(Pop.: 102 – 15m NN)

Kaum dass man die schmale B302 hinter sich gelassen hat und die ersten Häuser von Alno auftauchen, spürt man es: Dieser Ort lebt im Rhythmus von Wolle und Wind. Gerade einmal 102 Seelen zählt das kleine Dorf, das sich hier, am Fuße des Kohlgebirges, an die nördliche Küste der Sturmsee duckt. Nur fünfzehn Meter über dem Meeresspiegel gelegen, bietet es einen atemberaubenden Blick über das oft aufgewühlte Wasser – und bei klarem Wetter, wenn die Abenddämmerung das Westmeer in tiefes Blau taucht, funkeln nachts im Westen die Lichter von Chomwat herüber, das zehn Kilometer entfernt auf der Sturminsel liegt.

Dabei ist Alno mehr als nur ein stiller Beobachtungsposten am Rande der bekannten Welt. Der Ort hat sich über Generationen hinweg eine hochspezialisierte Nische erobert: die Verarbeitung der Schafswolle aus den Herden des Hinterlandes. Was einst in der alten Dorfschule begann, ist heute das wirtschaftliche Herz des Ortes. Das Gebäude, ein schmuckloser, aber solider Bau aus verwittertem Holz, dient nun als Spinnerei und Weberei. Hier entstehen unter den kundigen Händen der Weberin Greta Mellmann und ihrer drei Gesellen robuste Wollstoffe, die den rauen Alltag an der Küste ebenso überstehen wie die schneereichen Winter im Gebirge. Per Kohlbahn werden die fertigen Bahnen in alle Teile Kohlonias verschickt – ein stolzer Gedanke für die Alnoer, die wissen, dass ihre Arbeit bis in die Hauptstadt Kohla und darüber hinaus geschätzt wird.

Doch Alno wäre nicht Alno ohne seine stillen Heiligtümer. Die kleine, holzverschalte Kapelle zum guten Hirten thront auf einer leichten Anhöhe über dem Dorf. Ihr markantester Schmuck ist der Dachreiter, der seit Menschengedenken ein wenig schief steht – was die Bewohner nicht etwa als Makel, sondern als Zeichen von Besonderheit und Authentizität betrachten. Die Legende will, dass der Zimmermann, der ihn einst errichtete, beim letzten Nagel einen Schluck zu viel vom hiesigen Wacholder genommen hatte. Ob das stimmt, sei dahingestellt; fest steht, dass die Kapelle ein Ort der Ruhe ist, an dem die Fischerfrauen und Schäferinnen regelmäßig für eine sichere Rückkehr der Ihren beten.

Einmal im Jahr, im Spätsommer, wenn die Tage noch lang und die Schafe frisch geschoren sind, verwandelt sich der Dorfplatz in ein buntes Treiben: der Alnoer Wollmarkt, der einzige seiner Art im ganzen Land. Dann reihen sich Stände an Ständen, an denen die Erzeugnisse der umliegenden Schäfereien feilgeboten werden – rohe Vliese, gesponnene Garne, fertig gewebte Decken und Stoffe. Es duftet nach Lanolin, nach Heu und nach dem Rauch der nahen Brennerei. Der Markt zieht Händler und Handwerker aus dem gesamten Landkreis Westmünde an, und für eine Woche ist Alno der Nabel der kohlonischen Wollwelt.

Denn die Alnoer Wacholderbrennerei „Steinbock“ ist ebenso legendär wie ihr Erzeugnis. Sie bietet neben dem klassischen, klaren Schnaps eine ganz besondere Variante an: einen Wacholder mit einer leichten Rauchnote, die dadurch entsteht, dass die Gerste über offenem Feuer geräuchert wird, bevor sie in die Destille wandert. Der Brennmeister, ein alter Hase namens Jürgen Klapproth, hütet dieses Geheimnis wie seinen Augapfel. Bei einem Besuch in der kleinen Verkaufsstube kann man die verschiedenen Sorten probieren und wird schnell feststellen, dass der „Steinbock“ weit mehr ist als nur ein Getränk – er ist ein Stück Heimat, das in jeder Flasche steckt.

