wird heute von der pragmatischen Direktorin Dr. med. Inga Dornebusch geleitet, die Pfahls architektonischem Erbe mit einer Prise Galgenhumor begegnet und regelmäßig darauf hinweist, dass der Heilerfolg ihrer Einrichtung trotz der grubenromantischen Kulisse exzellent sei.

Das gesellschaftliche Leben Strandstedts pulsiert am deutlichsten nach Einbruch der Dunkelheit, und zwar in einem ehemaligen Kühlhaus am Ende des Hafenbeckens. Der „Sternenstaub“-Nachtclub, betrieben vom legendären, stets in schwarzen Samt gekleideten Björn Kaskade, ist eine Institution, die weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannt ist. An den Wochenenden verwandelt sich die rohe Industriearchitektur in einen vibrierenden Ort, wo zwischen rostigen Stahlträgern und unter Discokugeln, die aus alten Bergwerkslampen gefertigt wurden, die Jugend Kohlaschleußes tanzt. Es ist der Ort, an dem sich die Meeresbiologie-Studentin im Praktikum, der Techniker von OceanWave und der Matrose von der Segelyacht begegnen und bis in die frühen Morgenstunden zu Bässen feiern, die man an stillen Tagen bis zum drei Kilometer entfernten Argeno spüren soll.

Die St.-Nikolaus-Kirche, deren Turm von Weitem so dominant erscheint, offenbart aus der Nähe ein schlichtes, kirchenschiffartiges Langhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert. Innen überrascht sie mit einer hellen, fast intimen Atmosphäre und einem geschnitzten Altarretabel, das, passend zur Geschichte des Ortes, den Heiligen Nikolaus nicht nur als Bischof, sondern auch als Schutzpatron der Seeleute und Händler zeigt. Hier zelebriert Pastorin Mareike Nissen jeden Sonntag um zehn Uhr den Gottesdienst, und es ist nicht unüblich, dass an stürmischen Herbsttagen, wenn die See gegen die nahe Ufermauer drückt, ihre Predigt um eine Bitte für die Fischer und Forschungsfahrten draußen auf See ergänzt wird.

Abseits der maritimen Betriebsamkeit und der Wissenschaft beginnt Strandstedt jedoch auch, eine andere Seite zu zeigen. Gen Süden und Westen steigt das Land unmerklich an. Es sind die ersten, noch sanften Ausläufer des Kohlgebirges, die den Ort mit einem Ring aus Eichenhainen umschließen und das Mikroklima spürbar prägen. An der Straße „Hinter den Eichen“ hat der Kunstschmied Jonte Blixt seine Werkstatt, und der Duft seines Schmiedefeuers mischt sich an windstillen Tagen mit der herben, würzigen Luft des Waldes. Ein schmaler Pfad führt von hier aus in weniger als einer halben Stunde zum „Hohen Ufer“, einer Aussichtskanzel, von der aus der Blick über die gesamte Bucht, den Ort und die sich endlos dehnende Sturmsee schweift.

Die Erreichbarkeit Strandstedts ist bemerkenswert gut für einen Ort dieser Größe. Die Kohlbahn, das Rückgrat der Region, bindet ihn mit zwei Linien an. Stündlich fahren die modernen Triebwagen der Linie 12 auf der Stammstrecke in die Hauptstadt Kohla oder in die Gegenrichtung nach Westmünde, während die Linie 13 im Zweistundentakt den Abzweig an die Küste nach Boxbucht bedient. Der kleine, gepflegte Bahnhof mit seinem hölzernen Wartehäuschen und den bunten Blumenkübeln, die die Bahnhofsvorsteherin Meta Quast eigenhändig bepflanzt, liegt nur einen kurzen Fußmarsch vom Zentrum entfernt.

Für das leibliche Wohl ist in Strandstedt auf unterschiedlichstem Niveau gesorgt. Neben dem Restaurant im „Alten Kai“ hat sich das „Kuttersiel“ in der Mühlenstraße unter der Leitung des Kochs Timon Vehrs einen Namen für seine kohlonisch-maritime Küche gemacht, die auf fangfrischen Fisch und das herzhafte Grubenbrot der Bäckerei Meerschaum setzt. Letztere, geführt von Bäckermeisterin Anni Meerschaum in der fünften Generation, ist eine Institution. Ihr Brot, gebacken in einem 150 Jahre alten Steinofen, wird selbst von Urlaubern aus Goldstrand kistenweise mit nach Hause genommen. Einen kleinen, aber feinen Supermarkt findet man in der Ladenzone am Hafen, und für ausgefallenere Besorgungen nimmt man gern die Bahn ins nahe Kohla.

Strandstedt ist kein Ort der lauten Attraktionen. Seine Anziehungskraft erschließt sich aus dieser einzigartigen Melange: die wilde Romantik der Sturmsee, die man vom Sandstrand aus am besten bei Westwind erlebt, wenn die Strandsegler mit atemberaubender Geschwindigkeit über die feuchte Sandfläche jagen; das stille Wissen der Meeresbiologen; die klirrende Industrievergangenheit, die auf eine leise, forschende Zukunft trifft; die kuriose Geborgenheit einer Stollensauna; und eine Landschaft, in der Kohlenflöz und Eichenhain, Brandung und Bergausläufer unmittelbar aufeinandertreffen.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 6:42-20:42 über Silberstrand nach Kohla, 21:42 nach Silberstrand, 6:23-21:23 nach Westmünde; Linie 13 (Kohlbahn) aller 2 Stunden 6:45-20:45 nach Boxbucht
Straße: B302 (W: Sosufer 8km, NO: Argeno 3km); Sturmküstenweg (S: Goldstrand 6km)

LandKohlonia
LandkreisKohlaschleuße
Ort: K-2010 Strandstedt