Und wo würde man diesen Wacholder besser genießen als im „Zum letzten Schaf“? Das Wirtshaus, geführt von der Familie Grönland, ist der soziale Treffpunkt des Ortes. Seit über hundert Jahren pflegt man hier eine herzliche Stammtischkultur. Wer an einem der schweren Holztische Platz nimmt, wird schnell in Gespräche verwickelt – über das Wetter, über die Schafherden, über den neuesten Tratsch aus der Kreisstadt Westmünde. Die Wirtin, Helga Grönland, serviert dabei die regionale Spezialität „Stock und Schaf“. Dieser deftige Eintopf aus gewässertem Stockfisch, Lammfleisch und Graupen, verfeinert mit Wacholderbeeren und einem großzügigen Schuss Schnaps, ist die ideale Stärkung für jeden, der die raue Schönheit der Küste erkundet hat.

Die Anbindung an die Welt da draußen ist denkbar einfach: Die Kohlbahn-Linie 12 hält stündlich in Alno und verbindet den Ort mit der Kreisstadt Westmünde im Norden sowie über Silberstrand mit der Hauptstadt Kohla im Süden. Wer mit dem Auto kommt, folgt der B302, die von Fährstedt im Norden kommend über Alno weiter nach Remberg im Osten führt. So abgeschieden der Ort auch wirken mag – er ist fest eingewoben in das Netz der Region. Alno ist kein Ort für Hektik und Großstadt-Trubel. Es ist ein Ort für Menschen, die das Ursprüngliche schätzen: den Geruch von Wolle und Rauch, den Geschmack von kräftigem Schnaps und herzhaftem Eintopf, das Gefühl von Wind und Weite. Ein Besuch hier ist wie eine Reise in eine Welt, in der die Uhren etwas langsamer ticken – und in der das Leben noch nach klaren, einfachen Regeln funktioniert. Wer einmal im „Zum letzten Schaf“ gesessen und bei einem Glas „Steinbock“ den Lichtern von Chomwat zugesehen hat, der wird verstehen, warum die Alnoer ihre Heimat so sehr lieben.


Zum eigentlichen Alno gehört aber auch das kleine Vierhaus oben im Gebirge – dort, wo die Weideflächen aufhören und der Wald beginnt. Sechzehn Menschen leben in dieser einfachen Ansammlung von vier Häusern am Waldrand. Es ist der zentrale Schafschurplatz für die Schäfereibetriebe des gesamten Landkreises. Von hier aus werden die Tiere auf die steilen Weidehänge nach Norden getrieben, wo sie das würzige Bergkraut fressen, das der Wolle ihre besondere Qualität verleiht. Ein eigenes Wirtshaus gibt es oben nicht; dafür teilen sich die Bewohner ihren selbstgebrannten Wacholderschnaps aus einer kleinen Destille, die sie liebevoll „den Lämmerhengst“ nennen. Wer die sieben Kilometer lange Feldstraße von Alno aus in Angriff nimmt, wird mit einem atemberaubenden Panorama über die gesamte Suhler Meerenge belohnt.


Verkehrsverbindungen:
Bahn: Linie 12 (Kohlbahn) stündlich 6:47-21:47 nach Westmünde, 6:16-20:16 über Silberstrand nach Kohla, 21:16 nach Silberstrand
Straße: B302 (N: Fährstedt 12km, O: Remberg 10km); Feldstraße nach Vierhaus 7km

LandKohlonia
LandkreisWestmünde
Gemeinde: K-6110 Alno (Kohlgebirge)
Orte: K-6110 Alno (Kohlgebirge), K-6111 Vierhaus (Kohlgebirge)